Brokeback Mountain
Melodram unter Männern
Ruprecht Skasa-Weiß, veröffentlicht am 09.03.2006
Filmbeschreibung
Bekannt aus der Wahrnehmungspsychologie ist die Kippfigur: Auf den ersten Blick sieht man zwei schwarze, gegeneinander gekehrte Profile, auf den zweiten einen weißen Kelch. Oder umgekehrt: erst Kelch, dann Profile. Nie aber beides zugleich. "Brokeback Mountain" ist eine filmszenisch bewegte Kippfigur. Ang Lee, der New Yorker Bravourregisseur aus Taiwan, macht den Amerikanern ein Wahrnehmungsdilemma bewusst: Sie fixieren ein Leinwandereignis, dem sie Eindeutigkeit kaum abgewinnen können. Ist das "normal"? Oder? Oder sollte es nicht doch normal sein?
Viele sehen in "Brokeback Mountain" zunächst bloß die Konturen zweier gegeneinander gekehrter Cowboys. Also ein blankes schwüles Schwulenmelodram, Zelt-Sex zwischen gestiefelten, lassoschwingenden Burschen, Kussabenteuer, eingerahmt von Stoppelbart und Stetsonkrempe - eine Männerbrunst-Story zur wohlfeilen Entzauberung des Mythos vom Westerner, halb pervers und vollauf schmähenswert (wozu passt, dass katholische US-Bischöfe prompt protestierten: "moralisch anstößig" sei dieser Film).
Andere, vor deren Blick der Homoaspekt schnell verschwindet, erkennen klar den Umriss einer großen Liebe, eines Begehrens, das so schmerzlich-schlimmtraurig endet wie die meisten großen Lieben. Und ihre Wahrnehmung lehrt sie, dass dieser Film vom Menschlichsten erzählt, das auf Erden vorfallen kann, solange Männer mit Männern, Frauen mit Männern, Frauen mit Frauen umgehen.
Der zweite Draufblick ist zwingender, stärker, er macht, dass die Ansichten auch der vorurteilsstärksten US-Bürger "kippen". War die Verleihung des venezianischen Goldenen Löwen ein erstes Signal, so hat "Brokeback Mountain" seit dem Donnergepolter der Globes und der Oscaranerkennung für den Regisseur triumphale Resonanz gefunden, sogar im hintersten Amerika. Der ergreifenden Macht dieses Films entgeht keiner.
Ang Lee ist ein erstaunlicher Regisseur, unerschrocken vielseitig wie wenige. Dass er sich auf opulente, landschaftsszenisch grandiose Filme versteht, Stoffe von rauschender Sinnlichkeit ebenso liebt (und meistert) wie die sozialkritisch durchätzten Momentaufnahmen früherer Tage, hat er bewiesen mit Werken, die man Kinoliebhabern nicht eigens herzählen muss. Wie, was aber tischt er diesmal auf? Karg, lakonisch, einsilbig: eine äußerst schlichte Geschichte - beinah könnte man sagen, er trage die Leinwanderzählung stockend vor, verstockt bis zur Maulfaulheit, allerdings sehr penibel und ungeheuer getreu. Denn die Story ist typisch für ihre Zeit.
Zwei können zusammen nicht kommen, nur, voneinander lassen können sie ebenso wenig: Ihre Liebe bleibt unausgelebt, zernichtet von den Zwängen der Konvention. So etwas mag typisch sein für alle Zeiten, in denen die Gesellschaft die Regularien vorgibt, nach denen Liebende sich einrichten sollen im Sperrkäfig der Bindungen, des erlaubten gottgefälligen Zusammenlebens. Hier aber sind die Liebenden Schwule. Und die Zeit ist 1963. Und die Szenerie ist Wyoming: eine Bergwelt, ein Weideland, wie es entrückter, weltabgeschiedener die verwegenste Marlboro-Fantasie nimmer ausmalen kann.
