Niederlande

Selbst Rudi Carrell liefert der Islamdebatte neue Munition

Helmut Hetzel, Den Haag, aus der StZ vom 28. März 2008, veröffentlicht am 28.03.2008
Foto: AP

Den Haag - Der Rechtspopulist Geert Wilders hat seinen islamkritischen Film „Fitna“ ins Internet gestellt. In dem 15-minütigen Streifen ruft er: „Stoppt die Islamisierung“.

Die Angst geht um. Der Rechtspopulist Geert Wilders ist untergetaucht und kommuniziert über das Internet mit der Öffentlichkeit. Am Donnerstag Abend hat er seinen seit langem angekündigten Film ins Internet gestellt. Untermalt mit Bildern von Hinrichtungen und Attentaten muslimischer Islamisten ruft Wilders in dem Streifen dazu auf, die Islamisierung zu stoppen und die Freiheiten zu verteidigen. Inhaltlich geht der Film aber nicht über das hinaus, was Wilders seit langem behauptet: die westliche Welt verschließe die Augen vor der Bedrohung durch den Islam. Der 45-jährige Politiker ist der derzeit der wohl am meisten gehasste und gefährdetste Mann der Niederlande. Man fürchtet, dass es wegen des Films zu gewalttätigen Ausschreitungen kommen könnte.

Vor einem Rotterdamer Gericht soll am Freitag ein Antrag zu einer einstweiligen Verfügung der Niederländisch-Islamischen Föderation (NIF) verhandelt werden. Die NIF verlangt, dass der Film verboten wird. Der Politiker solle ein Bußgeld zahlen und sich bei allen Muslimen öffentlich entschuldigen.

Zusätzlich aufgeheizt wird die ohnehin schon brodelnde gesellschaftspolitische Stimmung und die hitzig geführte Islamdebatte durch eine neue Nachricht. Der Exmuslim Eshan Jami, der sich kürzlich öffentlich vom Islam losgesagt hat, kündigte an, auch er werde einen islamkritischen Film drehen. „Es wird wahrscheinlich ein Zeichentrickfilm mit dem Propheten Mohammed in der Hauptrolle“, sagt Jami. In dem Film soll Mohammed mit seiner neunjährigen Frau Aisja händchenhaltend zu sehen sein, wie die beiden auf dem Weg zur Moschee sind. „Sie gehen dort aber nicht nur zum Beten hin, sondern Mohammed wird Aisja in der Moschee entjungfern“, kündigt Jami an.

Ehsan Jami will damit einen Teil aus dem Leben des Propheten Mohammed zeigen, der die niederländischen Gerichte im Jahr 2003 schon einmal beschäftigte. Damals hatte die Islamkritikerin Ayaan Hirsi Ali gesagt, dass Mohammed ein neunjähriges Mädchen als Frau hatte, sei aus heutiger Sicht pervers oder pädophil. Wütende Muslime klagten daraufhin gegen Ayaan Hirsi Ali, weil sie angeblich den Propheten Mohammed beleidigt habe. Ein Gericht sprach sie frei. Kurioserweise spielen inzwischen auch Rudi Carrell und ein von ihm 1987 in seinem Satireprogramm „Rudi’s Tagesshow“ im deutschen Fernsehen gezeigter Chomeini-Film eine zentrale Rolle in der Debatte. Carrell hatte damals den iranischen Ayatollah Chomeini in einer Filmmontage gezeigt, in der Frauen ihm ihre Schlüpfer zuwarfen. Als das niederländische Fernsehen diese Carrell-Satire zeigen wollte, griff der damalige Außenminister Hans van den Broek ein. Van den Broek rief fünf Minuten vor der Sendung im Fernsehstudio an und setzte sich mit seinem Wunsch durch, den Beitrag nicht zu senden. Eine Selbstzensur des niederländischen Fernsehens, und genau dazu fordert der inzwischen pensionierte van den Broek jetzt wieder auf.

Er nennt Geert Wilders und Ehsan Jami „politische Pyromanen, die Hass sähen“, und fordert ein Verbot der beiden islamkritischen Filme. Das stößt auf heftige Kritik. Der vor dem Chomeini-Regime aus dem Iran geflüchtete Afshin Ellian greift van den Broek scharf an. Der heutige Professor für Straf- und Völkerrecht stellt sich an die Seite von Wilders und Jami. „Was ist schlimmer: Zensur durch das Anwenden von Gewalt oder Selbstzensur aufgrund einer verinnerlichten Angst?“ fragt Ellian.

Eine Haltung wie die von Hans van den Broek werde von den Feinden der Freiheit als Kapitulation interpretiert. Die Niederlande drohten auf das Niveau einer Bananenrepublik herabzusinken. Dort sei es üblich, dass Präsidenten Journalisten sagen, was die zu tun oder zu lassen haben.

Ellian erinnert van den Broek süffisant daran, dass schon im Jahr 1892 das höchste Gericht der Niederlande entschieden habe, dass die Veröffentlichung von Druckschriften nicht durch präventive Maßnahmen vorab beeinträchtigt werden dürfe. Anders formuliert: eine Zensur dürfe nicht stattfinden. Und das gelte in den Niederlanden genauso auch heute noch.

Zum Film:

www.liveleak.com
 

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