Anti-Islam-Video
„Man darf die Welt nicht durch die Brille Al-Qaidas sehen“
Dieter Fuchs, aus der StZ vom 29. März 2008, veröffentlicht am 28.03.2008
Den Haag - Aus dem Koran lässt sich vieles ablesen. Der Populist Geert Wilders baut daraus einen Popanz auf, der ihm nutzt. Denn der Niederländer stilisiert sich selbst als Kämpfer gegen die islamistische Gefahr.
Nicht einmal das Alkoholverbot ist im Koran einheitlich geregelt. Während der Wein in Sure 16,67 zu den guten Gaben Gottes gezählt wird, ist er in Sure 5,90 ein „Gräuel und des Satans Werk“. Der Koran steckt voller Widersprüche. Entweder widersprechen sich die Suren, oder die Verse innerhalb der Suren relativieren sich. Man kann aus diesem fragmentierten Text fast alles ableiten, erst recht, wenn man Zitate aus dem Zusammenhang reißt. So lassen sich Interpretationen des Islam als die barmherzigste Religion von allen ebenso begründen wie die von der politischen Weltherrschaftsideologie. Andersgläubige, Christen und Juden, werden als „Leute der Schrift“ ebenso geehrt wie als „Affen und Schweine“ beschimpft. Geert Wilders benutzt in seinem Film „Fitna“ letzteres als Beweis der Verachtung der Muslime für die Christen. Das andere lässt er weg.
Wilders Film interpretiert den Islam mittels gezielter Auswahl von Koranzitaten, Predigtauszügen und suggestiven Bildern von Anschlägen als „faschistische Ideologie“. Der Koran sei vergleichbar mit „Mein Kampf“. Eine Beleidigung des Propheten oder des Koran liegt auf den ersten Blick nicht vor. Den deutschen Straftatsbestand der Volksverhetzung könnte Wilders damit hingegen schon erfüllen. Weder die Methode noch die Aussage des Films sind neu. Aber sein Urteil ist im Westen trotzdem weit verbreitet.
Doch die muslimische Glaubenswelt ist zersplitterter als die christliche. Im Islam haben sich keine einigenden, autoritären Strukturen mit Spitzenfunktionären durchgesetzt. Jeder Imam kann eine Fatwa, ein Rechtsurteil, abgeben, das nur gültig wird, wenn es seine Gemeinde ernst nimmt. Selbst die Scharia ist interpretationsfähig. Während die radikalen Islamisten das islamische Rechtssystem als Rückbesinnung auf das Mittelalter feiern, interpretieren zum Beispiel alle offiziellen europäischen Islamvertretungen sie als mit der freiheitlich-demokratischen Grundordnung vereinbar.
Die Koraninterpretation orthodoxer, also strenggläubiger konservativer Muslime, ist nicht gleich der von Islamisten, die den Koran politisch nutzen. Die Radikalen wiederum sind zwar die lautesten im muslimischen Lager, aber überall die Minderheit. Wenn Radikale regieren wie im Iran, dann diktatorisch. Bei demokratischen Wahlen haben radikale Muslime nie mehr als 20 Prozent der Stimmen bekommen, wie der Islamismus-Experte Olivier Roy in seinem Buch „Der falsche Krieg“ beschreibt.
Dieses politische Lager ist vergleichbar mit dem Protestpotential extremer Parteien im Westen. Ähnlich verhält es sich mit der Rechtfertigung von Selbstmordattentaten. Nur wenige islamische Rechtsgelehrte rechtfertigen sie, und dann nur gegen unmittelbare Todfeinde. Die meisten halten sie für unvereinbar mit dem Koran. Suren gibt es für beide Deutungen.
Das Bild, das Wilders zeichnet – die Illusion einer einheitlichen islamischen Welt, politisch vertreten vom radikalen Islamismus – entbehrt nicht nur der Realität. Man nehme nur den Streit zwischen dem schiitischen Iran und den arabischen Ländern oder die Kämpfe und Anschläge von Muslimen gegen Muslime im Irak und in Pakistan. Wilders Propaganda stärkt auch nicht den Behauptungswillen des Westens, wie er vorgibt, sondern die Radikalen. Das Bedrohungsgefühl sei die stärkste Waffe der Islamisten, schreibt Roy: „Wir müssen aufhören, die Welt durch die Zerrbrille Al-Qaidas zu betrachten, darin liegt seine einzige Macht.“ Einer der besten Al-Qaida-Kenner, Lawrence Wright, sagt dazu: „Terrorismus ist immer Theater, Erregung von Aufmerksamkeit.“
Nur wenn der Islamismus als Popanz einer Gegenmacht aufgebaut wird, gewinnt er genug Attraktivität, um frustrierte belgische Hausfrauen und englische Zahnärzte zur Konvertiten und Bombenbastlern zu machen. Und diesen Popanz nutzt Geert Wilders, denn er tut so, als wolle er dagegen kämpfen.
