Wolfgang Schorlau
Das dunkle Schweigen
Thomas Klingenmaier, STZ vom 22.11.2005, veröffentlicht am 25.11.2005
Foto: Verlag
Siehe auch
Der deutsche Landser war anständig - und erst recht der deutsche Zivilist. Gräueltaten haben allenfalls ein paar Nazifanatiker und entartete Schurken begangen. Das ist die unbelehrbar zähe und verbohrte Haltung vieler Überlebender und Nachgeborener zum Schrecken des Naziregimes. Sie trotzt jeder historischen Aufarbeitung. Was können Fakten gegen gehätschelte Gedächtnislücken schon ausrichten? Der Stuttgarter Autor Wolfgang Schorlau aber lässt in "Das dunkle Schweigen" Spuren eines vergessenen Verbrechens im Hier und Heute auftauchen wie einen der Blindgänger, die von Baggern bei Fundamentarbeiten aus dem Untergrund der Stadt gekratzt werden. Die Umstehenden wissen dann auf den ersten Blick nicht einmal, was sie vor sich haben: ein rostiges Stück Kriegsschrott, das nur noch ein verblichenes Foto seiner selbst ist, eher Erinnerung als Präsenz, oder eine intakte Zerstörungsmaschine, die jederzeit ein Stück Gegenwart zerfetzen kann.
Schorlau hat schon in seinem ersten Krimi "Die blaue Liste" die Grenzen des Regionalkrimis überschritten. Dem Exzielfahnder Dengler, der nun im Stuttgarter Bohnenviertel als Privatdetektiv auf Klienten hofft, waren da im Lauf eines vermeintlichen Routinefalls Teile eines Infopuzzles untergekommen, die sich zu einer bedrohlichen Neuinterpretation bekannter Ereignisse zusammensetzen ließen. Der Mord am Treuhandchef Detlev Karsten Rohwedder 1991 entpuppte sich im Gedankenspiel von Schorlau als Komplott von Staatsbediensteten und Wirtschaftskreisen, die sich eines unliebsamen Reformers entledigten.
Auch im rund 330 Seiten starken Roman "Das dunkle Schweigen", den der Autor heute Abend um 20 Uhr im Stuttgarter Literaturhaus im Gespräch mit dem Journalisten Wolfgang Niess selbst vorstellt, erleben wir Dengler als Mann der Linken, als einen, der mit dem vermeintlichen Sozialfrieden mitten in der Wirtschaftskrise nichts am Hut hat. In Gedanken und im Gespräch mit Freunden hadert er mit einer Gesellschaft, in der immer höhere Profite zugleich immer mehr Arbeitslosigkeit produzieren und in der protziger Reichtum sich mitten in einem ärmer werdenden Gemeinwesen plustert.
Weil Dengler aber kein Erfolgstyp ist, muss er schon mal Jobs annehmen, die er eigentlich verabscheut, zum Beispiel als einer von vielen Security-Mietlingen bei einer Milliardärsparty aushelfen. Schorlaus nahezu angeekelte Beschreibung der Luxusmarotten und Oberklassedekadenz lässt keinen Zweifel daran, dass er den Krimi nicht als ein Genre sieht, das über den Dreck hinter den Hütten berichten und den Palästen ihren Frieden lassen sollte.
Der zweite Handlungsstrang, der in den letzten Kriegstagen in der deutschen Provinz spielt, von der Flucht eines abgeschossenen US-Piloten und dem Verhalten jener hitlerschen Vogelscheuchenarmee der letzten Stunde handelt, die den zuvor am Himmel unerreichbaren Feind nun in die Finger bekommt, scheint nur auf den ersten Blick ganz ferne Historie und der Kram vergilbender Akten.
Zu den Stärken des Romans zählt, dass Schorlau nicht einfach braune Schurken entwirft, die sich später skrupelfrei ins bürgerliche Heldenleben retten, sondern dass er zeigt, wie eine kritische Masse von Dummheit, Rohheit, Fanatismus und Unrecht jene beeinflusst und verändert mitreißt, die gar nichts Böses wollen. Trotzdem ist "Das dunkle Schweigen" schwächer als der Vorgänger ausgefallen.
