Helmut Krausser
Eros
Katrin Schuster, STZ vom 04.10.2006, veröffentlicht am 17.10.2006
Foto: Verlag
Vom Aufhören redete er vor zwei Jahren, versprach immerhin, noch eine groteske Erzählung zu veröffentlichen, und eben dies: "Eros". Wie also endet dieser finale Roman von Helmut Krausser? Vielmehr wann? "Dies ist ein Roman. Seine Protagonisten sind erfunden, ihre Namen wurden mehrmals verändert", heißt es in der Nachbemerkung von "Eros", doch ist man auf dieser letzten Seite angelangt, plagen einen Zweifel, wer hier spricht. Befinden wir uns vielleicht doch noch innerhalb der Handlung? Schließlich wurde der Erzähler ja explizit darum gebeten, seine Geschichte als Fiktion auszugeben.
Allein, das Buch endet nicht nur später, als man dachte. Es beginnt auch früher: Als Motto findet man die "Niemandsrose" von Paul Celan sowie ein Anagrammgedicht auf diese celansche Metapher von einer gewissen Inge Schulz; "Inge Schulz" jedoch ist - wie man wiederum spät beim Lesen erfährt - ein Deckname von Sofie. Deren Leben ist der Gegenstand von "Eros".
Und so geht dieser Roman in acht Tagen und einem Vorabend: Der Ich-Erzähler, Schriftsteller von Beruf, wird zu dem Industriellen Alexander von Brücken bestellt, um "etwas festzuhalten" für den im Sterben liegenden reichen Mann. "Nicht unbedingt mein Leben, aber die Geschichte einer Liebe. Meiner Liebe. Sie ist bisher unerzählt, aber sie muss erzählt werden, sonst geht sie verloren und ist nie geschehen. Ich möchte, dass Sie ein Buch für mich schreiben. Einen Roman." Das ohnehin nur marginal aufscheinende Gefühl des Schreibers, hier womöglich als Künstler korrumpiert zu werden, wischt von Brücken beiseite - mit einer stattlichen Entlohnung, mit dem Versprechen, sich nicht einzumischen, und mit seiner exquisiten Dominanz. Der Ich-Erzähler bleibt also, hört, notiert; Alexander von Brücken berichtet von seiner Liebe zu Sofie, die mit pubertären Annäherungsversuchen im Luftschutzbunker während des Zweiten Weltkriegs begann und niemals endete.
"Eros" ist eine Beziehungsgeschichte, gerade weil Sofie und von Brücken nie zusammenkommen, nie ein Paar werden. Denn der Wahnsinn der Leidenschaft gebiert die Zwangsmethoden der Macht, Alexander lässt seine Sofie nie aus den Augen; zeit ihres Lebens wird sie beschattet und überwacht, immer wieder haben er, sein Diener Lukian und weitere Helfershelfer die Finger im Spiel, um Sofie vor den Sackgassen ihrer Biografie zu bewahren. Schlechte Abiturnote? Stress im Beruf? Oder mit dem Freund? Kein Problem für Alexander von Brücken, der regelt das unauffällig und am liebsten mit Bargeld. Sofie wird nie etwas davon erfahren.
Das gestaltet sich in all den Jahren zunehmend schwierig, denn das Gör aus der Nachbarschaft avanciert in den Siebzigern zu einer Aktivistin der linken Szene, deren Telefon nicht nur von Alexander, sondern zugleich vom BND abgehört wird. Später erscheint sie auf Fahndungsplakaten, ihre Genossen expedieren sie in die DDR. "Meine Aktionen verliefen diskret und mit Respekt", erklärt von Brücken. "Allerdings musste ich diese verdammte Mauer bauen lassen, nur um Sofie nicht aus den Augen zu verlieren."
Ein Scherz, gewiss, kein schlechter allerdings, denn Alexander von Brückens Strippen reichen weit, auch in die DDR. Er besorgt Papiere, einigt sich mit der Stasi, holt Sofie Mitte der achtziger Jahre in die Bundesrepublik zurück. Gleich hinter der Grenze steigt sie aus dem Auto und verschwindet, für immer. Und ein weiteres Mal, ohne in ihm jenen Alexander erkannt zu haben, der einst in der Kiesgrube 50 Mark für einen Kuss bezahlte, den sie später mit seinem Kerzenschein, seinen Geigern und dem Mehr-Gänge-Menü sitzen ließ und der am 3. Juni 1967 neben ihr - und von ihr unerkannt - in einem Hausflur kauerte, als nicht unweit der Schuss auf Benno Ohnesorg fiel.
Ein deutsches Panorama also? Natürlich, unter anderem. "Im Grunde würde ich innerhalb meiner Romane dasselbe tun, was Alexander getan habe, ich auf dem Papier, er im Freiluftgehege des Lebens. Alle Menschen würden irgendwann zu Figuren, und die Macht, die ich als Autor ausüben würde, sei vergleichbar mit der Alexanders auf die Wirklichkeit", so gibt der Ich-Erzähler Lukians Vergleich seiner zwei Herren wieder. Selbstredend gilt das vor allem für Helmut Krausser, denn er ist einer der raren Autoren, die nicht nur gute Geschichten erzählen, sondern auch genau wissen, was sie da tun. Diese Macht, mit Lust und Geist die Wirklichkeit zu lästern, indem man Objekte aus Buchstaben erschafft, die reale Begierden erzeugen, das ist der Eros des Schreibens. Deshalb wird die Niemandsrose immer neu buchstabiert werden. Und so gesehen ist Krausser wohl einer der erotischsten deutschen Autoren. Gerade, weil er aufhören will. Was Literatur schon immer war, wird endlich wahr. Und dem Leser bleibt wieder nur das ewige Begehren.