Vor großer Landschaft ein intimes Menschendrama; Herzensfeinheit unter blizzarddunklen Himmeln: solche Spielräume zu eröffnen, hie eng, hie weit, ist eine Kunst, die Ang Lee glänzend beherrscht. Das Wipfelwogen der Wälder, die Karre im Schneesturm, Schafherden, die wie ein unaufhörlicher Wollleiberstrom in Gebirgstäler fließen (Kamera: Rodrigo Pietro) - in der Tat, atemraubend! Kein Wunder, dass die beiden stillen Männer später, als sie längst ungut verheiratet sind, sich fortwünschen von ihren Weibern, von den quengelnden Blagen und penetranten Animierschicksen, von dem ganzen lästigen lärmigen Spießerleben, wie es die Provinznester der siebziger Jahre erfüllte. Da wünschen sie sich zurück nach Brokeback Mountain, dem magischen Ort ihrer Liebe, den je wieder aufzusuchen sie sich gleichwohl hüten.
Der Film schildert, was vorfiel, von vorn. Bedachtsam, jeden verstohlenen Blick registrierend (stets sind es Blicke unter Krempen hervor, denn Hüte, aufgestellte Jackenkragen sind ihre Panzerung, schon die verschlossenen Münder zeigen an, wie es um sie bestellt ist). Wie also diese armen, arbeitslosen Teufel im Vorraum wortlos zuwarten - ob sie den Campbewacher-Job bekommen beim Rancher, dem nichts pressanter ist als das Problem, dass ihm gelegentlich ein Schaf gerissen wird. Wie die beiden den Job also kriegen, wortlos verbündet, und Vieh treiben, tälerauf, tälerab, mal aus nächster Nähe in den Rachen eines Grizzly starrend, mal beutelos heimkehrend von der Elchjagd. Wie sie einander das Nötigste irgendwann wissen lassen, woher, wohin, also dass beider Väter Bullenreiter, Lassowerfer waren und dass sie sich eine Rodeoreiterzukunft denken könnten. Aber eine verheiratete wohl auch.
Und wie dann die Sturmnacht kommt: Jack liegt im Zelt, und Ennis, dem der Wind das seine zerfetzt hat, kauert bibbernd im Freien - und wie Jack ihn endlich hereinholt unter sein Bahnendach. Was folgt, ist wieder das, das Nötigste. Es geschieht in einem einzigen Raptus, überfallartig. Am andern Morgen, als die Sonne goldgelb ihre Gesichter vorm Zelt bescheint, werden sie wenig sagen. Nur: "Bis zum Abend." Und: "Ja, los."
Bei aller Wortkargheit: dieser Vorfall, ihr Geheimnis und unauslöschlicher Anfang der Liebe, ist schon die Klimax des Melodrams. Das Glücksmoment, das sich in keine Zukunft mehr hinüberretten lässt. Zwanzig weitere Jahre werden folgen, sie bringen sie hin in kruden Anpassungsmühen, seltsam verbürgerlicht - Fassadenexistenzen, deren "Natur" eine andere wäre. Zurück zu ihrer Natur: in diesem Traum steckt die ganze Sehnsuchtsdimension des Films. Mit Lagerfeuern unterm Vollmond, von Gitarrenklängen begleitet - in einer berückend wildschönen Welt, als seien Richard Avedons "Photographs of the American West" filmisch wiedererstanden. (In der Tat, an Avedons Fotoband orientierten sich Ang Lee und seine Location-Fahnder.)
Da lässt sich vieles mitgenießen, nachempfinden. Auch die schmallippige Verschlossenheit, mit der Heath Ledger als handfest-gehemmter Ennis sein Gefühlsleben kontrollieren will, rührt an - genau wie Jake Gyllenhaals leise lächelnde Zuversicht, die so lockend und so verzweifelt auf eine Bleibe für ihre Liebe hofft. Großartige Schauspieler, beide. Und der letzte "Nachruf" auf diese Liebe, bricht er uns nicht fast das Herz?
Überhaupt habe ja auch das Filmteam, wie zu hören war, teils schon beim Lesen des Drehbuchs geheult. Ang Lee selber sagt, ihm seien, als er zum ersten Mal Annie Proulx' Shortstory las - die Kurzgeschichte, auf welcher das Drehbuch basiert -, die Tränen gekommen. Zu viel der Melodramatik? Ein New Yorker Kritiker knurrte, "Brokeback Mountain" sei quasi "Vom Winde verweht" für Schwule. Das Diktum trifft's - und haut doch daneben. Denn Ang Lees Film ist ergreifend. Und Ergreifendes kann man nicht adressieren "für", es fasst alle an, jeden Menschen - um des Menschlichen willen. Und damit, dass er das geschafft hat, in dieser wunderbaren filmgezeugten Kippfigur, hat Ang Lee mehr "für die Schwulen" getan als tausend Coming-out-Geschichten je zuvor.
