Büroalltag

Die Mailmaschine

Peter Glaser, veröffentlicht am 30.01.2008

E-Mail ist die unangefochtene Königin der Anwendungen im Netz - und nicht nur da. Inzwischen kann man E-Mails sogar mit einer mechanischen Schreibmaschine verschicken. Zwei Tüftler am Interaction-Design-Institut in Mailand, die Inderin Aparna Rao und der Schwede Mathias Dahlström, haben eine alte Olivetti-Schreibmaschine elektronisch tiefergelegt. Tochter Rao entschloss sich angesichts der fruchtlosen Versuche ihrer Mutter, sich der vernetzten Welt anzunähern, zu handeln. In Indien sind mechanische Schreibmaschinen nach wie vor weit verbreitet. Sie stehen etwa auf den kleinen fliegenden Büros vor Ämtern, wo Schreib- oder Formularunkundige sich mit ihrem Papierkram helfen lassen können.

Unter der Bezeichnung "22 Pop" (das "Pop" steht für das verwendete E-Mail-Protokoll) rüsteten Rao und Dahlström eine Olivetti-Lettera-22-Schreibmaschine mit etwas Elektronik, ein paar Sensoren und einer Telefonverbindung so um, dass man damit wie gewohnt auf einem Blatt Papier tippen kann. Die Elektronik kann die getippte Anschrift und den übrigen Text erkennen und schickt, sobald das fertig beschriebene Blatt aus der Maschine gezogen wird, das Ganze als E-Mail an den Adressaten. Nicht nur in Indien sind Menschen, die sich dem Umgang mit moderner Kommunikationstechnik nicht ausreichend gewachsen fühlen, an dem Projekt interessiert. Auch in Ivreo in der Nähe von Turin - der Stadt, in der 1908 die Firma Olivetti gegründet wurde und wo noch heute fast jeder eine Lettera 22 hat - waren die ersten Testnutzer der alten erneuerten Schreibmaschine begeistert.

Ganz anders ist die Situation in modernen Unternehmen, in denen die Flut an E-Mails inzwischen zu einem lautlosen, reißenden Strom angeschwollen ist, der die an ihren Ufern befindliche Geschäftstätigkeit zu gefährden beginnt. Bei dem weltgrößten Chiphersteller Intel wurde gerade versuchsweise ein E-Mail-freier Freitag eingeführt ("Zero-E-Mail-Friday"). Intel ist nicht die erste Organisation, die sich mit dem Problem auseinandersetzt, dass E-Mail sich zu einem ameisenartig störenden Phänomen entwickeln kann. An Leuten, die fortwährend checken, ob neue Mails angekommen sind, kann man die Symptome der Mail-Sucht erkennen. Mailkranke Mitarbeiter in Unternehmen können nicht mehr konzentriert arbeiten. Werden sie nicht alle 30 Sekunden angemailt, befällt sie das deprimierende Gefühl, dass niemand sie liebhat (oder ihnen ein bisschen Ablenkung in der Ödnis des Büroalltags verschafft).

"Come together" heißt einer der Evergreens der Beatles, deren Karriere im englischen Liverpool ihren Anfang nahm - die dortigen Stadtväter sahen sich ebenfalls bereits zu einem digitalen Update der freundlichen Aufforderung veranlasst. Der Stadtratsvorsitzende von Liverpool, David Henshaw, ordnete an, dass seine Beamten an einem Tag pro Woche keine internen E-Mails mehr verschicken dürfen, und zwar am Mittwoch. Sie mussten wieder miteinander telefonieren oder sich treffen. "Ich denke", sagt Henshaw, "der Mailstopp ist eine kleine Erinnerung daran, worum es geht, wenn von Kontakt zwischen Menschen die Rede ist."

E-Mail an den Autor: p.glaser@stz.zgs.de
 

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