Nicht zu vergessen
Johann Hölzel aka Falco
Uwe Hopf, veröffentlicht am 06.02.2008
Der Autobus fuhr mit geschätzten 100 km/h doppelt so schnell wie erlaubt, als er am 6. Februar 1998 den schwarzen Wagen rammte, der unvermittelt auf die Straße eingebogen war. Hinterm Steuer des völlig zerstörten Geländewagens fand man Johann Hölzel, international unter dem Künstlernamen Falco bekannt. Kurz vor seinem 41. Geburtstag, mitten in den Arbeiten an einem neuen Album, das sein Comeback einläuten sollte, erwischte ihn der Tod auf einer staubigen Straße in seiner Wahlheimat, der Dominikanischen Republik.
Wie die Obduktion zeigte, waren neben der überhöhten Geschwindigkeit des Busses weitere Ursachen im Spiel: Alkohol, Marihuana, Kokain. Über die entscheidende lassen sich nur Vermutungen anstellen. Nicht auszuschließen, dass es Unachtsamkeit war. Als posthum die Single "Out of The Dark" mit der Zeile "Muss ich denn sterben, um zu leben?" veröffentlicht wurde, war diese ein gefundenes Fressen für Hobbypsychologen und Regenbogenpresse: Hatte Falco Todesahnungen gehabt, das nahe Ende gespürt, gar Selbstmord begangen?
Am 20. März 1986 gelang dem gebürtigen Wiener etwas bis dahin Einzigartiges. Seine Single "Rock Me Amadeus" kletterte auf Platz 1 der Billboard Charts und war damit der erste deutschsprachige Titel, der es an die Spitze der amerikanischen Hitparade geschafft hatte. Während um ihn herum die Sektkorken knallten, wurde Falco immer stiller. Er wusste, dass er damit, vier Jahre nach seinem Überraschungserfolg mit "Der Kommissar", bereits den Zenit erreicht hatte. Dieser Triumph war nicht zu überbieten, an ihm würde für lange Zeit sein künstlerisches Schaffen gemessen werden.
Der Song kombinierte Rock mit Funk-, Disco- und HipHop-Elementen und erreichte auch in England die Spitze der Charts, worüber sich Falco deutlich mehr freute. Dass deutsch gerappte Texte zu angesagten Grooves im englischen Sprachraum für mindestens soviel Irritation wie Begeisterung sorgten, wusste Falco. In einem Interview brachte er seine Haltung dazu genüsslich und mit einem gerüttelten Maß Wiener Schmäh auf den Punkt: "Die Differenzen zwischen Schwarz und Weiß interessieren mich einen Scheißdreck!"
Diese zur Schau gestellte Arroganz und Coolness passten perfekt zum von Hans Hölzel bereits in seinen Tagen als Bassist bei der Kultband Drahdiwaberl entworfenen Bühnenego Falco, das elegante Anzüge und Sonnenbrillen trug, das Haar stets mit Gel nach hinten kämmte und mit wachsendem Erfolg immer größere Persönlichkeitsanteile beanspruchte.
Falcos Sprechgesang, der ihm zurecht den Titel des ersten deutschsprachigen Rappers einbrachte, bot weit mehr als ein paar coole Sprüche. In einem nahezu kantenlosen Sprechfluss zeichnete er mit lässig dahin geworfen wirkenden Teilsätzen komplexe Stimmungsbilder. Er mischte furchtlos deutsche und englische Phrasen und schlug damit neue Brücken zu einem Publikum, das bislang deutsch sprach und englisch Musik hörte.
Inhaltlich nahm sich Falco Themen vor, die nicht jeder gerne im Rundfunk hören wollte. Sein erstes Lied "Ganz Wien", noch zu Zeiten bei Drahdiwaberl geschrieben, thematisierte den Drogenkonsum in der Wiener Szene und wurde vom Rundfunk in der Hauptstadt boykottiert. Mit "Der Kommissar" beackerte er ähnliches Terrain, war jedoch nicht mehr unten zu halten.
"Jeanny", das Lied über die Vergewaltigung und Ermordung eines jungen Mädchens aus der Perspektive des Täters, überforderte so manchen kleingeistigen Sittenwächter, der darin nicht das auf 5:53 Minuten komprimierte Psychogram einer gestörten Persönlichkeit erkennen konnte, sondern lediglich die Verherrlichung einer Gewalttat.
Frauen spielten eine große Rolle in Falcos Leben. Wichtigste Bezugsperson blieb zeitlebens seine Mutter, zu der er ein besonders inniges Verhältnis aufbaute, nachdem sein Vater sie und den 10-jährigen Sohn verlassen hatte. Obwohl es an erotischen Beziehungen in seinem Leben kaum mangelte, scheiterten alle seine Versuche, enge Partnerschaften aufzubauen. Bis ins Mark erschütterte ihn im Herbst 1993 das Ergebnis eines Vaterschaftstests: Er war nicht der leibliche Vater seiner geliebten Katharina Bianca.
Als Falco vor zehn Jahren im falschen Moment auf die Straße einbog, war erst wenige Tage zuvor erneut eine Beziehung gescheitert und er zweifelte, ob er mit seinem neuen Album wieder an die früheren Erfolge anknüpfen können würde. Verwundert es, dass ein Mann, der größte internationale Erfolge und schmerzhafte persönliche Tragödien erlebte, der hoch talentiert und menschlich weitestgehend isoliert war, über den Tod nachdachte? Verwundert es, dass ein hochintelligenter Mensch, der sich mit Alkohol und Drogen im Wechsel stimulierte und abschottete, dessen Schatten spürte? Wäre es verwunderlich, wenn so ein Mensch an Selbstmord dächte? Wohl kaum.
Mit großer Wahrscheinlichkeit hatte Johann Hölzel schon lange mit all diesen Dämonen zu kämpfen. Doch der Unfall, der ihn vor zehn Jahren das Leben kostete, war mit ebenso großer Wahrscheinlichkeit nichts als ein dummer, unnötiger Zufall. Menschliches Versagen eben.
"Wenn ich morgen meinem Gott gegenübertrete, kann ich sagen: Ich bin unschuldig! Ich hab niemanden was getan - außer mir selber. Und das verzeiht er mir hoffentlich..." (Falco)
Am 8. Februar läuft Thomas Roths Film "Falco - verdammt wir leben noch" mit Manuel Rubey als Falco in den österreichischen Kinos an. Ein deutscher Filmverleih hat sich bislang nicht gefunden.
Filmtrailer bei Youtube: de.youtube.com/watch?v=NQwbd_y2mEI
Anlässlich des 10. Todestages erscheinen als Neuveröffentlichung "Falco Symphonic" und als Wiederveröffentlichung "Hoch wie nie" auf CD und DVD.
Seite 1 Johann Hölzel aka Falco
Seite 2 Ausgegraben: Falco Symphonic
Seite 3 Wieder da: Hoch wie nie
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