Schorlau übertreibt es mit den Kneipengängen, der Genussfähigkeit und dem praktizierten Anstand von Dengler, ihm rutscht die Sozialkritik ins Phrasenhafte. Und dass sich just bei einem Besuch der schwarzen Blueskneipen von Chicago, Denglers kultureller Wahlheimat, entscheidende Hinweise zu einem Fall aus der schwäbischen Provinz finden, in dem der Stuttgarter Detektiv gerade nicht weiterkommt, das ist mehr, als auch ein williger Leser dem Zufall zutrauen mag. Wolfgang Schorlau will bunte, vielschichtige Krimis bieten - aber hier lenkt er vom Wesentlichen auch oft ab.
Schorlau hat schon in seinem ersten Krimi "Die blaue Liste" die Grenzen des Regionalkrimis überschritten. Dem Exzielfahnder Dengler, der nun im Stuttgarter Bohnenviertel als Privatdetektiv auf Klienten hofft, waren da im Lauf eines vermeintlichen Routinefalls Teile eines Infopuzzles untergekommen, die sich zu einer bedrohlichen Neuinterpretation bekannter Ereignisse zusammensetzen ließen. Der Mord am Treuhandchef Detlev Karsten Rohwedder 1991 entpuppte sich im Gedankenspiel von Schorlau als Komplott von Staatsbediensteten und Wirtschaftskreisen, die sich eines unliebsamen Reformers entledigten.
Auch im rund 330 Seiten starken Roman "Das dunkle Schweigen", den der Autor heute Abend um 20 Uhr im Stuttgarter Literaturhaus im Gespräch mit dem Journalisten Wolfgang Niess selbst vorstellt, erleben wir Dengler als Mann der Linken, als einen, der mit dem vermeintlichen Sozialfrieden mitten in der Wirtschaftskrise nichts am Hut hat. In Gedanken und im Gespräch mit Freunden hadert er mit einer Gesellschaft, in der immer höhere Profite zugleich immer mehr Arbeitslosigkeit produzieren und in der protziger Reichtum sich mitten in einem ärmer werdenden Gemeinwesen plustert.
Weil Dengler aber kein Erfolgstyp ist, muss er schon mal Jobs annehmen, die er eigentlich verabscheut, zum Beispiel als einer von vielen Security-Mietlingen bei einer Milliardärsparty aushelfen. Schorlaus nahezu angeekelte Beschreibung der Luxusmarotten und Oberklassedekadenz lässt keinen Zweifel daran, dass er den Krimi nicht als ein Genre sieht, das über den Dreck hinter den Hütten berichten und den Palästen ihren Frieden lassen sollte.
Der zweite Handlungsstrang, der in den letzten Kriegstagen in der deutschen Provinz spielt, von der Flucht eines abgeschossenen US-Piloten und dem Verhalten jener hitlerschen Vogelscheuchenarmee der letzten Stunde handelt, die den zuvor am Himmel unerreichbaren Feind nun in die Finger bekommt, scheint nur auf den ersten Blick ganz ferne Historie und der Kram vergilbender Akten.
Zu den Stärken des Romans zählt, dass Schorlau nicht einfach braune Schurken entwirft, die sich später skrupelfrei ins bürgerliche Heldenleben retten, sondern dass er zeigt, wie eine kritische Masse von Dummheit, Rohheit, Fanatismus und Unrecht jene beeinflusst und verändert mitreißt, die gar nichts Böses wollen. Trotzdem ist "Das dunkle Schweigen" schwächer als der Vorgänger ausgefallen.
Schorlau übertreibt es mit den Kneipengängen, der Genussfähigkeit und dem praktizierten Anstand von Dengler, ihm rutscht die Sozialkritik ins Phrasenhafte. Und dass sich just bei einem Besuch der schwarzen Blueskneipen von Chicago, Denglers kultureller Wahlheimat, entscheidende Hinweise zu einem Fall aus der schwäbischen Provinz finden, in dem der Stuttgarter Detektiv gerade nicht weiterkommt, das ist mehr, als auch ein williger Leser dem Zufall zutrauen mag. Wolfgang Schorlau will bunte, vielschichtige Krimis bieten - aber hier lenkt er vom Wesentlichen auch oft ab.
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