Leonberg

Vermieterschützer wird zum Vermieterschreck

Andreas Müller, veröffentlicht am 05.05.2008
Foto: StZ

Leonberg - Referenzen vom Wirtschaftsminister, vom Sparkassenpräsidenten und vom Expremier – seriöser geht es kaum. Doch im Immobilienimperium eines Leonbergers soll das Geld Dutzender Wohnungseigner veruntreut worden sein. Zwei Jahre nach seiner Ehrung ermitteln Staatsanwälte.

Normalerweise ist der jährliche Existenzgründerwettbewerb für den Sparkassenverband Baden-Württemberg mit der Preisverleihung abgeschlossen. Der Sieger erhält in feierlichem Rahmen seine Urkunde samt Geldprämie, Sparkassenpräsident Peter Schneider (CDU) und Wirtschaftsminister Ernst Pfister (FDP) als Schirmherr gratulieren – das war es dann. Im nächsten Jahr beginnt die "Start-Up"-Konkurrenz aufs Neue.

Doch der Gewinner von 2006 beschäftigt den Veranstalter bis heute. Ausgezeichnet wurde damals Matthias Heißner, ein gelernter Bankkaufmann, der es schon in jungen Jahren zu beachtlichem Erfolg in der Immobilienbranche gebracht hat. Kern seines kleinen Imperiums ist die Imac-Immobiliengesellschaft mit Sitz in Leonberg, die sich auf Sanierung und Vermarktung denkmalgeschützter Gebäude im Südwesten spezialisiert hat. Verwaltet werden die Objekte von der Imac-Tochterfirma Thema, bei der Heißner ebenfalls geschäftsführender Gesellschafter ist. In der Spitze betreute sie fast 3000 Wohneinheiten im Wert von mehr als 300 Millionen Euro.

Den Gründerpreis bekam der Mittdreißiger für den jüngsten Spross seiner "Imac-Gruppe", die sogenannte Vermieterschutzkartei Deutschland. Das Frühwarnsystem soll Wohneigentümer vor Ärger mit künftigen Mietern bewahren: Per Internet können sie gegen Gebühr unter zig Millionen Daten recherchieren, ob bei ihrem Interessenten womöglich Zahlungsprobleme drohen.

Eloquent und scheinbar überzeugend

An der Seriosität des Siegers hatte der Sparkassenverband zunächst keine Zweifel. Eloquent präsentierte der seine Geschäftsidee, alle Fragen parierte er scheinbar überzeugend. "Gerade solch mutige und engagierte Unternehmen", lobte Minister Pfister im Vertrauen auf das Urteil der Jury, förderten den Aufschwung und neue Arbeitsplätze. Nur der etwas exotische Auftritt hätte die Laudatoren stutzig werden lassen können: im strahlend weißen Anzug stand Heißner neben den grauen Herren auf der Bühne, seine Rhetorik erinnerte ein wenig an schillernde Motivationstrainer. Sein ganzes Leben sei "ein riesengroßes Erfolgserlebnis", schwärmte er einmal in einem Interview.

Erste Kratzer bekam der Glanz, als sich die Datenschützer im Stuttgarter Innenministerium seine Vermieterschutzkartei vornahmen. In mehreren Punkten, monierten die vom Mieterbund alarmierten Aufseher, verstoße die Ausforschung gegen das Gesetz; die Praxis sei "alsbald" zu ändern. Zerknirscht über die negativen Schlagzeilen gelobte der Sparkassenverband, die Auswahl der Preisträger zu optimieren; leider könne man nicht verhindern, "dass einmal etwas schiefläuft". Heißner aber zeigt sich bis heute wenig beeindruckt: nur Kleinigkeiten seien da beanstandet worden, im Großen und Ganzen laufe alles korrekt.

Von wegen "Rundum-Sorglos-Immobilie"

Nun droht dem Erfolgsverwöhnten richtiger Ärger. Mit Erstaunen lasen etliche seiner Kunden in der Zeitung, dass er als Schutzpatron der Vermieter geehrt wurde. Das passte so gar nicht zu den Erfahrungen, die sie gerade mit ihm machten. Von wegen "Rundum-Sorglos-Immobilie", wie es im Werbeslogan hieß - das galt vielleicht bis 2006. Seither aber mehrten sich die Probleme mit vermieteten Wohnungen, die von der Thema verwaltet wurden.

Es begann damit, dass in einem Monat die garantierten Mietzahlungen ausfielen. Der Rückstand wurde in Raten abgestottert, doch später stockte der Geldfluss erneut. Durch einen Mahnbescheid vom Gericht erfuhr eine Eigentümergemeinschaft 2007, dass die Heizölrechnung nicht bezahlt worden war. Sie forschte nach – und stieß auf desolate Verhältnisse: Handwerker- und Wartungsrechnungen waren über Jahre gar nicht oder erst nach Mahnungen beglichen worden, die Rücklagen hatten sich bis auf kleine Reste scheinbar in Luft aufgelöst, Kautionen waren spurlos verschwunden, Sparbücher heimlich geplündert worden.

