Stuttgart

Das Ende der Sammelbüchse

Akiko Lachenmann, StZ, veröffentlicht am 09.04.2008
Foto: Stoppel

Spiegelberg - Es klingelt an der Tür. „Ach, Frau Weiss, Sie sind’s. Sind Sie wieder am Sammeln? Moment, ich hole geschwind meinen Geldbeutel. Haben Sie schon gehört, dass die Frau Huber gestorben ist? Bitte sehr. Das langt, oder?“

Manchmal muss die blonde Mitarbeiterin vom Roten Kreuz gar nichts sagen, wenn sie in ihrer leuchtenden Uniform vor der Haustür steht und die Sammelbüchse schüttelt. Das Geräusch weckt Kindheitserinnerungen, an Tage, als man in Klassenstärke ausschwärmte, um für die Kriegsgräberfürsorge oder das Aussätzigenwerk zu sammeln, ohne zu wissen, was Aussätzige überhaupt sind. Jahrzehnte ist das her. Das Geräusch scheint nahezu verschwunden aus der akustischen Wahrnehmung, zumindest in Stuttgart. Man muss schon Backnang hinter sich lassen und weiter hinaus nach Spiegelberg fahren, um nostalgische Gefühle zu kriegen.

Eine Woche lang darf gesammelt werden

Es ist wieder Sammelwoche. Wie jedes Frühjahr dürfen ausschließlich die Mitarbeiter vom Roten Kreuz eine Woche lang landesweit an den Haustüren um Spenden bitten. Den Zeitraum bestimmt das Tübinger Regierungspräsidium. Jeder wohltätige Verein, der möchte, bekommt eine Kalenderwoche zugeteilt, damit die Spendenbereitschaft in der Bevölkerung nicht überstrapaziert wird. Früher waren es zwei Wochen.

Die wenigsten nehmen die Sammelwoche allerdings noch in Anspruch. In einigen Stadtteilen von Stuttgart ist die Sammelbüchse zwar als Kontaktmittel wieder in Gebrauch. In allen anderen Landkreisen der Region hat man sie indes vor vielen Jahren eingemottet. Nur im Rems-Murr-Kreis sammeln von 26 Ortsverbänden immerhin noch vier, darunter der Ortsverband von Spiegelberg, eine kleine Gemeinde im Schwäbisch-Fränkischen Wald. Der Niedergang der Sammelbüchse ist Ausdruck für das gewachsene Misstrauen in der Bevölkerung. Schuld daran sind unter anderem die Drückerkolonnen, die vor allem in den 80er Jahren aggressiv Zeitschriftenabos verkauft haben. Firmen beauftragten damit bewusst Menschen in finanzieller Not. Sie mussten Quoten erfüllen, andernfalls drohten ihnen Geldentzug oder Jobverlust. Entsprechend hemmungslos traten sie auf, gaben sich als Drogenabhängige oder entlassene Strafgefangene aus, um Mitleid zu erregen. Aber auch Katastrophentrittbrettfahrer, die vermeintlich für Hochwasseropfer sammeln, haben das Klima an der Haustür versaut.

Unzählige Vereine sammeln Spenden

Hinzu kommt die steigende Zahl an wohltätigen Einrichtungen, die die Hand aufhalten. Fast jede Schule hat mittlerweile einen Förderverein. Das Deutsche Zentralinstitut für soziale Fragen (DZI) schätzt, dass es in Deutschland mehr als 500.000 Vereine und 12.000 Stiftungen gibt, die Spenden sammeln. Je urbaner die Gegend, umso unübersichtlicher wird die Landschaft der Bittsteller.

„Grüß Gottle, Frau Weiss. Haben Sie einen schönen Geburtstag gefeiert? Das Wetter hat ja auch mitgespielt.“ In Spiegelberg würde ein Trittbrettfahrer auffallen. Susanne Weiss kennt fast jeder. Und wer sie nicht kennt, wirft trotzdem etwas in ihre Sammelbüchse. Das gehört zum guten Ton im Ort. Zwei Euro sind Minimum. Die meisten geben mehr. In anderen Landkreisen verhält es sich meist etwas anders. Zum Alltag der Sammler im Kreis Esslingen gehörten zuletzt knallende Türen, freche Kommentare und Geldsummen, die in keinem Verhältnis zum Engagement standen. „Das macht bei uns kein Ehrenamtlicher mehr mit“, sagt Jörg Fries, Geschäftsführer des Esslinger Kreisverbands. Allenfalls für die Hundestaffel oder die Finanzierung eines Babyambulanzwagens wird noch mit der Büchse gescheppert. „Tiere und Kinder sind Ausnahmen“, so Fries. „Die ziehen immer.“

Studenten werben Mitglieder

Auch die Werbung von Mitgliedern, eine unverzichtbare Einnahmequelle auf dem Spendenmarkt, haben die Ehrenamtlichen abgegeben. Seit vielen Jahren beauftragen die großen Organisationen Unterfirmen, deren Mitarbeiter ein dickes Fell haben müssen. „Wir beschäftigen ausschließlich Studenten“, sagt Peter Renz von der Firma Wesser in Stuttgart. Die könnten mit unfreundlichen Absagen besser umgehen als Ehrenamtliche, die mit Herzblut werben. „Unsere Mitarbeiter sind darauf vorbereitet, dass aus 100 Kontakten 60 Gespräche entstehen und davon 95 Prozent erfolglos sind“, so Renz.
 

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