Schutz gegen HPV

Die erste Krebsimpfung ist teuer und vielleicht unwirksam

Anke Brodmerkel, aus der StZ vom 19. März 2008, veröffentlicht am 18.03.2008
Foto: dpa

Drei Injektionen sollen Mädchen vor Viren schützen, die Gebärmutterhalskrebs auslösen können. Fachleute kritisieren jedoch, dass der Impfstoff überhastet in Deutschland eingeführt worden ist.

Vor einem Jahr, am 23. März 2007, sprach sich die Ständige Impfkommission (Stiko) dafür aus, alle Mädchen zwischen 12 und 17 Jahren gegen Humane Papillomviren (HPV) impfen zu lassen. Die Entscheidung des Gremiums war erst für Juli erwartet worden. Die Stiko begründete ihr rasches Vorgehen mit dem großen öffentlichen Interesse an der Impfung, denn erstmals schien es möglich geworden zu sein, einer Krebserkrankung per Impfung vorzubeugen. Der Impfstoff Gardasil des Herstellers Sanofi Pasteur MSD soll vor einer Infektion mit HP-Viren schützen, die beim Geschlechtsverkehr übertragen werden und in seltenen Fällen Gebärmutterhalskrebs auslösen. An dieser Krebsart erkranken hierzulande pro Jahr etwa 6500 Frauen. Im September 2007 ist von der Europäischen Arzneimittelagentur in Deutschland noch ein zweiter HPV-Impfstoff namens Cervarix der Firma Glaxo Smith Kline zugelassen worden.

Bereits wenige Monate nach der Markteinführung von Gardasil regte sich erste Kritik - am Impfstoff, an der Art und Weise seiner Zulassung und an der rasch erfolgten Empfehlung der Stiko. "Als Gardasil auf den Markt kam, waren entscheidende Untersuchungen zur Wirksamkeit noch gar nicht abgeschlossen", sagt Wolfgang Becker-Brüser, Chefredakteur der pharmakritischen Zeitschrift "Arznei-Telegramm". So habe eine Studie nach der Zulassung von Gardasil gezeigt, dass sich die Zahl bedenklicher Veränderungen der Gebärmutterschleimhaut nur um 17 Prozent reduzieren lasse. Auch in der renommierten Fachzeitschrift "New England Journal of Medicine" wurde die Wirkung der HPV-Impfung als bescheiden bezeichnet.

Belege, dass sich mit der Impfung die Zahl der Krebserkrankungen senken lässt, gibt es bisher nicht. Das bestreitet auch niemand, denn ein Gebärmutterhalstumor entsteht erst zehn bis fünfzehn Jahre nach einer HPV-Infektion. "Die klinischen Studien begannen aber erst Ende der Neunzigerjahre",sagt Jürgen Lösch, Pressereferent von Sanofi Pasteur MSD. Allerdings hält er die bisherigen Studien durchaus für aussagekräftig: "In ihnen konnte gezeigt werden, dass sich eine Ansteckung mit HP-Viren vom Typ 16 und 18 fast hundertprozentig vermeiden lässt." Diese Virentypen verursachen 70 Prozent der Gebärmutterhalstumoren.

Der Münchner Kinderarzt und bekannte Impfkritiker Martin Hirte findet es "pikant und äußerst ungewöhnlich", dass Gardasil zugelassen wurde, ohne dass die Hersteller Studien zum klinischen Nutzen vorlegen mussten. "Der Verdacht, dass auf die Behörden Druck ausgeübt wurde oder dass dies aufgrund guter Beziehungen nicht einmal nötig war, ist nicht von der Hand zu weisen", sagt er. Auch der Stiko unterstellen Kritiker gute Beziehungen zur Industrie. So hat der ehemalige Stiko-Vorsitzende Heinz-Josef Schmitt vier Monate vor der Markteinführung von Gardasil einen mit 10 000 Euro dotierten Preis angenommen, mit dem er "für sein besonderes Engagement zur Förderung des Impfgedankens" geehrt wird. Gestiftet wurde der Preis von Sanofi Pasteur MSD.
 

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