Kein Einzelfall

Ein Einzelfall? Mitnichten. Die Geschädigten nahmen Kontakt mit anderen Thema-Kunden auf, vielerorts bot sich das gleiche Bild. Es gab offenbar Dutzende Eigentümer mit ähnlichen Erfahrungen. Ihre Beschwerden beim Verwalter blieben indes meist fruchtlos. Heißner und sein Mitgeschäftsführer Erik R. hätten wechselseitig aufeinander verwiesen, berichten Betroffene, versprochene Rückrufe seien ausgeblieben. Nur wer besonders hartnäckig Ärger machte, bekam sein Geld.

Auf Umwegen erfuhr der Sparkassenverband von den Turbulenzen um seinen Preisträger. "Wir verstehen Ihre Verärgerung und Empörung und bedauern sehr, dass Sie Unannehmlichkeiten mit der Firma Imac haben", schrieb der Geschäftsführer Tilman Hesselbarth Anfang 2008 einer Kundin. Leider habe man "auf zukünftige Entwicklungen" der Ausgezeichneten keinen Einfluss, ihr Auftreten könne man nur "grob einschätzen". Die Ehrung, stellte Hesselbarth klar, habe allein der Vermieterschutzkartei und nicht "anderen Geschäftsaktivitäten dieses Herrn" gegolten. Nun könnten die Sparkassen Heißner nur ermahnen, den Preis korrekt zu führen. Das tue er nämlich nicht: Er trete als Bundessieger auf, sei aber bloß Landessieger. Aus rechtlichen Gründen, verblieb der Verbandsmanager, habe man sonst keine Handhabe.

Inzwischen liegt der Fall bei einer Institution, die mehr Möglichkeiten hat: der Staatsanwaltschaft Stuttgart. Dort laufen seit einigen Monaten Ermittlungen gegen Heißner und seinen Kollegen Erik R. unter dem Aktenzeichen 103/Js 116495/07. Zunächst lautete der Vorwurf auf Betrug, inzwischen auf Untreue. Es gehe um den "Verdacht der Veruntreuung von Geldern im Rahmen der Wohnungsverwaltung", bestätigt die Behördensprecherin, zu prüfen sei eine "Vielzahl von Sachverhalten". Das Verfahren richte sich gegen "zwei Verantwortliche einer Immobilienverwaltung in Leonberg", Auslöser seien mehrere Strafanzeigen. Weil viele Betroffene erst jetzt merken, dass sie geprellt worden sind, kommen immer neue Anzeigen hinzu - eine regelrechte Welle.

Nur die Spitze des Eisbergs?

Zunächst waren die Staatsanwälte wohl etwas unsicher, was nur zivilrechtlich und was auch strafrechtlich relevant sei. Mittlerweile aber handelt es sich eindeutig um einen Kriminalfall: Nach der Anfrage der Stuttgarter Zeitung zu den Ermittlungen will Heißner die Thema erstmals gründlich durchleuchtet – und dabei Erschreckendes entdeckt haben: in großem Stil habe sein Mitgeschäftsführer R. Geld von Wohnungseigentümergemeinschaften auf sein privates Gehaltskonto überwiesen. Insgesamt fehle ein "sechsstelliger Betrag", der womöglich "nur die Spitze des Eisbergs" darstelle.

In kleinen Tranchen, behauptet Heißner, habe R. die bei der Kreissparkasse Heilbronn geführten Konten geräumt: mal seien 1500, mal 2000 Euro als "Übertrag" oder "Abschlag" abgeflossen, stets ohne Namen des Empfängers. Er habe wohl "dem falschen Mann vertraut", folgerte der Thema-Chef und kündigte Strafanzeige gegen seinen Kompagnon an, der inzwischen entlassen worden sei. Ihm selbst sei allenfalls vorzuwerfen, R. nicht genug kontrolliert zu haben. Nun wolle man alles tun, um die Vorfälle "aufzuklären und den Schaden auszugleichen", sagt Heißners Anwalt.

Der frühere Mitgeschäftsführer, der auf mehrere StZ-Anfragen nicht reagierte, sieht die Sache offenbar völlig anders: Er soll seinerseits Strafanzeige gegen Heißner erstattet haben. Auch die Lage der Firma beurteilen die ehemals engen Vertrauten völlig unterschiedlich. Kurz vor seinem Abgang stellte R. beim Amtsgericht Ludwigsburg Insolvenzantrag für die Thema. Heißner zog den Antrag umgehend wieder zurück.

Unangenehm dürfte diese Entwicklung nicht nur für den Sparkassenpräsidenten Schneider und den Wirtschaftsminister Pfister sein, sondern auch für den früheren Ministerpräsidenten Lothar Späth (CDU). Ihn nutzten Heißner & Co. ebenfalls, um Seriosität zu demonstrieren. Auf der Imac-Homepage prangt Späths Konterfei, darunter ein Zitat von ihm: "Wichtig bei Immobilieninvestitionen ist die Wahl der Partner."
 
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