Ältere Mitarbeiter

Wissensmanagement fördert Innovation

StZ/StN, veröffentlicht am 21.10.2007
Foto: dpa

Stuttgart - Weil nach 2020 ein spürbarer Rückgang der Bevölkerung und somit auch von Arbeitskräften einsetzen wird, müssten die Unternehmen eigentlich schon heute damit beginnen, in betriebliche Maßnahmen zur Gesundheitsförderung, Weiterbildung und Motivation zu investieren, wenn sie die Leistungsfähigkeit und das Engagement ihrer Angestellten erhalten wollen - und damit schlussendlich die eigene Wettbewerbsfähigkeit. Doch nur wenige Firmen treffen entsprechende Maßnahmen, hat das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in Nürnberg herausgefunden - obwohl "die politisch angestrebte Erhöhung der Beschäftigungsquote Älterer die Arbeits- und Beschäftigungsfähigkeit dieser Personengruppe voraussetzt", wie es lapidar in dem Bericht heißt. Nur ein Fünftel der im Rahmen des IAB-Betriebspanels jährlich befragten 16.000 Betriebe und Verwaltungen gab an, Gesundheitsvorsorge über das gesetzliche Minimum hinaus zu praktizieren - die in erster Linie aus Krankenstandsanalysen und Mitarbeitergesprächen besteht.

Zudem haben die Arbeitsmarktforscher beobachtet, dass ältere Arbeitnehmer weniger in Fortbildungsmaßnahmen eingebunden werden, und das, obwohl ihr Anteil an den Belegschaften ständig wächst. Nur zehn Prozent der neu eingestellten Arbeitnehmer sind außerdem älter als 50 Jahre.

Immerhin liegt die Beschäftigtenrate von Menschen zwischen 55 und 65 Jahren wieder über dem Durchschnitt der Erwerbstätigen in der EU, teilt die EU-Kommission mit: Sie wuchs von 38,1 Prozent im Jahr 1997 auf 48,4 Prozent im vergangenen Jahr. Die Arbeitslosigkeit in dieser Altersgruppe fiel im gleichen Zeitraum von 15,2 auf 12,4 Prozent.

Dass die demografische Entwicklung und die Rente mit 67 von vielen Unternehmen verschlafen wird, zeigt auch die Studie "Gesundheitsmanagement 2007/08" des Marktforschers EuPD Research. Nur 258 der 800 größten deutschen Konzerne nehmen demnach die Gesundheitsprävention ihrer Mitarbeiter ernst und haben ein professionelles Gesundheitsmanagement etabliert. Die Untersuchung entstand in Zusammenarbeit mit dem Gesundheitswissenschaftler Professor Dr. Bernhard Badura von der Universität Bielefeld, der European Business School, Bertelsmann- und Hans-Böckler-Stiftung sowie dem BKK-Bundesverband.

Büromeditaion für die Eltern - "Bärenhöhle" für die Kids

Unter den ermittelten 20 vorbildlichsten Unternehmen bei den Produktionsbetrieben liegt der Automobilkonzern Daimler auf dem ersten Platz vor Boehringer Ingelheim und Unilever, bei den Dienstleistungsunternehmen errang die Deutsche Post Platz 1 vor SAP und Otto-Versand. Zu den Gesundheitsleistungen der Firmen für ihre Mitarbeiter zählen die unterschiedlichsten Dinge, von der Schutzimpfung, Ernährungsberatung und Führungskräfte-Gesundheitschecks bis hin zur - sehr gefragten - Kinderbetreuung. Als besonders innovative Beispiele würdigt EuPD Research das kostenlose Mittagessen bei SAP, die Büromeditation bei Unilever oder das Eltern-Kind-Arbeitszimmer "Bärenhöhle" bei der MVV Energie. Kennzahlen zum verlässlichen Vergleich von Gesundheitsleistungen seien dagegen ein Problem, weil es an Standards fehle. "Bei den Befragungen haben wir festgestellt, dass beispielsweise der Krankenstand in einem Unternehmen nur eine sehr geringe Aussagekraft hat - denn alleine hierfür gibt es über 20 verschiedene Berechnungsmethoden", sagt Oliver-Timo Henssler, Projektmanager der Studie.

Wie sehr die "demografische Fitness" die Innovations- und Produktivitätsfähigkeit und somit den wirtschaftlichen Erfolg von Unternehmen steigert, zeigt Adecco mit einer europäischen Vergleichsstudie. Bei rund 2500 Unternehmen aller Größen und Branchen in Deutschland, Großbritannien, Frankreich, Italien und Spanien hat der Personaldienstleister nachgefragt, wie man es dort mit Maßnahmen hält, um der Tatsache, dass es immer mehr ältere Mitarbeiter und immer weniger nachrückende junge Fachkräfte gibt, entgegenzusteuern. Fazit: knapp die Hälfte der befragten europäischen Unternehmen sehen den demografischen Wandel zwar als eine der größten Herausforderungen für die Wirtschaft - neben Globalisierung und technologischer Entwicklung, zwei Drittel jedoch haben die Altersstruktur ihrer Mitarbeiter noch nicht beziehungsweise noch nicht vollständig analysiert.

Auch 63 Prozent der befragten deutschen 500 Unternehmen erkennen den demografischen Wandel der Gesellschaft als größte Herausforderung, jedoch sind weder Mittelstand noch Großunternehmen auf eine ältere Belegschaft eingestellt. Nur einem knappen Drittel ist die Altersstruktur seiner Belegschaft überhaupt bekannt. Damit liegt Deutschland nach Spanien im Mittelfeld der fünf untersuchten Länder.

"Demografische Fitness" als Produktivitätsfaktor

Das Adecco Institut hat einen "Demographic Fitness Index" (DFX) entwickelt. Ein hoher DFX könne die Innovations-, Produktivitäts- und Konkurrenzfähigkeit um bis zu 20 Prozent erhöhen, so das Fazit. Dies sei "kein Hexenwerk", sagt Uwe Beyer, COO bei Adecco Deutschland. "Alle Maßnahmen und Konzepte in den fünf DFX-Hauptbereichen - Laufbahnplanung, Wissensmanagement, lebenslanges Lernen, Gesundheitsmanagement und Diversity Management - können von einem Großteil der Unternehmen relativ einfach umgesetzt werden."

Doch europaweit bestehe Verbesserungsbedarf. Systematisches Wissensmanagement beispielsweise wird als bedeutendster Einflussfaktor für mehr Innovation genannt: wo "geschäftskritisches Wissen" gefördert wird, gedeiht Kreativität. Zwar sind die Unternehmen meist über das am Arbeitsplatz benötigte Fachwissen informiert, doch es fehlen oftmals Informationen darüber, welche Mitarbeiter über welche Kompetenzen verfügen. Ein breites Weiterbildungsangebot wäre gut für die Kompetenzentwicklung. Und durch gezielte Laufbahnplanung, also Karrieremanagement, werden die Aufstiegschancen im Unternehmen verbessert, was wiederum der Motivation und Produktivität zugutekommt.

Mit einem durchdachten Gesundheitsmanagement können Fehlzeiten vermieden werden. Im Bereich der Gesundheit bieten jedoch nur wenige Unternehmen mehr als Vorsorgeprogramme oder Kontrolluntersuchungen. Es fehlen, so Adecco, längerfristige Maßnahmen, zum Beispiel Beratung zur Stressbewältigung, Ernährung oder gesunden Lebensweise.
 

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