Digitaler Alltag (9)
Warum soll der Kühlschrank surfen?
Von Rainer Klüting, aus der StZ vom 12. Dezember 2007, veröffentlicht am 11.12.2007
Stuttgart - Es war im April des Jahres 2000. Der Kühlschrankhersteller Electrolux gab den Beginn eines Praxisversuchs bekannt. Fünfzig dänische Familien, so hieß es, würden einige Monate lang eine Neuentwicklung testen, den sogenannten Screenfridge, einen Kühlschrank mit Internetanschluss. In die Tür dieses Kühlschranks war ein Bildschirm eingelassen. Über eine feste Internetverbindung sollten die Testpersonen Einkaufslisten schreiben und per E-Mail an Supermärkte oder Fachgeschäfte schicken. Abrufen konnten sie ganz nebenbei Sonderangebote, den Wetterbericht oder Verkehrsmeldungen.
Heute, mehr als sieben Jahre später, erfährt man bei Electrolux, der Kühlschrank mit Internetanschluss liege "auf Eis". Der Konkurrent BSH Bosch und Siemens Hausgeräte hatte eine derartige Innovation gar nicht erst im Programm und plant sie auch nicht. Immerhin: eine Dunstabzughaube mit eingebautem Fernsehapparat gebe es.
Digitale Technik ist weit mehr als eine Modeerscheinung. Aber sie ist eben auch eine Modeerscheinung. Und wie andere Moden hat sie die Tendenz, mit Vorhandenem in Konkurrenz zu treten und in Gebiete vorzudringen, in denen ihr Nutzen zumindest fragwürdig ist. Was hat es für einen Sinn, ein so kurzlebiges Produkt wie einen internetfähigen Computer mit einem so langlebigen Produkt wie einem Kühlschrank fest zu verbinden? Die Idee hat zu Recht nicht genügend Kunden überzeugt. Und heute könnte man den Kühlschrank mit dem Computer ganz einfach dadurch kombinieren, dass man das Notebook oben draufstellt.
Ähnliche Beispiele werden sich in dem einst propagierten vollständig vernetzten Haus noch viele finden lassen. Ein Internetanschluss ist inzwischen für viele Menschen unentbehrlich.
Aber das heißt nicht, dass jedes Haushaltsgerät am Netz sinnvolle Zusatzfunktionen gewinnt. In Zweifel darf man zum Beispiel den Nutzen eines Geräts ziehen, das sich derzeit beim Energieversorger EnBW im Praxistest befindet: des sogenannten intelligenten Stromzählers. Die Intelligenz dieses Zählers - kann ein technisches Gerät intelligent sein? - besteht in einer Internetverbindung. Der Zähler registriert den Stromverbrauch und erlaubt es dem Nutzer, über das Internet Schaubilder abzurufen. Diese zeigen ihm etwa an, dass am Abend zuvor, als der Computer im Spielzimmer des Sohnes stundenlang lief, der Stromverbrauch deutlich erhöht war. Doch wen überrascht das? Dass ein üppig ausgestatteter Computer viel Strom zieht, ist kein Geheimnis. Die Leistungsaufnahme lässt sich dem Typenschild der meisten Geräte entnehmen, und wer es genau wissen will, kann sich ein Strommessgerät beim Energieversorger ausleihen. Wozu sollen Millionen Haushalte in Deutschland ständig ihren aktuellen Stromverbrauch übers Netz melden?
Es kommt vor, dass die Vorteile der neuen Technik mehr oder weniger versteckt mit Nachteilen verknüpft sind. Ein Beispiel ist das Telefon. Niemand wird bezweifeln, dass es praktisch ist, beim Telefonieren über das Festnetz durchs Haus wandern zu können, ohne Kabelsalat hinter sich her ziehen zu müssen.
Aber vermisst noch jemand das Telefon, über das ein allein lebender Mensch auch dann Kontakt halten oder Hilfe rufen konnte, wenn einmal der Strom ausgefallen war? Es gibt solche Geräte noch. Doch aus vielen Haushalten sind sie verschwunden. Glücklich, wer ein Mobiltelefon hat. Solange der Akku durchhält.
Wer auf der Höhe der Zeit sein oder einfach nur sparen will, telefoniert ohnehin längst über das Internet. Fürs Telefonieren war das Netz aber ursprünglich nicht gedacht. Kein Wunder, dass die Gesprächsqualität manchmal zu wünschen übrig lässt und die Anwahl so lange dauern kann, dass ungeduldige Menschen entnervt aufgeben.
Eine ganze Klasse von Geräten dient der digitalen Verwaltung von Adressen und Terminen. Wenn die Funktionen des Mobiltelefons dazu nicht ausreichen, steigt der Kenner auf ein Smartphone oder einen persönlichen digitalen Assistenten (PDA) um. Papierne Taschenkalender und Adressbücher gelten als bestenfalls spießig.
Damit die wertvollen Daten bei einer Panne nicht verloren gehen, sichert man sie mit Spezialprogrammen auf dem Computer. Die Überraschung folgt, wenn ein Modellwechsel nötig wird. In harmlosen Fällen werden Vor- und Nachnamen vertauscht oder andere Ärgernisse eingebaut; wenn es schlimm kommt, rückt das Spezialprogramm die Adressen überhaupt nicht mehr in irgend einer Form heraus, in der sie sich in das neue Gerät importieren lassen. Auch nach Jahrzehnten der Computerentwicklung sind immer noch gute technische Kenntnisse nötig, wenn man Adressbestände oder auch wichtige Textdokumente so speichern will, dass man sie auch zehn Jahre später noch nutzen und so anzeigen lassen kann, wie sie ursprünglich gestaltet waren. Der Ordner mit den Briefen von damals, der Terminkalender mit alten Notizen - auch nach mehr als zwanzig Jahren Jedermann-PC gibt es dafür keine alltagstaugliche Lösung. Aber die papiernen Taschenkalender stehen geduldig und auskunftsfreudig im Regal.
