Nicht zu vergessen
Wolle Kriwanek
Uwe Hopf, veröffentlicht am 17.04.2008
Siehe auch
Stuttgart - Wolle Kriwanek starb am 20. April 2003 überraschend an den Folgen einer angeborenen und bis dahin unentdeckten Herzerkrankung. Es war Ostersonntag, als die Nachricht durchsickerte. Ein Gefühl der Leere machte sich langsam in den Eingeweiden breit, die Erkenntnis, dass da einer viel zu früh gegangen war.
23 Jahre zuvor gehörte es nicht gerade zu den coolsten Dingen auf diesem Planeten, ein 15-jähriger Junge aus Stuttgart-Stammheim zu sein. Wolle Kriwanek änderte dies grundlegend – wenn nicht für immer, so zumindest für einige Monate. Keine Ahnung, wann zum erstenmal dieses atemlose Hecheln aus dem Radio in der elterlichen Küche drang, auf das ein schwerer funky Blues-Rhythmus folgte. Dann diese Stimme, diese Botschaft! Da ging es nicht mehr um irgendeine eine Frau, auf die jeder Hörer das Bild der eigenen Angebeteten projizieren konnte. Nein, dieser Kerl wusste genau, wo sich unser Leben abspielte und was jeden Tag zählte. Und er sang davon mit fettem Bluesorgan und in einer Sprache, die dafür wie gemacht schien: Schwäbisch!
"I muss die Stroßaboh no kriega, denn bloß dr Fünfer bringt mi hoim."
Wer jeden Tag mit dem Fünfer und Fuffzehner in die Schule pendelte, wusste, dass der, der da sang, einer von uns war. Wer's nicht glauben wollte, konnte es schriftlich haben. Schließlich kam man mit dem Fünfer zweimal täglich am Beweis vorbei: "Foto Kriwanek" stand über dem Geschäft seines Vaters in der Freihofstraße. Zu hören, "Stroßaboh" sei bis in die englischen Top Ten vorgedrungen, kam dem Ritterschlag gleich – nicht nur für Kriwanek, für jeden Stammheimer Fünferfahrer.
Begegnung der Dritten Art
Die LP, schlicht "Wolle Kriwanek & Schulz Bros." benannt, brachte noch mehr Offenbarungen. Als Kind oft benutzte Abzählreime wurden Rock-tauglich ("Enne denne dubbe denne"), schwäbische Volkslieder mit Paul Vincents Slidegitarre in den Status von Bluesklassikern erhoben ("En meiner Stuba", "Draußa em Wald"). Und dann gab es da noch Kriwaneks Begegnung der Dritten Art mit grünen Männchen, die am liebsten auf Schwäbisch Konversation betreiben ("Ufo"). So musste gute Rockmusik klingen. Kriwanek schien der unumstößliche Fels schwäbischen Kulturschaffens zu sein.
Derweil hatte sich in Oberschwaben etwas zusammengebraut. Die ersten Vorboten im Nord-Stuttgarter Raum waren weiße Plakate, auf denen ein paar merkwürdige, einem Seyfried-Comic entsprungen zu scheinende Figuren ankündigten, "Schwoba-Rock" zu spielen, "laif", hieß es. An einem denkwürdigen Abend im Bürgerhaus Mönchfeld wurde alles, was wir bislang über schwäbische Rockmusik zu wissen glaubten, atomisiert und neu zusammengesetzt. Wir waren zu dritt. Sechs oder sieben andere Zuhörer waren auch noch da. Auf der Bühne stellte jemand nicht nur unseren Wohnort ins Zentrum des musikalischen Geschehens, hier sprach uns jemand direkt aus der Seele. Ein Jahr später war ganz Baden-Württemberg infiziert. SDR 3 spielte "Oinr isch emmr der Arsch" auf schwerster Rotation und Schwoißfuaß vor 30.000 Fans in der Stuttgarter Kronprinzenstraße. Gegen Alex Köberleins hartes Oberschwäbisch, die langen Improvisationseinlagen, Jazzrockeinflüsse und die klaren linken Positionen wirkten die gerade noch revolutionären Wolle Kriwanek & Schulz Bros. plötzlich wie gemächliche schwäbische Honoratioren, wie Häberle neben Pfleiderer. Die erste Liebe war abgekühlt, musste einer heißeren Leidenschaft weichen.
Mitte der 80er verstummte der Trubel um Rockmusik mit schwäbischen Texten. Die kurze Zeit, in der Schwäbisch – heute völlig unvorstellbar – bundesweit angesagt war, ging zu Ende. Schwoißfuaß lösten sich nach internen Streitereien, missglückten stilistischen Kurswechseln und Umbesetzungen auf. Die Tübinger Band Black Cat Bone kehrte nach einem kurzen Ausflug ins Schwäbische mit "Am Arsch der Welt" (1983) wieder zum reinen, englischsprachigen Blues zurück. Und Wolle Kriwanek, der Pionier, arbeitete wieder in seinen Beruf als Lehrer und unterrichtete an der Bodenwaldschule, einer Schule für Erziehungshilfe in Winnenden. Seine enge Bindung zur Musik riss nie ab.
