Orakelpriester
Das Wahrheits-Web
Peter Glaser, veröffentlicht am 25.10.2006
Auf einer Tagung der britischen Konservativen wies Google-Chef Eric Schmidt jüngst Politiker aus der "TV-Generation" darauf hin, dass das Internet in den kommenden Jahren gravierende Auswirkungen auf den politischen Prozess haben werde und es Zeit sei, aufzuwachen. Um zu zeigen, dass Suchmaschinen künftig als politische Kontrollinstrumente fungieren könnten, skizzierte Schmidt eine Art von Software-Wahrheitswünschelrute ("truth predictor"), die alle online verfügbaren Statements und Handlungen eines Politikers auf Widersprüche hin überprüfen und so den Ausgang von Wahlen beeinflussen könnte. In einem Interview sagte Schmidt, sein Vortrag sei Teil einer globalen Mission, um politischen Führern die Augen zu öffnen. Eine Anmaßung?
Dass Google Wunder wirken kann, hat Mitbegründer Sergej Brin bereits angedeutet. Kurz vor dem Börsengang erzählte er von einem Nutzer, der angeblich einem Familienmitglied mit einem akuten Herzinfarkt das Leben gerettet hatte, indem er bei Google nachfragte, was zu tun sei.
Der Verweis des 1955 geborenen Schmidt auf Politiker, die mit dem Fernsehen aufgewachsen sind - seine eigene Generation also -, steht durchaus in einer Tradition medienbedingter gesellschaftlicher Transformationen. Den Vietnamkrieg haben die Amerikaner im Fernsehen verloren. Damals verlief eine unsichtbare Front durch die Medien. Die Eltern, mit dem Radio vertraut, folgten den Erklärungen der Sprecher und blieben, wie sie es von dem sprachorientierten Medium gewohnt waren, kühl. Die Kinder sahen die Bilder, die ihre emotionalisierende Wucht entfalteten und sie auf die Straßen trieb.
Der "truth predictor" dagegen gehört zu den Marketing-Coups, mit denen der Mythos der Orakelpriester vom mächtigen Google-Tempel gemehrt werden soll. Weshalb wir noch fünf Jahre auf eine solche Software warten sollen, weiß ich nicht. Bereits 2003 präsentierten Joachim Köhler und Jobst Löffler vom Fraunhofer-Institut für Medienkommunikation den "iFinder", eine Suchmaschine, die Reden und Vorträge - Videos oder transkribierten Text - inhaltlich erschließt und unter anderem mit Gesichtserkennung verbindet.
Außerdem gibt es zu immer mehr spezifischen Medienquellen, seien es Zeitungen (wie etwa das Bildblog), Kampagnen oder Einzelpersonen - allen voran Politiker - zugehörige "Watchblogs", die jede kleinste Äußerung des beobachteten Objekts kritisch und oft wirkungsvoll begleiten.
Auch wenn Schmidts Wahrheits-Ergoogler bereits in Betrieb wäre, er würde nicht viel nützen. Dass diskreditierende Aussagen und Zitate eines Politikers als Wahlkampfmunition zusammengesucht werden, geschieht längst, wenn auch von Rechercheuren der jeweiligen Gegenkandidaten durchgeführt. Wie britische und amerikanische Politiker reagieren, die der Unwahrheit überführt werden, konnte man am Beispiel der angeblich im Irak versteckten Massenvernichtungswaffen studieren.
Als vor kurzem publik wurde, dass Ungarns Regierungschef Ferenc Gyurcsany bei einer internen Besprechung eingeräumt hatte, das Volk belogen zu haben, um die Parlamentswahl im April 2006 zu gewinnen, war ebenfalls keine Rede von Rücktritt, nur von einem Missverständnis. Und Zehntausende gingen auf die Straßen. Aber nicht, weil sie gegoogelt hatten.
E-Mail an den Autor: p.glaser@stz.zgs.de
Dass Google Wunder wirken kann, hat Mitbegründer Sergej Brin bereits angedeutet. Kurz vor dem Börsengang erzählte er von einem Nutzer, der angeblich einem Familienmitglied mit einem akuten Herzinfarkt das Leben gerettet hatte, indem er bei Google nachfragte, was zu tun sei.
Der Verweis des 1955 geborenen Schmidt auf Politiker, die mit dem Fernsehen aufgewachsen sind - seine eigene Generation also -, steht durchaus in einer Tradition medienbedingter gesellschaftlicher Transformationen. Den Vietnamkrieg haben die Amerikaner im Fernsehen verloren. Damals verlief eine unsichtbare Front durch die Medien. Die Eltern, mit dem Radio vertraut, folgten den Erklärungen der Sprecher und blieben, wie sie es von dem sprachorientierten Medium gewohnt waren, kühl. Die Kinder sahen die Bilder, die ihre emotionalisierende Wucht entfalteten und sie auf die Straßen trieb.
Der "truth predictor" dagegen gehört zu den Marketing-Coups, mit denen der Mythos der Orakelpriester vom mächtigen Google-Tempel gemehrt werden soll. Weshalb wir noch fünf Jahre auf eine solche Software warten sollen, weiß ich nicht. Bereits 2003 präsentierten Joachim Köhler und Jobst Löffler vom Fraunhofer-Institut für Medienkommunikation den "iFinder", eine Suchmaschine, die Reden und Vorträge - Videos oder transkribierten Text - inhaltlich erschließt und unter anderem mit Gesichtserkennung verbindet.
Außerdem gibt es zu immer mehr spezifischen Medienquellen, seien es Zeitungen (wie etwa das Bildblog), Kampagnen oder Einzelpersonen - allen voran Politiker - zugehörige "Watchblogs", die jede kleinste Äußerung des beobachteten Objekts kritisch und oft wirkungsvoll begleiten.
Auch wenn Schmidts Wahrheits-Ergoogler bereits in Betrieb wäre, er würde nicht viel nützen. Dass diskreditierende Aussagen und Zitate eines Politikers als Wahlkampfmunition zusammengesucht werden, geschieht längst, wenn auch von Rechercheuren der jeweiligen Gegenkandidaten durchgeführt. Wie britische und amerikanische Politiker reagieren, die der Unwahrheit überführt werden, konnte man am Beispiel der angeblich im Irak versteckten Massenvernichtungswaffen studieren.
Als vor kurzem publik wurde, dass Ungarns Regierungschef Ferenc Gyurcsany bei einer internen Besprechung eingeräumt hatte, das Volk belogen zu haben, um die Parlamentswahl im April 2006 zu gewinnen, war ebenfalls keine Rede von Rücktritt, nur von einem Missverständnis. Und Zehntausende gingen auf die Straßen. Aber nicht, weil sie gegoogelt hatten.
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