Im zehnten Teil der Serie geht es um die großen Wirtschafter im Internet.
Heute, mehr als sieben Jahre später, erfährt man bei Electrolux, der Kühlschrank mit Internetanschluss liege "auf Eis". Der Konkurrent BSH Bosch und Siemens Hausgeräte hatte eine derartige Innovation gar nicht erst im Programm und plant sie auch nicht. Immerhin: eine Dunstabzughaube mit eingebautem Fernsehapparat gebe es.
Digitale Technik ist weit mehr als eine Modeerscheinung. Aber sie ist eben auch eine Modeerscheinung. Und wie andere Moden hat sie die Tendenz, mit Vorhandenem in Konkurrenz zu treten und in Gebiete vorzudringen, in denen ihr Nutzen zumindest fragwürdig ist. Was hat es für einen Sinn, ein so kurzlebiges Produkt wie einen internetfähigen Computer mit einem so langlebigen Produkt wie einem Kühlschrank fest zu verbinden? Die Idee hat zu Recht nicht genügend Kunden überzeugt. Und heute könnte man den Kühlschrank mit dem Computer ganz einfach dadurch kombinieren, dass man das Notebook oben draufstellt.
Ähnliche Beispiele werden sich in dem einst propagierten vollständig vernetzten Haus noch viele finden lassen. Ein Internetanschluss ist inzwischen für viele Menschen unentbehrlich.
Aber das heißt nicht, dass jedes Haushaltsgerät am Netz sinnvolle Zusatzfunktionen gewinnt. In Zweifel darf man zum Beispiel den Nutzen eines Geräts ziehen, das sich derzeit beim Energieversorger EnBW im Praxistest befindet: des sogenannten intelligenten Stromzählers. Die Intelligenz dieses Zählers - kann ein technisches Gerät intelligent sein? - besteht in einer Internetverbindung. Der Zähler registriert den Stromverbrauch und erlaubt es dem Nutzer, über das Internet Schaubilder abzurufen. Diese zeigen ihm etwa an, dass am Abend zuvor, als der Computer im Spielzimmer des Sohnes stundenlang lief, der Stromverbrauch deutlich erhöht war. Doch wen überrascht das? Dass ein üppig ausgestatteter Computer viel Strom zieht, ist kein Geheimnis. Die Leistungsaufnahme lässt sich dem Typenschild der meisten Geräte entnehmen, und wer es genau wissen will, kann sich ein Strommessgerät beim Energieversorger ausleihen. Wozu sollen Millionen Haushalte in Deutschland ständig ihren aktuellen Stromverbrauch übers Netz melden?
Es kommt vor, dass die Vorteile der neuen Technik mehr oder weniger versteckt mit Nachteilen verknüpft sind. Ein Beispiel ist das Telefon. Niemand wird bezweifeln, dass es praktisch ist, beim Telefonieren über das Festnetz durchs Haus wandern zu können, ohne Kabelsalat hinter sich her ziehen zu müssen.
Aber vermisst noch jemand das Telefon, über das ein allein lebender Mensch auch dann Kontakt halten oder Hilfe rufen konnte, wenn einmal der Strom ausgefallen war? Es gibt solche Geräte noch. Doch aus vielen Haushalten sind sie verschwunden. Glücklich, wer ein Mobiltelefon hat. Solange der Akku durchhält.
Wer auf der Höhe der Zeit sein oder einfach nur sparen will, telefoniert ohnehin längst über das Internet. Fürs Telefonieren war das Netz aber ursprünglich nicht gedacht. Kein Wunder, dass die Gesprächsqualität manchmal zu wünschen übrig lässt und die Anwahl so lange dauern kann, dass ungeduldige Menschen entnervt aufgeben.
Eine ganze Klasse von Geräten dient der digitalen Verwaltung von Adressen und Terminen. Wenn die Funktionen des Mobiltelefons dazu nicht ausreichen, steigt der Kenner auf ein Smartphone oder einen persönlichen digitalen Assistenten (PDA) um. Papierne Taschenkalender und Adressbücher gelten als bestenfalls spießig.
Damit die wertvollen Daten bei einer Panne nicht verloren gehen, sichert man sie mit Spezialprogrammen auf dem Computer. Die Überraschung folgt, wenn ein Modellwechsel nötig wird. In harmlosen Fällen werden Vor- und Nachnamen vertauscht oder andere Ärgernisse eingebaut; wenn es schlimm kommt, rückt das Spezialprogramm die Adressen überhaupt nicht mehr in irgend einer Form heraus, in der sie sich in das neue Gerät importieren lassen. Auch nach Jahrzehnten der Computerentwicklung sind immer noch gute technische Kenntnisse nötig, wenn man Adressbestände oder auch wichtige Textdokumente so speichern will, dass man sie auch zehn Jahre später noch nutzen und so anzeigen lassen kann, wie sie ursprünglich gestaltet waren. Der Ordner mit den Briefen von damals, der Terminkalender mit alten Notizen - auch nach mehr als zwanzig Jahren Jedermann-PC gibt es dafür keine alltagstaugliche Lösung. Aber die papiernen Taschenkalender stehen geduldig und auskunftsfreudig im Regal.
Im zehnten Teil der Serie geht es um die großen Wirtschafter im Internet.
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