Viele sehen in "Brokeback Mountain" zunächst bloß die Konturen zweier gegeneinander gekehrter Cowboys. Also ein blankes schwüles Schwulenmelodram, Zelt-Sex zwischen gestiefelten, lassoschwingenden Burschen, Kussabenteuer, eingerahmt von Stoppelbart und Stetsonkrempe - eine Männerbrunst-Story zur wohlfeilen Entzauberung des Mythos vom Westerner, halb pervers und vollauf schmähenswert (wozu passt, dass katholische US-Bischöfe prompt protestierten: "moralisch anstößig" sei dieser Film).
Andere, vor deren Blick der Homoaspekt schnell verschwindet, erkennen klar den Umriss einer großen Liebe, eines Begehrens, das so schmerzlich-schlimmtraurig endet wie die meisten großen Lieben. Und ihre Wahrnehmung lehrt sie, dass dieser Film vom Menschlichsten erzählt, das auf Erden vorfallen kann, solange Männer mit Männern, Frauen mit Männern, Frauen mit Frauen umgehen.
Der zweite Draufblick ist zwingender, stärker, er macht, dass die Ansichten auch der vorurteilsstärksten US-Bürger "kippen". War die Verleihung des venezianischen Goldenen Löwen ein erstes Signal, so hat "Brokeback Mountain" seit dem Donnergepolter der Globes und der Oscaranerkennung für den Regisseur triumphale Resonanz gefunden, sogar im hintersten Amerika. Der ergreifenden Macht dieses Films entgeht keiner.
Ang Lee ist ein erstaunlicher Regisseur, unerschrocken vielseitig wie wenige. Dass er sich auf opulente, landschaftsszenisch grandiose Filme versteht, Stoffe von rauschender Sinnlichkeit ebenso liebt (und meistert) wie die sozialkritisch durchätzten Momentaufnahmen früherer Tage, hat er bewiesen mit Werken, die man Kinoliebhabern nicht eigens herzählen muss. Wie, was aber tischt er diesmal auf? Karg, lakonisch, einsilbig: eine äußerst schlichte Geschichte - beinah könnte man sagen, er trage die Leinwanderzählung stockend vor, verstockt bis zur Maulfaulheit, allerdings sehr penibel und ungeheuer getreu. Denn die Story ist typisch für ihre Zeit.
Zwei können zusammen nicht kommen, nur, voneinander lassen können sie ebenso wenig: Ihre Liebe bleibt unausgelebt, zernichtet von den Zwängen der Konvention. So etwas mag typisch sein für alle Zeiten, in denen die Gesellschaft die Regularien vorgibt, nach denen Liebende sich einrichten sollen im Sperrkäfig der Bindungen, des erlaubten gottgefälligen Zusammenlebens. Hier aber sind die Liebenden Schwule. Und die Zeit ist 1963. Und die Szenerie ist Wyoming: eine Bergwelt, ein Weideland, wie es entrückter, weltabgeschiedener die verwegenste Marlboro-Fantasie nimmer ausmalen kann.
Vor großer Landschaft ein intimes Menschendrama; Herzensfeinheit unter blizzarddunklen Himmeln: solche Spielräume zu eröffnen, hie eng, hie weit, ist eine Kunst, die Ang Lee glänzend beherrscht. Das Wipfelwogen der Wälder, die Karre im Schneesturm, Schafherden, die wie ein unaufhörlicher Wollleiberstrom in Gebirgstäler fließen (Kamera: Rodrigo Pietro) - in der Tat, atemraubend! Kein Wunder, dass die beiden stillen Männer später, als sie längst ungut verheiratet sind, sich fortwünschen von ihren Weibern, von den quengelnden Blagen und penetranten Animierschicksen, von dem ganzen lästigen lärmigen Spießerleben, wie es die Provinznester der siebziger Jahre erfüllte. Da wünschen sie sich zurück nach Brokeback Mountain, dem magischen Ort ihrer Liebe, den je wieder aufzusuchen sie sich gleichwohl hüten.