Unkompliziert und aufgeschlossen
Im Juni 1991 stattete er mit seinem langjährigen Wegbegleiter Paul Vincent Stuttgart Stammheim wieder einen Besuch ab, wo das Duo beim "Fest rund um den Kirchturm" vor begeistertem Publikum die alten Hits zum Besten gab. 1992 folgte mit "Hot Wollé" das erste neue Album nach einigen Jahren. In "Sonntag Aktuell" stellte er in einer regelmäßigen Kolumne Nachwuchstalente aus Baden-Württemberg vor. 1996 wurde er erster Vorsitzender der Rockstiftung Baden-Württemberg, aus der die Popakademie in Mannheim hervorging. Im selben Jahr schrieb er "Stuttgart kommt!", seine Hymne an den VfB Stuttgart, die noch immer bei Heimspielen zum Einsatz kommt.
Kriwaneks soziales Engagement war alles andere als aufgesetzt. Im Juli 2000 trat er wie selbstverständlich beim Verkäuferfest der Stuttgarter Straßenzeitung "Trott-war" auf und brachte zur musikalischen Unterstützung gleich noch Werner Dannemann mit. Als ein damals in den Diensten dieses sozialen Projekts stehender, zwischenzeitlich 35-jähriger, ehemaliger Fünfer-Fahrer nachfragte, ob man nicht gemeinsam "Route 66" zum Besten geben könne, war auch das nach einer kurzen Überprüfung dessen gesanglicher Fähigkeiten kein Problem. Unkompliziert, aufgeschlossen, ohne Berührungsängste sprach Kriwanek danach mit den Verkäufern, hörte sich ihre Sorgen, Geschichten und Ideen an.
Es heißt, Kriwanek habe sich, trotz seiner Pionierleistung für die schwäbische Rockmusik, seiner musikalischen Liebeserklärungen an den VfB und seine Heimatstadt, in Stuttgart nie richtig angenommen gefühlt. Fünf Jahre nach seinem Tod könnte man dort etwas Grundlegendes für ihn und sein Werk tun: 1989, als die Umstellung von den alten GT4-Straßenbahnen auf die neuen Stadtbahnen begann, wurden aus unerfindlichen Gründen die Nummern der Linien 5 und 15 vertauscht. Dass dadurch einem Klassiker schwäbischen Kulturguts der historische Boden entzogen wurde, bedachte niemand. Als Kriwanek sang, bloß der Fünfer bringe ihn heim, wollte er weder nach Freiberg noch nach Mönchfeld. Er wollte nach Stammheim. Und dahin sollte der Fünfer zukünftig auch wieder fahren. Das wäre Stuttgart Kriwanek schuldig.
23 Jahre zuvor gehörte es nicht gerade zu den coolsten Dingen auf diesem Planeten, ein 15-jähriger Junge aus Stuttgart-Stammheim zu sein. Wolle Kriwanek änderte dies grundlegend – wenn nicht für immer, so zumindest für einige Monate. Keine Ahnung, wann zum erstenmal dieses atemlose Hecheln aus dem Radio in der elterlichen Küche drang, auf das ein schwerer funky Blues-Rhythmus folgte. Dann diese Stimme, diese Botschaft! Da ging es nicht mehr um irgendeine eine Frau, auf die jeder Hörer das Bild der eigenen Angebeteten projizieren konnte. Nein, dieser Kerl wusste genau, wo sich unser Leben abspielte und was jeden Tag zählte. Und er sang davon mit fettem Bluesorgan und in einer Sprache, die dafür wie gemacht schien: Schwäbisch!
"I muss die Stroßaboh no kriega, denn bloß dr Fünfer bringt mi hoim."
Wer jeden Tag mit dem Fünfer und Fuffzehner in die Schule pendelte, wusste, dass der, der da sang, einer von uns war. Wer's nicht glauben wollte, konnte es schriftlich haben. Schließlich kam man mit dem Fünfer zweimal täglich am Beweis vorbei: "Foto Kriwanek" stand über dem Geschäft seines Vaters in der Freihofstraße. Zu hören, "Stroßaboh" sei bis in die englischen Top Ten vorgedrungen, kam dem Ritterschlag gleich – nicht nur für Kriwanek, für jeden Stammheimer Fünferfahrer.
Begegnung der Dritten Art
Die LP, schlicht "Wolle Kriwanek & Schulz Bros." benannt, brachte noch mehr Offenbarungen. Als Kind oft benutzte Abzählreime wurden Rock-tauglich ("Enne denne dubbe denne"), schwäbische Volkslieder mit Paul Vincents Slidegitarre in den Status von Bluesklassikern erhoben ("En meiner Stuba", "Draußa em Wald"). Und dann gab es da noch Kriwaneks Begegnung der Dritten Art mit grünen Männchen, die am liebsten auf Schwäbisch Konversation betreiben ("Ufo"). So musste gute Rockmusik klingen. Kriwanek schien der unumstößliche Fels schwäbischen Kulturschaffens zu sein.
