Privatschule
Miteinander im Klassenzimmer
Nicole Höfle, aus der StZ vom 13. Februar 2008, veröffentlicht am 12.02.2008
Stuttgart/Bad Cannstatt - Recep Tayyip Erdogan besucht Deutschland und fordert die Einrichtung von türkischen Schulen. In Stuttgart gibt es seit dreieinhalb Jahren eine Privatschule, die sich vor allem gegen eines wehrt: als türkische Schule angesehen zu werden.
Als die Bil-Privatschule in der Cannstatter Sichelstraße vor dreieinhalb Jahren eröffnete, war die Skepsis groß. Kommunalpolitiker quer durch alle Parteien warnten vor der Entstehung einer Parallelgesellschaft auf dem Pausenhof. Von dieser aber redet inzwischen niemand mehr, im Gegenteil. Stuttgarts Schulbürgermeisterin Susanne Eisenmann ist überzeugt: "Die Privatschule ist eine Bereicherung für Stuttgart. Dort wird ein integratives Konzept gelebt und der deutsche Bildungsplan vermittelt, aber viele Menschen bringen ihre Migrationserfahrung ein."
Worauf die Bürgermeisterin anspielt und was die private Realschule und das private Gymnasium von anderen Schulen unterscheidet, sind vor allem drei Dinge: ein Schulleiter mit türkischer Herkunft und deutschem Pass, ein Gründungsverein mit überwiegend türkischen Migranten und 157 Schüler, von denen 80 Prozent aus Zuwandererfamilien stammen. Ein Migrantenanteil von 80 Prozent ist zwar in einer Hauptschule nichts Ungewöhnliches mehr, in einem Gymnasium und einer Realschule aber sehr wohl. Stuttgarts Integrationsbeauftragter Gari Pavkovic stellt denn auch fest: "Das ist eine Leistung, so viele türkischstämmige Kinder und Jugendliche in einem Gymnasium zu versammeln, in einer Schulart, in der Migranten seit Jahrzehnten deutlich unterrepräsentiert sind."
Trotz seiner türkischen Wurzeln wehrt sich der Schulleiter Muammer Akin seit Gründung der Privatschule vehement dagegen, diese als türkische Schule bezeichnen zu lassen; darin hat ihn Ministerpräsident Erdogan mit seiner Forderung nur noch bestärkt. Erdogan will türkische Schulen in Deutschland, Akin aber hält wenig von der Idee: "Wenn sich der türkische Staat am deutschen Bildungssystem finanziell beteiligen möchte, dann sollte er dazu beitragen, dass mehr junge Migranten nach der Schule den Lehrerberuf ergreifen." Migrantenkinder bräuchten in den staatlichen Schulen mehr Vorbilder, die selbst eine positive Integration erlebt und das deutsche Bildungssystem erfolgreich durchlaufen haben, und sie bräuchten eine intensivere Förderung. "Dann wäre unsere Privatschule überflüssig. Wir haben Erfolg, weil sich Migranten im staatlichen Schulsystem schwertun", sagt Akin.
Das belegt auch der Integrationsbericht der Stadt: Seit Jahren treten mehr als 50 Prozent der Migranten von der Grundschule in die Hauptschule über, nur etwa 15 Prozent schaffen den Sprung aufs Gymnasium. Bei den deutschen Kindern ist das Verhältnis umgekehrt: 60 Prozent wechseln ins Gymnasium und weniger als 20 Prozent in die Hauptschule. Von einem deutlichen Defizit spricht auch Susanne Eisenmann: "Wir sind noch weit von einer Chancengerechtigkeit an den Schulen entfernt, aber wir arbeiten daran." Die Bürgermeisterin verweist auf die Stuttgarter Bildungspartnerschaft, zu deren Kernpunkten es gehört, die Sprachförderung schon in den Kindertagesstätten zu intensivieren. "Nur wer gut Deutsch spricht, hat eine Chance, in der Schule mitzukommen."
Bis sich die Bildungspartnerschaft auf die Übertrittsquoten auswirken wird, dürfte noch einige Zeit vergehen, bis dahin braucht sich Akin keine Sorgen um die Nachfrage an der Privatschule zu machen. Die Warteliste ist lang - und ein Neubau in Planung. Noch in diesem Jahr soll mit dem Bau einer neuen Schule für zehn Millionen Euro auf dem Gelände der ehemaligen Zuckerfabrik im Hallschlag begonnen werden, das die Stadt dem Trägerverein in Erbpacht überlassen wird. Aus der kleinen, am Rande eines Gewerbegebiets gelegenen Privatschule soll eine deutlich größere Einrichtung werden: Langfristig will Akin 560 Schüler aufnehmen und alle Klassenstufen anbieten. Noch wächst die Schule, die 170 Euro Schulgeld im Monat verlangt, mit jedem Jahr: Angefangen hat sie mit 28 Schülern und zwei fünften Klassen, heute ist sie bei 157 Schülern, acht Klassen und zwölf Lehrern, die meisten davon sind deutscher Herkunft.
