Folgen für die Kultur

Der große Umzug der Skulpturen

Adrienne Braun, veröffentlicht am 24.04.2008
Foto: dpa

Stuttgart - Wenn die Bagger für Stuttgart 21 anrollen, müssen nicht nur Straßen, Bäume und Gleise weichen, auch die Kunst im öffentlichen Raum könnte dem Großprojekt im Wege stehen. Bisher weiß man bei Stadt und Land noch nicht, wie viele Skulpturen, Brunnen und Installationen dem Vorhaben zum Opfer fallen werden, eines aber ist schon gewiss: Die "Wasserspiele" von Hanspeter Fitz im Oberen Schlossgarten beim Planetarium liegen vollständig im Baufeld des künftigen Bahnhofs.

Das zumindest wurde Hans und Ursula Gerlach nun mitgeteilt. Die Architekten haben beim Innenministerium angefragt, was mit dem Werk des 1969 gestorbenen Künstlers passieren soll. Die Wasserspiele, so das Ministerium, können "nicht erhalten bleiben", sie müssten "im Sinne des Denkmalschutzes archivierungsfähig erfasst werden".

Veränderungen, Neubauten, Umbauten gehören zu einer lebendigen Stadt dazu. "Dass Dinge manchmal umgestellt werden müssen, liegt in der Natur der Sache", sagt Gerd Dieterich, der Kunstreferent im Kulturamt. Die Stadt besitzt zwei- bis dreihundert Kunstwerke im öffentlichen Raum, schätzt er. Das Kulturamt ist derzeit dabei, eine Bestandsliste zu erstellen, genaue Zahlen gibt es aber noch nicht. Denn die Angelegenheit ist durchaus kompliziert: Nicht nur die Stadt hat Werke in Parks, auf Plätzen und an Häusern installiert, sondern auch das Land. Hinzu kommen die von Unternehmen aufgestellten. Objekte. Zum Beispiel haben die zahlreichen Skulpturen von Otto Herbert Hajek, die in der Stadt stehen, diverse Besitzer.

So viele Zuständigkeiten

Auch die Betreuung der Kunst im öffentlichen Raum liegt in verschiedenen Händen: Einige Freiplastiken werden vom Kulturamt verwaltet beziehungsweise dem Kunstmuseum, das die Städtische Kunstsammlung betreut. Das Tiefbauamt kümmert sich um Brunnen, das Hochbauamt um Kunst am Bau, viele Werke sind in der Obhut der Bezirksämter, für Arbeiten auf Grünflächen ist das Garten- und Friedhofsamt zuständig. Das Institut für Kunstgeschichte hat in einem Projekt zumindest die herausragenden Werke erfasst, vor zwei Jahren ist ein Buch herausgekommen, das Einblicke in die "Skulpturen des 20. Jahrhunderts in Stuttgart" gibt.

Immer wieder müssen Kunstwerke umziehen oder für Bauprojekte weichen. So mussten bei der Errichtung des neuen Kunstmuseums die drei Figuren von Alfred Hrdlicka entfernt werden, die seit Mitte der siebziger Jahre auf dem Schlossplatz standen. Viele Bürger haben das bedauert, "es gab viele Nachfragen", erzählt Dieterich, "die Figuren haben eine große Popularität". Kürzlich wurden Hrdlickas "Sterbender", "Hommage an Sonny Liston" und Marsyas I" repariert – sie hatten einige Risse. Noch vor dem Sommer sollen sie wieder aufgestellt werden – allerdings am Stauffenbergplatz hinter dem Alten Schloss. Der Künstler selbst hätte sie lieber wieder auf dem Schlossplatz gesehen, aber in der Nähe des Mahnmals für die Opfer des Nationalsozialismus von Elmar Daucher seien sie besser aufgehoben, so Dieterich.

Immer wieder müssen Skulpturen wandern. So ist kürzlich der massive, behauene Marmorblock "Unbeschreiblich weiblich" von Herbert A. Böhm ein paar Meter innerhalb der Fußgängerzone umgezogen. "Die Arbeit stand nicht optimal", sagt Dieterich. Auch Hajeks "Stadtzeichen 69/74" musste 2005 umziehen vom kleinen Schlossplatz zu dem Fußgängerüberweg an der Theodor-Heuss-Straße.

Sofern die Künstler noch am Leben sind, wird versucht, mit ihnen notwendige Umzüge zu planen, obwohl Stadt und Land als Besitzer das Recht haben, den Standort eines Kunstwerkes selbst zu wählen, selbst wenn er dann im Depot ist. Die Freiheiten, die sich Privatsammler mitunter herausnehmen, will sich die Stadt aber nicht erlauben. "Es wäre ja nicht im Sinne des Käufers, wenn sich ein Künstler von seinem Werk distanziert", sagt Dieterich, "deshalb muss man einen Weg finden, bei dem die Interessen des Künstlers berücksichtigt werden."

Ein Figurenfries wechselt die Stadt

Ziel ist es auch, die Schätze der Sammlung zu zeigen – sofern dies möglich ist. Als das alte Postgebäude am Hauptbahnhof abgerissen wurde, wurde der Figurenfries von August Bittlingmaier gerettet. Aber weder das Kunstmuseum noch das Stadtmuseum hatte Verwendung. Deshalb hat die Stadt ihn gern nach Schwäbisch Gmünd gegeben, das Interesse hatte. Wenn die alte Messe auf dem Killesberg abgerissen wird, soll auch das Wandrelief von Alfred Lörcher gerettet werden, das um 1949 an der Messehalle neun an der Stresemannstraße angebracht wurde. In der Stadt oder im Park werde sich sicher ein neuer Platz finden, meint Dieterich.

Welche Konsequenzen Stuttgart 21 für die Skulpturen im öffentlichen Raum haben wird, vermag Dieterich noch nicht abzuschätzen. "Viele Dinge sind da erst im Anlaufen". Vermutlich werde sich ein eigener Planungsstab mit dem Thema befassen. Es sei aber nicht immer zwingend, bei Um- oder Neubauten die Kunst zu entfernen. So konnte beim Bau des Kunstmuseums die Stahlskulptur "Crinkly avec disque rouge" von Alexander Calder stehenbleiben. Das gefältelte Objekt in Rot, Gelb und Orange ist übrigens der beste Beweis dafür, dass die Anschaffung von Kunst nicht nur kostet, sondern mitunter auch durchaus lohnend sein kann. "Der Calder ist eine sehr gute Aktie gewesen", sagt Dieterich, die Skulptur sei inzwischen um "ein Vielfaches mehr wert". Darüber darf sich nicht nur die Stadt freuen, sondern auch das Land – denn auch das gibt es: Die Skulptur gehört ihnen gemeinsam.
 

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