Derweil hatte sich in Oberschwaben etwas zusammengebraut. Die ersten Vorboten im Nord-Stuttgarter Raum waren weiße Plakate, auf denen ein paar merkwürdige, einem Seyfried-Comic entsprungen zu scheinende Figuren ankündigten, "Schwoba-Rock" zu spielen, "laif", hieß es. An einem denkwürdigen Abend im Bürgerhaus Mönchfeld wurde alles, was wir bislang über schwäbische Rockmusik zu wissen glaubten, atomisiert und neu zusammengesetzt. Wir waren zu dritt. Sechs oder sieben andere Zuhörer waren auch noch da. Auf der Bühne stellte jemand nicht nur unseren Wohnort ins Zentrum des musikalischen Geschehens, hier sprach uns jemand direkt aus der Seele. Ein Jahr später war ganz Baden-Württemberg infiziert. SDR 3 spielte "Oinr isch emmr der Arsch" auf schwerster Rotation und Schwoißfuaß vor 30.000 Fans in der Stuttgarter Kronprinzenstraße. Gegen Alex Köberleins hartes Oberschwäbisch, die langen Improvisationseinlagen, Jazzrockeinflüsse und die klaren linken Positionen wirkten die gerade noch revolutionären Wolle Kriwanek & Schulz Bros. plötzlich wie gemächliche schwäbische Honoratioren, wie Häberle neben Pfleiderer. Die erste Liebe war abgekühlt, musste einer heißeren Leidenschaft weichen.
Mitte der 80er verstummte der Trubel um Rockmusik mit schwäbischen Texten. Die kurze Zeit, in der Schwäbisch – heute völlig unvorstellbar – bundesweit angesagt war, ging zu Ende. Schwoißfuaß lösten sich nach internen Streitereien, missglückten stilistischen Kurswechseln und Umbesetzungen auf. Die Tübinger Band Black Cat Bone kehrte nach einem kurzen Ausflug ins Schwäbische mit "Am Arsch der Welt" (1983) wieder zum reinen, englischsprachigen Blues zurück. Und Wolle Kriwanek, der Pionier, arbeitete wieder in seinen Beruf als Lehrer und unterrichtete an der Bodenwaldschule, einer Schule für Erziehungshilfe in Winnenden. Seine enge Bindung zur Musik riss nie ab.
Unkompliziert und aufgeschlossen
Im Juni 1991 stattete er mit seinem langjährigen Wegbegleiter Paul Vincent Stuttgart Stammheim wieder einen Besuch ab, wo das Duo beim "Fest rund um den Kirchturm" vor begeistertem Publikum die alten Hits zum Besten gab. 1992 folgte mit "Hot Wollé" das erste neue Album nach einigen Jahren. In "Sonntag Aktuell" stellte er in einer regelmäßigen Kolumne Nachwuchstalente aus Baden-Württemberg vor. 1996 wurde er erster Vorsitzender der Rockstiftung Baden-Württemberg, aus der die Popakademie in Mannheim hervorging. Im selben Jahr schrieb er "Stuttgart kommt!", seine Hymne an den VfB Stuttgart, die noch immer bei Heimspielen zum Einsatz kommt.
Kriwaneks soziales Engagement war alles andere als aufgesetzt. Im Juli 2000 trat er wie selbstverständlich beim Verkäuferfest der Stuttgarter Straßenzeitung "Trott-war" auf und brachte zur musikalischen Unterstützung gleich noch Werner Dannemann mit. Als ein damals in den Diensten dieses sozialen Projekts stehender, zwischenzeitlich 35-jähriger, ehemaliger Fünfer-Fahrer nachfragte, ob man nicht gemeinsam "Route 66" zum Besten geben könne, war auch das nach einer kurzen Überprüfung dessen gesanglicher Fähigkeiten kein Problem. Unkompliziert, aufgeschlossen, ohne Berührungsängste sprach Kriwanek danach mit den Verkäufern, hörte sich ihre Sorgen, Geschichten und Ideen an.
Es heißt, Kriwanek habe sich, trotz seiner Pionierleistung für die schwäbische Rockmusik, seiner musikalischen Liebeserklärungen an den VfB und seine Heimatstadt, in Stuttgart nie richtig angenommen gefühlt. Fünf Jahre nach seinem Tod könnte man dort etwas Grundlegendes für ihn und sein Werk tun: 1989, als die Umstellung von den alten GT4-Straßenbahnen auf die neuen Stadtbahnen begann, wurden aus unerfindlichen Gründen die Nummern der Linien 5 und 15 vertauscht. Dass dadurch einem Klassiker schwäbischen Kulturguts der historische Boden entzogen wurde, bedachte niemand. Als Kriwanek sang, bloß der Fünfer bringe ihn heim, wollte er weder nach Freiberg noch nach Mönchfeld. Er wollte nach Stammheim. Und dahin sollte der Fünfer zukünftig auch wieder fahren. Das wäre Stuttgart Kriwanek schuldig.
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