Der Integrationsbeauftragte Pavkovic sieht den Erfolg der Schule, hofft aber darauf, dass sich die Zusammensetzung der Schüler mit dem Neubau ändern wird. "Es kann zum Problem werden, wenn Zuwandererkinder fast unter sich bleiben." Das findet auch Akin. Nur sei es schwierig, deutsche Eltern zu gewinnen. "Bei türkischen Eltern haben wir einen deutlichen Vertrauensvorschuss."
Als die Bil-Privatschule in der Cannstatter Sichelstraße vor dreieinhalb Jahren eröffnete, war die Skepsis groß. Kommunalpolitiker quer durch alle Parteien warnten vor der Entstehung einer Parallelgesellschaft auf dem Pausenhof. Von dieser aber redet inzwischen niemand mehr, im Gegenteil. Stuttgarts Schulbürgermeisterin Susanne Eisenmann ist überzeugt: "Die Privatschule ist eine Bereicherung für Stuttgart. Dort wird ein integratives Konzept gelebt und der deutsche Bildungsplan vermittelt, aber viele Menschen bringen ihre Migrationserfahrung ein."
Worauf die Bürgermeisterin anspielt und was die private Realschule und das private Gymnasium von anderen Schulen unterscheidet, sind vor allem drei Dinge: ein Schulleiter mit türkischer Herkunft und deutschem Pass, ein Gründungsverein mit überwiegend türkischen Migranten und 157 Schüler, von denen 80 Prozent aus Zuwandererfamilien stammen. Ein Migrantenanteil von 80 Prozent ist zwar in einer Hauptschule nichts Ungewöhnliches mehr, in einem Gymnasium und einer Realschule aber sehr wohl. Stuttgarts Integrationsbeauftragter Gari Pavkovic stellt denn auch fest: "Das ist eine Leistung, so viele türkischstämmige Kinder und Jugendliche in einem Gymnasium zu versammeln, in einer Schulart, in der Migranten seit Jahrzehnten deutlich unterrepräsentiert sind."
Trotz seiner türkischen Wurzeln wehrt sich der Schulleiter Muammer Akin seit Gründung der Privatschule vehement dagegen, diese als türkische Schule bezeichnen zu lassen; darin hat ihn Ministerpräsident Erdogan mit seiner Forderung nur noch bestärkt. Erdogan will türkische Schulen in Deutschland, Akin aber hält wenig von der Idee: "Wenn sich der türkische Staat am deutschen Bildungssystem finanziell beteiligen möchte, dann sollte er dazu beitragen, dass mehr junge Migranten nach der Schule den Lehrerberuf ergreifen." Migrantenkinder bräuchten in den staatlichen Schulen mehr Vorbilder, die selbst eine positive Integration erlebt und das deutsche Bildungssystem erfolgreich durchlaufen haben, und sie bräuchten eine intensivere Förderung. "Dann wäre unsere Privatschule überflüssig. Wir haben Erfolg, weil sich Migranten im staatlichen Schulsystem schwertun", sagt Akin.
Das belegt auch der Integrationsbericht der Stadt: Seit Jahren treten mehr als 50 Prozent der Migranten von der Grundschule in die Hauptschule über, nur etwa 15 Prozent schaffen den Sprung aufs Gymnasium. Bei den deutschen Kindern ist das Verhältnis umgekehrt: 60 Prozent wechseln ins Gymnasium und weniger als 20 Prozent in die Hauptschule. Von einem deutlichen Defizit spricht auch Susanne Eisenmann: "Wir sind noch weit von einer Chancengerechtigkeit an den Schulen entfernt, aber wir arbeiten daran." Die Bürgermeisterin verweist auf die Stuttgarter Bildungspartnerschaft, zu deren Kernpunkten es gehört, die Sprachförderung schon in den Kindertagesstätten zu intensivieren. "Nur wer gut Deutsch spricht, hat eine Chance, in der Schule mitzukommen."
Bis sich die Bildungspartnerschaft auf die Übertrittsquoten auswirken wird, dürfte noch einige Zeit vergehen, bis dahin braucht sich Akin keine Sorgen um die Nachfrage an der Privatschule zu machen. Die Warteliste ist lang - und ein Neubau in Planung. Noch in diesem Jahr soll mit dem Bau einer neuen Schule für zehn Millionen Euro auf dem Gelände der ehemaligen Zuckerfabrik im Hallschlag begonnen werden, das die Stadt dem Trägerverein in Erbpacht überlassen wird. Aus der kleinen, am Rande eines Gewerbegebiets gelegenen Privatschule soll eine deutlich größere Einrichtung werden: Langfristig will Akin 560 Schüler aufnehmen und alle Klassenstufen anbieten. Noch wächst die Schule, die 170 Euro Schulgeld im Monat verlangt, mit jedem Jahr: Angefangen hat sie mit 28 Schülern und zwei fünften Klassen, heute ist sie bei 157 Schülern, acht Klassen und zwölf Lehrern, die meisten davon sind deutscher Herkunft.
Der Integrationsbeauftragte Pavkovic sieht den Erfolg der Schule, hofft aber darauf, dass sich die Zusammensetzung der Schüler mit dem Neubau ändern wird. "Es kann zum Problem werden, wenn Zuwandererkinder fast unter sich bleiben." Das findet auch Akin. Nur sei es schwierig, deutsche Eltern zu gewinnen. "Bei türkischen Eltern haben wir einen deutlichen Vertrauensvorschuss."
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