Hamburg - "Schon gehört? Die Musikindustrie ist gerade in einer Krise." Marcus Wiebusch, Sänger und Gitarrist der Hamburger Band Kettcar, lässt sich grinsend auf ein Ledersofa fallen. Als Musiker will er über sein neues Album sprechen, als Geschäftsmann gleichzeitig Kosten sparen. Also ist er allein zum Interview gekommen, hat seine Bandkollegen zu Hause gelassen.
Am 18. April erscheint das neue Kettcar-Album "Sylt" - wie schon die beiden ersten Platten auf dem bandeigenen Label Grand Hotel van Cleef. Zusammen mit Kettcar-Bassist Reimer Bustorff und Thees Uhlmann von der Band Tomte hatte Wiebusch die Plattenfirma 2002 gegründet, weil kein anderes Label ihr Debütalbum veröffentlichen wollte. Seit ihrem zweiten Album gehört Kettcar nun zu den Supergroups des deutschsprachigen Indie-Rock: "Von Spatzen und Tauben, Dächern und Händen" stieg 2005 auf Platz fünf der deutschen Albumcharts ein und wurde sogar in den Tagesthemen vorgestellt.
Mit "Sylt" brechen Kettcar nun mit alten Gewohnheiten - nicht nur hinsichtlich des einsilbigen Titels. "Wir wollten einen kurzen, verstörenden Titel, der nichts mit dem Album zu tun hat", erklärt Wiebusch. "Und Sylt ist ein sehr, sehr starkes Wort." Jeder könne sofort sein ganz persönliches Bild von der Nordsee-Insel abrufen: "Ich verbinde damit zum Beispiel prolligen Reichtum und eine wunderschöne Insel", erzählt Wiebusch. Verstören wollen Kettcar auch mit ihren neuen Songs. Während auf den Vorgänger-Alben der Blick nach Innen dominierte, geht es auf "Sylt" um das große Ganze. "Wir waren mit den 'Balu-' und 'Nacht-' und '48 Stunden'-Songs an einem Endpunkt angelangt", erklärt Wiebusch, mittlerweile 39 Jahre alt und zweifacher Familienvater. "Und vielleicht wollten wir auch zeigen, dass wir mehr drauf haben."
Angst vor Terror und ArbeitslosigkeitStatt wie gewohnt das eigene Befinden in den Mittelpunkt zu rücken, verhandeln Kettcar auf ihrem neuen Album die komplexen und komplizierten Fragen unserer Zeit: Es geht um die prekäre Situation der Generation Praktikum ("Geringfügig, befristet, raus"), um gebrochene Karrieren ("Würde"), um Angst vor Terror und Arbeitslosigkeit ("Fake For Real"). "Wir haben ganz bewusst entschieden, ein Album zu schreiben, das sehr deutlich sagt, dass man nicht einverstanden ist, dass man nicht einstimmt in neoliberale Jubelstürme", sagt Wiebusch, der in den 90er Jahren in der Punkband "But Alive" spielte. "Ich habe schon immer über die Themen unserer Zeit nachgedacht, dann aber Songs wie 'Balu' geschrieben und meine politischen Statements anders in die Welt getragen."
Mit "Sylt" schildert der Zwei-Meter-Mann nun seine realistische und düstere Sicht der Dinge - mal poetisch verschwurbelt, mal mit dem verbalen Holzhammer: "Für die einen sind es Menschen mit Augen, Mund, Ohren, für die anderen Kostenfaktoren" heißt es in "Fake For Real". In "Würde" erzählt Wiebusch die Geschichte eines Gescheiterten, der zu seinen Eltern zurückziehen muss. "Euer Junge kommt nach Hause, gebrochen, fertig, durch", heißt es in dem Song. In "Am Tisch" geht es um zwei Freunde, deren gesellschaftlicher Status nicht mehr zueinander passt.
Und selbst wenn die Alltagsgeschichten dann doch wieder um den Kettcar-typischen Mikrokosmos kreisen, sind die Pointen bitter. In "Graceland", dem Eröffnungssong der Platte, wirft Wiebusch einen entlarvenden Blick auf sein Milieu: Elvis' Anwesen wird zum Sinnbild für die Angst vor dem Älterwerden. "Das ist Graceland, Baby, man ist tot oder jung", heißt es in dem Song. Es geht um die Frage, wie die Generation der 30- bis 40-Jährigen "Distinktion und Einbauküche", jugendliche Flexibilität und kuschelige Bürgerlichkeit miteinander verbindet - und sich dabei lächerlich macht. Wiebusch ist dabei wichtig: "Ich bin einer von ihnen."
Laut und vielschichtigDie Band hat sich auch hörbar verändert. "Sylt" ist typisch Kettcar, aber lauter, drängender und gleichzeitig vielschichtiger als die Vorgängeralben. Es gibt laute Gitarren und leise Akustikstellen, in "Fake For Real" löst sich der Sound sogar von der klassischen Bandbesetzung. Ihre bundesweite Tournee startet die Band mit gleich acht Konzerten in Hamburger Clubs. Sieben davon sind bereits ausverkauft. "Wir spielen so lange in Hamburg, bis wir vor einer leeren Halle spielen", erzählt Wiebusch schmunzelnd. "Hamburg kriegt uns nicht klein." Und nebenbei tragen die Konzert-Einnahmen vielleicht auch dazu bei, dass die Krise der Musikindustrie sein kleines, sympathisches Label nicht klein kriegt.
Kettcar: Sylt
(Grand Hotel van Cleef)Tour-Termin: 06.05. Stuttgart (LKA-Longhorn)
www.kettcar.net/