Allein, das Buch endet nicht nur später, als man dachte. Es beginnt auch früher: Als Motto findet man die "Niemandsrose" von Paul Celan sowie ein Anagrammgedicht auf diese celansche Metapher von einer gewissen Inge Schulz; "Inge Schulz" jedoch ist - wie man wiederum spät beim Lesen erfährt - ein Deckname von Sofie. Deren Leben ist der Gegenstand von "Eros".
Und so geht dieser Roman in acht Tagen und einem Vorabend: Der Ich-Erzähler, Schriftsteller von Beruf, wird zu dem Industriellen Alexander von Brücken bestellt, um "etwas festzuhalten" für den im Sterben liegenden reichen Mann. "Nicht unbedingt mein Leben, aber die Geschichte einer Liebe. Meiner Liebe. Sie ist bisher unerzählt, aber sie muss erzählt werden, sonst geht sie verloren und ist nie geschehen. Ich möchte, dass Sie ein Buch für mich schreiben. Einen Roman." Das ohnehin nur marginal aufscheinende Gefühl des Schreibers, hier womöglich als Künstler korrumpiert zu werden, wischt von Brücken beiseite - mit einer stattlichen Entlohnung, mit dem Versprechen, sich nicht einzumischen, und mit seiner exquisiten Dominanz. Der Ich-Erzähler bleibt also, hört, notiert; Alexander von Brücken berichtet von seiner Liebe zu Sofie, die mit pubertären Annäherungsversuchen im Luftschutzbunker während des Zweiten Weltkriegs begann und niemals endete.
"Eros" ist eine Beziehungsgeschichte, gerade weil Sofie und von Brücken nie zusammenkommen, nie ein Paar werden. Denn der Wahnsinn der Leidenschaft gebiert die Zwangsmethoden der Macht, Alexander lässt seine Sofie nie aus den Augen; zeit ihres Lebens wird sie beschattet und überwacht, immer wieder haben er, sein Diener Lukian und weitere Helfershelfer die Finger im Spiel, um Sofie vor den Sackgassen ihrer Biografie zu bewahren. Schlechte Abiturnote? Stress im Beruf? Oder mit dem Freund? Kein Problem für Alexander von Brücken, der regelt das unauffällig und am liebsten mit Bargeld. Sofie wird nie etwas davon erfahren.
Das gestaltet sich in all den Jahren zunehmend schwierig, denn das Gör aus der Nachbarschaft avanciert in den Siebzigern zu einer Aktivistin der linken Szene, deren Telefon nicht nur von Alexander, sondern zugleich vom BND abgehört wird. Später erscheint sie auf Fahndungsplakaten, ihre Genossen expedieren sie in die DDR. "Meine Aktionen verliefen diskret und mit Respekt", erklärt von Brücken. "Allerdings musste ich diese verdammte Mauer bauen lassen, nur um Sofie nicht aus den Augen zu verlieren."
Ein Scherz, gewiss, kein schlechter allerdings, denn Alexander von Brückens Strippen reichen weit, auch in die DDR. Er besorgt Papiere, einigt sich mit der Stasi, holt Sofie Mitte der achtziger Jahre in die Bundesrepublik zurück. Gleich hinter der Grenze steigt sie aus dem Auto und verschwindet, für immer. Und ein weiteres Mal, ohne in ihm jenen Alexander erkannt zu haben, der einst in der Kiesgrube 50 Mark für einen Kuss bezahlte, den sie später mit seinem Kerzenschein, seinen Geigern und dem Mehr-Gänge-Menü sitzen ließ und der am 3. Juni 1967 neben ihr - und von ihr unerkannt - in einem Hausflur kauerte, als nicht unweit der Schuss auf Benno Ohnesorg fiel.
Ein deutsches Panorama also? Natürlich, unter anderem. "Im Grunde würde ich innerhalb meiner Romane dasselbe tun, was Alexander getan habe, ich auf dem Papier, er im Freiluftgehege des Lebens. Alle Menschen würden irgendwann zu Figuren, und die Macht, die ich als Autor ausüben würde, sei vergleichbar mit der Alexanders auf die Wirklichkeit", so gibt der Ich-Erzähler Lukians Vergleich seiner zwei Herren wieder. Selbstredend gilt das vor allem für Helmut Krausser, denn er ist einer der raren Autoren, die nicht nur gute Geschichten erzählen, sondern auch genau wissen, was sie da tun. Diese Macht, mit Lust und Geist die Wirklichkeit zu lästern, indem man Objekte aus Buchstaben erschafft, die reale Begierden erzeugen, das ist der Eros des Schreibens. Deshalb wird die Niemandsrose immer neu buchstabiert werden. Und so gesehen ist Krausser wohl einer der erotischsten deutschen Autoren. Gerade, weil er aufhören will. Was Literatur schon immer war, wird endlich wahr. Und dem Leser bleibt wieder nur das ewige Begehren.
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