Anti-Islam-Video

Die Niederlande in der Spirale der Angst

Helmut Hetzel, Den Haag, aus der StZ vom 29. März 2008, veröffentlicht am 28.03.2008
Foto: AFP

Den Haag - Der Film des niederländischen Rechtspopulisten Geert Wilders steht im Internet, Millionen haben ihn schon gesehen. Seit Wochen geht die Angst um, der islamkritische Film könne zu Anschlägen islamistischer Fundamentalisten führen.

Es geht heiß her während einer Fernsehdebatte in einem Haager Hotel. Edwin ist wütend. „Man sollte Geert Wilders verhaften und seinen Film einfach verbieten“, empört sich der 43-jährige Unternehmer. Bart, sein Freund und Miteigentümer der gemeinsamen PR-Firma, ist anderer Meinung: „Ich zweifle langsam an deiner demokratischen Gesinnung. Den Film verbieten, noch ehe er gesendet wurde, das ist doch Zensur pur. Einen Mann verhaften, der nichts verbrochen hat und von vielen gewählt wurde, das ist diktatorisch“, wirft er Edwin vor. Der Streit eskaliert. Dann greift ein anderer Gast ein: „Anderes Thema bitte, es reicht.“

Als die Kameras und Mikrofone ausgeschaltet sind, sagt Edwin auf die Frage, was ihn so wütend mache: „Ich habe Angst. Ich habe Angst, dass ich Opfer eines Anschlags wütender Muslime werden könnte, wenn Wilders diesen Film zeigt. Darum will ich nicht, dass er gesendet wird.“ Edwin ist Unternehmer. Er reist viel. Er hat Angst vor terroristischen Anschlägen. Er hat auch Angst, dass seine Geschäfte im Nahen Osten unter den Folgen des Films leiden könnten. Ein Boykott niederländischer Waren und Firmen wurde gestern von Jordanien bereits angekündigt. Zehn Prozent aller niederländischen Exporte gehen in islamische Länder, per Saldo sind das Waren im Wert von rund 40 Milliarden Euro jährlich.

Szenenwechsel, die Aula einer Hochschule in Den Haag: Ein TV-Team des arabischen Senders Al Dschasira taucht auf. Man will niederländische Studenten interviewen, fragt den 21-jährigen Henk, ob er vor der Kamera seine Meinung über den Film sagen wolle. Henk antwortet: „Nein, auf keinen Fall. Sonst habe ich morgen eine Brandbombe in meinem Zimmer.“ Henk war vor einiger Zeit von fünf marokkanischstämmigen Jugendlichen brutal zusammengeschlagen worden. Sie hatten seine blonde niederländische Freundin belästigt, hatten sie betatscht und als Hure beschimpft, weil sie einen zu kurzen Rock trage. Henk verbat sich das und bekam Prügel. Als er bei der Polizei Anzeige erstattete, gab er zu Protokoll: „Ich fühle mich nicht mehr zu Hause in meinem eigenen Land.“ Die Anzeige landete bei den Akten. Henk hörte nie mehr etwas von der Haager Polizei. Der Student denkt jetzt darüber nach, bei den nächsten Parlamentswahlen für Geert Wilders und dessen Freiheitspartei zu stimmen.

Wer ist Geert Wilders, der mit seiner permanenten und harten Islamkritik für so viel Aufsehen sorgt, dass sich die Ajatollahs im Iran und der Großmufti von Syrien damit befassen und protestieren? Der politische Aufstieg von Wilders begann am 3. September 2004. An diesem Tag verließ der in Venlo an der deutsch-niederländischen Grenze geborene Politiker die bürgerlich-liberale Partei für Freiheit und Demokratie. Wilders hatte die Partei mit der Publikation eines Pamphlets provoziert. Darin äußerte er erstmals seine radikale Kritik am Islam als einer „zurückgebliebenen Kultur“. Und er rief dazu auf, gegen den Vertragsentwurf für eine EU-Verfassung zu stimmen, den seine Landsleute im Sommer 2005 tatsächlich ablehnten. Solche Standpunkte waren mit dem Parteiprogramm der Liberalen nicht vereinbar.

Der parteilose Wilders blieb als Ein-Mann-Fraktion im Haager Parlament. Er nannte sich „Groep Wilders“ (Gruppe Wilders). Dann gründete er seine eigene Partei, die Partij van de Vrijheid (PVV), die Freiheitspartei. Die neue Partei bekam im November 2006 aus dem Stand neun der 150 Mandate in der Haager Volksvertretung. Würde jetzt gewählt, dann könnte Wilders mit seiner PVV die Zahl der Mandate verdoppeln.Politisch sieht sich Wilders (44) in der Tradition des im Mai 2002 ermordeten Rechtspopulisten Pim Fortuyn, der Frauenrechtlerin Ayaan Hirsi Ali und des Filmemachers Theo van Gogh, der im November 2004 von einem fundamentalistischen Muslim in Amsterdam erstochen wurde. Wilders Islamkritik aber ist polemischer und politischer als die von Fortuyn. Und Ayaan Hirsi Ali und Theo van Gogh haben sich in ihrem Film „Submission“ darauf beschränkt, die Unterdrückung der Frauen im Islam anzuprangern.

