Polizeireform

"Höchste Zeit, dass Fakten auf den Tisch kommen"

Markus Heffner, aus der StZ vom 1. Februar 2008, veröffentlicht am 31.01.2008
Foto: dpa

Stuttgart - Die Ankündigung, dass in Stuttgart Polizeireviere geschlossen werden müssen, hat bei den Bürgern der Stadt Unmut und Unverständnis hervorgerufen. Die Parteien drängen darauf, mit den konkreten Zahlen und Konzepten konfrontiert zu werden.

 
 

In aller Frühe ist Oberbürgermeister Wolfgang Schuster gestern mit einer Delegation in Stuttgarts indische Partnerstadt Mumbai aufgebrochen. Zuvor hatte sich das Stadtoberhaupt noch per Zeitungslektüre über die aktuellen Reformpläne des Polizeipräsidiums informiert - und das nicht ohne Sorgen. "Ich befürchte", so Schuster, "dass die Einsparungen von Polizeibeamten in der Landeshauptstadt nicht ohne Auswirkungen auf die Bürgernähe unserer Polizei sein werden." Er hoffe, dass die Stadt gemeinsam mit dem Polizeipräsidium zu einem für Stuttgart zufriedenstellenden Ergebnis bei der Präsenz der Polizei in den Stadtbezirken und im Zentrum kommen werde.

Darauf hoffen vor allem auch die Bürger der Stadt, die vielfach mit Unverständnis und Unmut auf die angekündigte Schließung etlicher Polizeireviere reagiert haben. "Erst werden ein paar Stellen bei der Stuttgarter Polizei abgebaut, dann wichtige und bürgerfreundliche Polizeiposten gestrichen, als nächstes Reviere zusammengelegt, dann wieder Stellen gestrichen. Hauptsache, der Personenschutz für Politiker ist ausreichend besetzt. Es ist zum Weinen", schreibt etwa Adalbert Ullrich. Der Bad Cannstatter ist einer der vielen Bürger, die sich per Leserbrief zum Thema geäußert haben.

Insgesamt 280 Stellen werden bei der Stuttgarter Polizei gestrichen; um dies zu kompensieren, hat Polizeipräsident Siegfried Stumpf im StZ-Interview zur Entlastung unter anderem den Ausbau des städtischen Vollzugsdienstes sowie den Einsatz einer Videoüberwachung in der Innenstadt gefordert. Außerdem hatte er mit Blick auf die Kriminalstatistik 2007 vor einer zu positiven Darstellung der Sicherheitslage in Stuttgart gewarnt. Die Zahlen seien deutlich angestiegen.

Damit zielt der Polizeipräsident auch in Richtung des Referats von Ordnungsbürgermeister Martin Schairer, wo man diese Entwicklung aber noch nicht kommentieren will. "Sobald konkrete Zahlen und Konzepte vorliegen, können wir eine Einschätzung abgeben und Schlussfolgerungen ziehen. Jetzt Aussagen zu treffen wäre voreilig", sagt Hermann Karpf, der Referent des Ordnungsbürgermeisters. Sicher sei aber, dass die Stadt wie bisher ihren Beitrag zum nach wie vor hohen Sicherheitsniveau in der Landeshauptstadt leisten werde.

Für Werner Wölfle, Fraktionssprecher der Grünen, ist es "höchste Zeit, dass die Konzepte präsentiert werden und Fakten auf den Tisch kommen", wie er sagt. Er verfolge mit Sorge, dass die Präsenz in den Stadtteilen immer mehr abgebaut werde. Durch die Zusammenlegung von Revieren könnten womöglich die Organisation und gewisse Abläufe effektiver gestaltet werden. Mehr Bürgernähe werde damit aber nicht erzeugt. "Dass die Polizei vor Ort ist und ihre Pappenheimer kennt, ist nach wie vor das A und O." Ein Streifenwagen könne dies nicht kompensieren, genauso wenig wie eine Videokamera in einer akuten Situation Sicherheit schaffen könne. "Echte Präsenz durch Polizisten in Uniform ist durch nichts zu ersetzen."

Gegenstand der Kritik ist bei den Grünen wie auch bei der SPD zunächst einmal aber die Landesregierung, die den Stellenabbau zu verantworten habe, so der SPD-Fraktionschef Manfred Kanzleiter. Man könne nicht auf der einen Seite Sicherheit propagieren und auf der anderen Seite im großen Stil Personal abbauen. "Präsenz ist oberstes Gebot, Streifengänge sind unabdingbar", so Kanzleiter. Momentan fehle ihm und seinen Parteikollegen noch die Fantasie, welche Konsequenzen sich für die Bürger ergeben würden. Am 14. Februar sei der Polizeipräsident zu Gast in der Fraktion, dann werde die Partei ihre Schlussfolgerungen ziehen.
 
Kommentare
Mundtot Gemacht,
06.03.2008 19:58
Im Stich gelassen....

