Onlinedurchsuchung

Überwachung der Wäsche

Peter Glaser, veröffentlicht am 26.09.2007

In seinem Roman "Eine Tiefe am Himmel" erzählt der Science Fiction-Autor Vernor Vinge von einer Zivilisation, deren Untergang von der Einführung allumfassender Überwachung begleitet wird. Was sich derzeit rund um den Globus abzeichnet, wäre demnach kein gutes Zeichen.

Vor zwei Wochen wurde in Chicago mit der Installation des modernsten Videoüberwachungssystems in den Vereinigten Staaten begonnen. Dinge, die in Großstädten bisher unbemerkt jeden Tag passieren konnten - dass etwa jemand mit dem Auto öfter als einmal um ein Hochhaus herumfährt oder in einem Park eine Tasche stehen lässt - soll das System künftig automatisch erkennen und selbstständig der Polizei melden. In London sind für die derzeit 10.524 in Betrieb befindlichen Überwachungskameras bereits knapp 300 Millionen Euro aufgewendet worden; die Aufklärungsrate bei Verbrechen nimmt aber nicht zu, sondern ab. In seinem Garten in Calgary hat der kanadische Künstler David Bynoe einen sechs Meter hohen Überwachungsturm mit einem Spiegelperiskop errichtet, von dem aus er die angrenzenden Grundstücke im Auge behalten kann. "Die Nachbarn", so Bynoe auf seiner Website, "finden"s lustig."

Ein Kontrollsystem der neuen Art wird Passanten bald auch an die Wäsche gehen. Der japanische Elektronikkonzern NEC hat einen Automaten auf den Markt gebracht, der bei vorbeigehenden Menschen Alter, Geschlecht - und in absehbarer Zeit die Zugehörigkeit zu bestimmten sozialen Schichten - erkennen kann. Der mit Kamera und Bildauswertungssoftware ausgestattete "Field Analyst" erfasst Gesichter und vergleicht sie mit seiner Datenbank. Nach ein paar Sekunden gibt er das ungefähre Alter des Beobachteten an, und ob es sich um einen Mann oder eine Frau handelt. Als nächstes wird Field Analyst charakteristische Kleidungsstücke erkennen lernen, etwa ob jemand ein T-Shirt oder einen Anzug trägt. Je konventioneller die Menschen gekleidet sind, desto leichter sind sie computergestützt zu überwachen.

Der Field Analyst ist (noch) kein Instrument von Sicherheitsbehörden. Seine Daten sollen Einkaufszentren helfen, ihre Kunden besser "kennenzulernen". Warum wird dieses eine Geschäft gut besucht und das daneben nicht? Zu welcher Zeit sind die meisten Frauen zwischen 40 und 50 in einer Einkaufspassage? Und führt die aktuelle Werbekampagne dazu, dass die demografisch gewünschte Kundengruppe kommt? Seit ein paar Wochen ist das System in Japan in den ersten Malls installiert. Es arbeitet nicht sehr genau, aber schnell. Ein 47-Jähriger wird innerhalb weniger Sekunden als 50-Jähriger erkannt. Da die meisten Mustergesichter in der Datenbank Japaner sind, funktioniert es derzeit mit Japanern am besten. Softwarespezialisten arbeiten daran, die Trefferquote zu verbessern. Das System kostet umgerechnet knapp 13.500 Euro, und es zeichnet angeblich weder die Aufnahmen auf noch speichert es andere Daten.

In den USA sind Pläne, Spionagesatelliten zum Ausspähen der eigenen Bevölkerung zu benutzen, für"s Erste auf Eis gelegt worden. Die Einrichtung einer dafür zuständigen neuen Abteilung des US-Heimatschutzministeriums - des National Application Office - wurde vorläufig gestoppt. Wenn man so will, kann man das als ein positives Zeichen sehen.

E-Mail an den Autor: p.glaser@stz.zgs.de
 

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