Wilders These: Der Islam ist mehr politische Ideologie als Religion. Der extreme Islamismus bedroht nach Ansicht von Wilders die westliche Freiheit und müsse daher politisch ebenso bekämpft werden wie der Faschismus und der Kommunismus. Seit sein Film „Fitna“ (Zwiespalt) ins Internet gestellt wurde, dürfte das Kopfgeld für Geert Wilders in fundamentalistischen islamischen Kreisen erhöht worden sein. Millionen von Menschen haben den Film inzwischen gesehen.

„Fitna, the movie. Geert Wilders über den Koran“ – so beginnt der Film. Zwei Hände streichen über den Koran. Eine Seite wird umgeblättert. Der Bildschirm wird schwarz. Man hört, wie eine Seite aus einem Buch gerissen wird. Dann die Sätze: „Das Geräusch ist das Zerreißen von Seiten aus einem Telefonbuch. Es ist nicht meine Sache, sondern es ist die Sache der Muslime, die Verse aus dem Koran zu zerreißen, in denen Hass gepredigt wird... Der Islam hat keinen Respekt vor uns. Der Islam will dominieren, unterwerfen und die westliche Zivilisation vernichten.“ Dann folgt die umstrittene Mohammed-Karikatur des dänischen Karikaturisten Kurt Westergaard. Sie zeigt Mohammed mit einer Bombe im Turban. Wieder wird der Bildschirm schwarz. Es blitzt und donnert. So endet der Film. Dazwischen gibt es in Form einer Collage aneinandergereihte Videodokumente. Die Anschläge in New York und Madrid, Leichen, viele Leichen, fanatische Imame, die Tod für die Juden predigen und die Weltherrschaft für den Islam fordern. Wilders hat neben diese Filmdokumente Koranzitate gestellt. Seine Botschaft: Der extreme Islam bedroht die Freiheit. Aber er predigt keinen Hass gegen Muslime. Er zeigt keine neuen Bilder. Aber es sind schreckliche Bilder, die in der Zusammenstellung eine subtile Wirkung entfalten. Und sie sollen Angst zeigen: Angst vor Überfremdung, Angst vor dem Verlust der Freiheit, Angst vor dem Verlust der niederländischen Identität.

Seit den Morden an Pim Fortuyn sind die Niederlande von dieser Angst befallen. Das Land, das sich einst selbst als das toleranteste in Europa gelobt hat, wurde durch diese Morde in seinen Grundfesten erschüttert. „Wir haben die Orientierung verloren“, sagen viele Niederländer. Nachdem man entdecken musste, dass die gerühmte holländische Toleranz vielfach nichts weiter war als banale Gleichgültigkeit gegenüber anderen, zumal gegenüber Einwanderern, nachdem man entdecken musste, dass die einst als vorbildlich gepriesene multikulturelle Gesellschaft in den Niederlanden eine Selbsttäuschung war, sind die Niederländer in ein tiefes Loch gefallen. Sie zweifeln an sich selbst. Und orientierungslos sind sie auch wegen einer schwachen Regierung. Denn die Akteure der Haager Koalition aus Christ- und Sozialdemokraten und der calvinistischen Christenunion und nicht zuletzt Ministerpräsident Jan Peter Balkenende selbst haben, noch bevor sie den Film kannten, die drohende Krise beschworen. Auch die Haager Regierung hatte Angst. Angst vor Anschlägen radikaler Islamisten gegen Niederländer im In- und Ausland.

Und noch einer hat sich gestern zu Wort gemeldet: der Karikaturist Kurt Westergaard. „Ich fühle mich missbraucht, er hat meine Zeichnung gestohlen“, sagt er, „ich hatte keine Ahnung, dass er sie verwenden wollte.“ Westergaard wehrt sich dagegen, von Wilders vereinnahmt zu werden. „Diese Zeichnung ist meine Interpretation, dass der Islam von Terroristen als geistige Munition benützt wird. Sie ist ein Protest gegen den Terrorismus und soll nicht für eine generelle Hetze gegen Muslime dienen.“ Sein Einspruch habe nichts mit Meinungsfreiheit zu tun, sondern mit dem Urheberrecht. „Natürlich hat Wilders das Recht, seinen Film zu machen, aber ich habe das Recht zu sagen, dass meine Zeichnung nicht missbraucht werden darf.“ Westergaard will die Entfernung der Karikatur aus dem Film juristisch erzwingen.

Aber auch in Dänemark ist die Furcht groß, dass Proteste gegen den Film wieder zu antidänischen Ausschreitungen führen. Daher wehrt man sich gegen die Umklammerung durch Wilders, der bei einem Besuch in Kopenhagen „Bewunderung“ für Ministerpräsident Rasmussen ausgedrückt hatte,weilder in der Karikaturenkrise standhaft geblieben sei. „Ich wünschte, wir hätten so einen Premier in Holland, aber leider haben wir einen Feigling, der sich statt hinter die Meinungsfreiheit auf die Seite der Taliban stellt“, sagte Wilders. Rasmussen kontert: „Ich nehme scharf Abstand von Wilders Ansichten und von seinem Versuch, mich dafür zu vereinnahmen.“ Die Regierung verteidige die Meinungsfreiheit, teile aber nicht, wofür Wilders stehe. Er finde dessen „abwertende Äußerungen gegen Muslime unerhört verletzend“.
 

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