Ich selber Polizist, fühle mich mehr und mehr von der Politik und meiner Polizeiführung im STICH GELASSEN!
Gerade von unserer Polizeiführung würde ich mir wünschen, dass sie wenigstens hinter einem Steht - aber Fehlanzeige! Jeden Tag weitere Hiobsbotschaften die an meinen und den Nerven meiner Kollegen zerren. Dem Bürger wird natürlich weiterhin die heile Welt vorgegaukelt aber Tatsache ist:
Die Jugend und Ausländerkriminalität explodiert geradezu. Vorallem die Gewalt gegenüber Polizeibeamten nimmt langsam aber sicher extreme Ausmaße an.
Wird z.B. jemand wegen einer Widerstandshandlung gegen Polizeibeamte festgenommen, bei der es eventuell zu mehreren verletzten Kollegen gekommen ist, kann man sicher sein, dass der Beschuldigte kurze Zeit später wieder auf freiem Fuss ist, da wie der Richter sagt, keine Fluchtgefahr besteht.
Von seiten der Polizeiführung bekommen die verletzten Kollegen dann noch zu hören, ob ihr Einschreiten auch korrekt war und ob man die Situation nicht auf DEESKALATIVER Basis hätte lösen können!
Im Hinblick auf die Verbrechensrate
verweisen die Führungskräfte auf die allzu beliebte Kriminalstatisik, die, wie jeder halbswegs ehrliche Polizist zugeben muss, eine einzige Farse ist.
Reicht es nicht mehr aus, die Statistik zu drehen und zu wenden bis sie passt, dann werden "AUF ANORDUNG" (natürlich NIEMALS auf geradem Wege) einfach keine Personen mehr kontrolliert, die z.B. im Verdacht stehen, gegen das Betäubungsmittelgesetz verstoßen zu haben. Und siehe da: einen Monat später ist die Welt schon wieder Heile und die Kriminalitätsstatistik sinkt wieder - SCHWARZ AUF WEIß natürlich! Und schon sind alle zufrieden und der PD Leiter wird aufjedenfall wieder zum nächsten Sektempfang ins Rathaus eingeladen! Natürlich bekommt der PD Leiter bei so einer niedrigen Kriminalstatistik und einer sowieso heilen Welt ein ordentliches Schulterklopfen von Seiten der LPD und dem Innenministerium und der nächsten Beförderung steht nichts mehr im Wege.

Viele Führungskräfte haben es sich mittlerweile auch zum Hobby gemacht, das Fußvolk zu Ärgern! Kleines Bespiel: Schwerer Unfall auf Bundesstraße mit zum Teil Schwerverletzten. Kollege eilt zur Hilfe und leistest erste Hilfe sowie Lebenserhaltende Maßnahmen. Presse vor Ort und macht Bilder, die am Tag darauf in der Zeitung erscheinen. Der Beamte, so denkt man sich, wird von der Führung beglückwünscht da er jemandem das Leben gerettet hat - jedoch Fehlanzeige! Von oberster Stelle kommt kurze Zeit später ein Ersuchen, mit der Bitte um Stellungnahme, warum der Beamte am Unfallort keine Dienstmütze getragen hat!Dies sei deutlich auf dem Foto in der Zeitung zu sehen.

Das größe Problem ist, dass alles was die Polizei betrifft von Leuten entschieden wird, die enweder vom alltäglichen Dienst überhaupt keine Ahnung haben oder die denken, alles wäre noch so wie vor 20 Jahren!
IST ES JEDOCH NICHT! Der Frust nimmt täglich zu - was sich auch deutlich auf die Arbeitsmoral vieler Kollegen auswikt!
Frank Breining,
06.03.2008 00:32
Wenn es überhaupt eine wirksame Abschreckungsform gibt, dann ist es Polizeipräsenz. Als Justizsozialarbeiter halte ich den Stellenabbau bei der Polizei gerade angesichts der jüngsten, (namentlich politischerseits) partiell sehr unsachlich geführten Diskussionen über Jugendstrafrecht für nicht nachvollziehbar und kontraproduktiv. Weshalb wird eine Institution, die in weiten Teilen sehr gute Arbeit leistet, geschwächt und nicht gestärkt? Weshalb finden kriminologische Erkenntnisse keinen Niederschlag im politischen Handeln Baden Württembergs?
Martin Janßen,
07.02.2008 17:27
Matthias Läpple: Manchmal frage ich mich, wie manche Leute eigentlich argumentieren würden, gäbe es nicht die beliebten persönlichen Angriffe wie das "Denkmal", das sich Verantwortliche oder Politiker "setzen". Auf der Sachebene kämen sich einige hoffnungslos verloren vor...

Ich begrüße den Polizei-Abbau, da ich schon mehrfach erlebt habe, dass einige von denen ihren Aufgaben nicht gewachsen sind, ihre Ausrüstung nicht beherrschen, ihre Kompetenzen und Pflichten nicht kennen und mit zweierlei Maß messen. Profis ja, Amateure, Wochenend- und Möchtegernbullen nein!
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