Der Film schildert, was vorfiel, von vorn. Bedachtsam, jeden verstohlenen Blick registrierend (stets sind es Blicke unter Krempen hervor, denn Hüte, aufgestellte Jackenkragen sind ihre Panzerung, schon die verschlossenen Münder zeigen an, wie es um sie bestellt ist). Wie also diese armen, arbeitslosen Teufel im Vorraum wortlos zuwarten - ob sie den Campbewacher-Job bekommen beim Rancher, dem nichts pressanter ist als das Problem, dass ihm gelegentlich ein Schaf gerissen wird. Wie die beiden den Job also kriegen, wortlos verbündet, und Vieh treiben, tälerauf, tälerab, mal aus nächster Nähe in den Rachen eines Grizzly starrend, mal beutelos heimkehrend von der Elchjagd. Wie sie einander das Nötigste irgendwann wissen lassen, woher, wohin, also dass beider Väter Bullenreiter, Lassowerfer waren und dass sie sich eine Rodeoreiterzukunft denken könnten. Aber eine verheiratete wohl auch.
Und wie dann die Sturmnacht kommt: Jack liegt im Zelt, und Ennis, dem der Wind das seine zerfetzt hat, kauert bibbernd im Freien - und wie Jack ihn endlich hereinholt unter sein Bahnendach. Was folgt, ist wieder das, das Nötigste. Es geschieht in einem einzigen Raptus, überfallartig. Am andern Morgen, als die Sonne goldgelb ihre Gesichter vorm Zelt bescheint, werden sie wenig sagen. Nur: "Bis zum Abend." Und: "Ja, los."
Bei aller Wortkargheit: dieser Vorfall, ihr Geheimnis und unauslöschlicher Anfang der Liebe, ist schon die Klimax des Melodrams. Das Glücksmoment, das sich in keine Zukunft mehr hinüberretten lässt. Zwanzig weitere Jahre werden folgen, sie bringen sie hin in kruden Anpassungsmühen, seltsam verbürgerlicht - Fassadenexistenzen, deren "Natur" eine andere wäre. Zurück zu ihrer Natur: in diesem Traum steckt die ganze Sehnsuchtsdimension des Films. Mit Lagerfeuern unterm Vollmond, von Gitarrenklängen begleitet - in einer berückend wildschönen Welt, als seien Richard Avedons "Photographs of the American West" filmisch wiedererstanden. (In der Tat, an Avedons Fotoband orientierten sich Ang Lee und seine Location-Fahnder.)
Da lässt sich vieles mitgenießen, nachempfinden. Auch die schmallippige Verschlossenheit, mit der Heath Ledger als handfest-gehemmter Ennis sein Gefühlsleben kontrollieren will, rührt an - genau wie Jake Gyllenhaals leise lächelnde Zuversicht, die so lockend und so verzweifelt auf eine Bleibe für ihre Liebe hofft. Großartige Schauspieler, beide. Und der letzte "Nachruf" auf diese Liebe, bricht er uns nicht fast das Herz?
Überhaupt habe ja auch das Filmteam, wie zu hören war, teils schon beim Lesen des Drehbuchs geheult. Ang Lee selber sagt, ihm seien, als er zum ersten Mal Annie Proulx' Shortstory las - die Kurzgeschichte, auf welcher das Drehbuch basiert -, die Tränen gekommen. Zu viel der Melodramatik? Ein New Yorker Kritiker knurrte, "Brokeback Mountain" sei quasi "Vom Winde verweht" für Schwule. Das Diktum trifft's - und haut doch daneben. Denn Ang Lees Film ist ergreifend. Und Ergreifendes kann man nicht adressieren "für", es fasst alle an, jeden Menschen - um des Menschlichen willen. Und damit, dass er das geschafft hat, in dieser wunderbaren filmgezeugten Kippfigur, hat Ang Lee mehr "für die Schwulen" getan als tausend Coming-out-Geschichten je zuvor.
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