Eine drohende Pandemie?

Masernwelle erreicht Stuttgart

Christine Keck, aus der StZ vom 18. März 2008, veröffentlicht am 17.03.2008
Foto: dpa

Stuttgart - Fünf Patienten mit Masern sind in Stuttgart gemeldet worden, auch im Landkreis Ludwigsburg sind acht Fälle bekannt. Die hoch ansteckende Krankheit werde sich vermutlich weiter ausbreiten, prognostiziert das Gesundheitsamt und rät zur Impfung.

Sich mit Masern zu infizieren, kann ganz schnell gehen. Ein kräftiges Niesen oder ein Händeschütteln reicht aus, um den Erreger zu übertragen. Bald darauf sprießen die typischen roten Pünktchen. Erwischt hat es in Stuttgart zwei Erwachsene, die in einer Wohngemeinschaft leben und drei Kinder aus einer Familie auf den Fildern. Auch im Landkreis Ludwigsburg sind acht Fälle nachgewiesen, darunter sechs Kinder aus Bietigheim. Sie quälen sich mit den Pusteln. Doch nicht nur Fieber und eine allgemeine Schlaffheit gehören zum Krankheitsbild. „Die Folgeerkrankungen können tödlich verlaufen“, sagt Martin Priwitzer vom Stuttgarter Gesundheitsamt und warnt davor, einen Masernausbruch zu verharmlosen. Bei jedem tausendsten Patienten komme es zu einer Entzündung des Gehirns. Zehn bis zwanzig Prozent der Erkrankten sterben daran.

Nicht nur in Stuttgart, sondern auch in Karlsruhe, Ravensburg, Tübingen sowie in den Landkreisen Breisgau-Hochschwarzwald und Lörrach sind seit Januar vermehrt Masernfälle aufgetreten – bisher insgesamt 62. „Die Zahlen werden vermutlich noch weiter ansteigen“, sagt der Amtsarzt Priwitzer. Vermutlich haben Berufspendler und Touristen die Masern aus der Schweiz eingeschleppt, wo seit Jahresbeginn mehr als 600 Erkrankungen gemeldet worden sind. Auch die drei Stuttgarter Kinder haben vor kurzem einen Urlaub in der Schweiz verbracht.

Zu den Ausbrüchen kommt es aufgrund der mangelhaften Impfquote. „Nur etwa 88 Prozent der eingeschulten Kinder in Stuttgart sind ausreichend geschützt“, kritisiert Amtsarzt Priwitzer. Ziel sei es aber, mindestens 95 Prozent der Kinder zu erreichen. Das Gesundheitsamt empfiehlt eine Impfung bei Kleinkindern zwischen dem elften und 14.Lebensmonat. Erforderlich sind zwei Pikser im Abstand von etwa vier Wochen, wobei häufig ein Kombinationsimpfstoff gegen Maser, Mumps und Röteln gespritzt wird.

„Oft wird die Impfung schlichtweg vergessen“, sagt der Mediziner Priwitzer. Da nur noch selten Masernfälle auftreten, werde die Krankheit unterschätzt. Wichtig sei es deshalb, die regelmäßigen Vorsorgeuntersuchungen beim Kinderarzt einzuhalten. Auch Erwachsenen könnten sich theoretisch noch spritzen lassen, allerdings sollte man das mit dem Hausarzt vorher abklären.

Die um sich greifende Impfträgheit ist Priwitzer ein Dorn im Auge. „Es ist ein Armutszeugnis, dass ein wohlhabendes Land wie Deutschland es nicht schafft, die Krankheit auszurotten.“ Ein Blick auf die Statistik zeigt, die traurige Spitzenposition Deutschlands mit 2282 Fällen im Jahr 2006 – auf 100.000 Menschen kommen 2,7 Maserpatienten. Nur Rumänien hat höhere Infektionsraten: Dort wurden 3196 Fälle registriert, das entspricht pro 100.000 Menschen knapp 15 Erkrankten. Vor allem die skandinavischen Länder hätten die Krankheit im Griff, weiß Priwitzer und verweist auf Finnland und Norwegen, die 2006 keinen einzigen Masernpatienten behandeln mussten.

Vor sogenannten Masernpartys warnt das Gesundheitsdezernat des Ludwigsburger Landratsamtes. Es gebe immer noch die verbreitete Ansicht, dass es Sinn mache, eine Masernerkrankung durchzumachen, um das Immunsystem allgemein zu stärken. Angesichts der hohen Komplikationsraten und Folgeerkrankungen sei dies jedoch höchst riskant. Masern dürften nicht als harmlose Kinderkrankheit betrachtet werden. Es können neben der Entzündung des Gehirns auch Mittelohrentzündungen, Bronchitis oder Lungenentzündungen auftreten. Außerdem steht fest: Je älter die Erkrankten sind, umso schwerer sind die Krankheitsverläufe.
 
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