Nicht einmal das Alkoholverbot ist im Koran einheitlich geregelt. Während der Wein in Sure 16,67 zu den guten Gaben Gottes gezählt wird, ist er in Sure 5,90 ein „Gräuel und des Satans Werk“. Der Koran steckt voller Widersprüche. Entweder widersprechen sich die Suren, oder die Verse innerhalb der Suren relativieren sich. Man kann aus diesem fragmentierten Text fast alles ableiten, erst recht, wenn man Zitate aus dem Zusammenhang reißt. So lassen sich Interpretationen des Islam als die barmherzigste Religion von allen ebenso begründen wie die von der politischen Weltherrschaftsideologie. Andersgläubige, Christen und Juden, werden als „Leute der Schrift“ ebenso geehrt wie als „Affen und Schweine“ beschimpft. Geert Wilders benutzt in seinem Film „Fitna“ letzteres als Beweis der Verachtung der Muslime für die Christen. Das andere lässt er weg.
Wilders Film interpretiert den Islam mittels gezielter Auswahl von Koranzitaten, Predigtauszügen und suggestiven Bildern von Anschlägen als „faschistische Ideologie“. Der Koran sei vergleichbar mit „Mein Kampf“. Eine Beleidigung des Propheten oder des Koran liegt auf den ersten Blick nicht vor. Den deutschen Straftatsbestand der Volksverhetzung könnte Wilders damit hingegen schon erfüllen. Weder die Methode noch die Aussage des Films sind neu. Aber sein Urteil ist im Westen trotzdem weit verbreitet.
Doch die muslimische Glaubenswelt ist zersplitterter als die christliche. Im Islam haben sich keine einigenden, autoritären Strukturen mit Spitzenfunktionären durchgesetzt. Jeder Imam kann eine Fatwa, ein Rechtsurteil, abgeben, das nur gültig wird, wenn es seine Gemeinde ernst nimmt. Selbst die Scharia ist interpretationsfähig. Während die radikalen Islamisten das islamische Rechtssystem als Rückbesinnung auf das Mittelalter feiern, interpretieren zum Beispiel alle offiziellen europäischen Islamvertretungen sie als mit der freiheitlich-demokratischen Grundordnung vereinbar.
Die Koraninterpretation orthodoxer, also strenggläubiger konservativer Muslime, ist nicht gleich der von Islamisten, die den Koran politisch nutzen. Die Radikalen wiederum sind zwar die lautesten im muslimischen Lager, aber überall die Minderheit. Wenn Radikale regieren wie im Iran, dann diktatorisch. Bei demokratischen Wahlen haben radikale Muslime nie mehr als 20 Prozent der Stimmen bekommen, wie der Islamismus-Experte Olivier Roy in seinem Buch „Der falsche Krieg“ beschreibt.
Dieses politische Lager ist vergleichbar mit dem Protestpotential extremer Parteien im Westen. Ähnlich verhält es sich mit der Rechtfertigung von Selbstmordattentaten. Nur wenige islamische Rechtsgelehrte rechtfertigen sie, und dann nur gegen unmittelbare Todfeinde. Die meisten halten sie für unvereinbar mit dem Koran. Suren gibt es für beide Deutungen.
Das Bild, das Wilders zeichnet – die Illusion einer einheitlichen islamischen Welt, politisch vertreten vom radikalen Islamismus – entbehrt nicht nur der Realität. Man nehme nur den Streit zwischen dem schiitischen Iran und den arabischen Ländern oder die Kämpfe und Anschläge von Muslimen gegen Muslime im Irak und in Pakistan. Wilders Propaganda stärkt auch nicht den Behauptungswillen des Westens, wie er vorgibt, sondern die Radikalen. Das Bedrohungsgefühl sei die stärkste Waffe der Islamisten, schreibt Roy: „Wir müssen aufhören, die Welt durch die Zerrbrille Al-Qaidas zu betrachten, darin liegt seine einzige Macht.“ Einer der besten Al-Qaida-Kenner, Lawrence Wright, sagt dazu: „Terrorismus ist immer Theater, Erregung von Aufmerksamkeit.“
Nur wenn der Islamismus als Popanz einer Gegenmacht aufgebaut wird, gewinnt er genug Attraktivität, um frustrierte belgische Hausfrauen und englische Zahnärzte zur Konvertiten und Bombenbastlern zu machen. Und diesen Popanz nutzt Geert Wilders, denn er tut so, als wolle er dagegen kämpfen.
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