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10 Jahre Eschede

Der Tag des Grauens

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Tagelang brauchten die Helfer, um die Trümmer des ICE "Wilhelm Conrad Röntgen" zu beseitigen.
Foto: AP

1998 verunglückte im niedersächsischen Eschede ein ICE und riss 101 Menschen in den Tod
 

Berlin - Als gegen Mittag des 3. Juni 1998 die ersten Luftaufnahmen über die Fernsehschirme flackern, ist das Ausmaß der Katastrophe schon zu erahnen. Zerbeult wie ein weggeworfenes Spielzeug türmen sich vor einer Brücke die weiß-roten Trümmer des ICE "Wilhelm Conrad Röntgen". Aber es ist kein Spiel. 101 Menschen verlieren beim schlimmsten deutschen Bahnunglück der Nachkriegszeit ihr Leben, 105 werden zum Teil schwer verletzt.

Der ICE 884 ist an diesem Mittwoch unterwegs von München nach Hamburg, als etwa sechs Kilometer vor der niedersächsischen Gemeinde Eschede um 10.56 Uhr ein Radreifen bricht. 200 Meter vor der Stadt entgleist der kaputte Radsatz, der Zug gerät bei Tempo 200 ins Schlingern. Die ersten beiden Wagen schaffen es noch unter einer Brücke hindurch, dann knallt der dritte Waggon gegen einen Pfeiler. 200 Tonnen Beton krachen auf den Zug nieder und zerquetschen den fünften Wagen. Die übrigen sieben Wagen schieben sich ungebremst in den Trümmerhaufen.

Hunderte von Helfern suchen in den Trümmern nach Überlebenden

Wenige Minuten später ist in Eschede nichts mehr wie es war. Um 11.02 Uhr wird der erste Notruf abgesetzt, um 12.30 Uhr Katastrophenalarm ausgelöst. Für die Gemeinde im Landkreis Celle, die mit 3.800 Einwohnern sonst vor allem von Touristen der Lüneburger Heide lebt, beginnt ein Ausnahmezustand.

Hunderte von Helfern, Dutzende Journalisten, Kamerateams, Übertragungswagen sind binnen Stunden vor Ort. Dann kommen die Psychologen, die Seelsorger, die verzweifelten Angehörigen, die ihre Lieben in dem verstümmelten Stahlkoloss vermuten, schließlich der niedersächsische Ministerpräsident Gerhard Schröder, Bundeskanzler Helmut Kohl, Bundespräsident Roman Herzog.

Es sind Tage des Grauens. Anfangs geht es noch darum, die Überlebenden zu retten. Das Wunder von Eschede ist vielleicht, dass etwa 100 Menschen die Katastrophe mehr oder weniger heil überstehen. Die meisten von ihnen sind in den ersten vier Waggons, die unter der Brücke durchgekommen sind. Die Menschen, die an der Bahnstrecke wohnen, versuchen zu helfen, Verletzte aus den Trümmern zu ziehen, Kaffee für die Helfer zu kochen, Brote zu schmieren. Hubschrauber fliegen die Opfer in umliegende Krankenhäuser. Viele erinnern sich an eine Waldbrandkatastrophe von 1975 - das letzte Großereignis in Eschede, das der Rest der Republik schon längst vergessen hat.

Das Ausmaß der Tragödie ist ohne Gleichen

Nach den ersten Stunden müssen sich die Profis von Feuerwehr, THW und den Rettungsdiensten darauf einstellen, keine wirkliche Hilfe mehr leisten zu können. Es sind nur noch Leichen zu bergen und zu identifizieren. Sie rücken an mit schwerem Gerät, mit Kränen werden Brücken- und Zugteile angehoben. Den fünften Wagen hat es besonders erwischt, er liegt zerquetscht unter dem Brückenbeton. Viele Leichen sind grauenvoll verstümmelt.

Die, die eigentlich als Retter gekommen sind, ziehen nun Tote und abgetrennte Gliedmaßen aus dem Wrack. Teils müssen sie den Sand sieben, um Gewebe und Knochen zu finden. Bald können sie nur noch mit Gesichtsschutz arbeiten, und noch immer ist die grausige Arbeit nicht getan. "Wer behauptet, hier noch Profi zu sein, der muss Eiswürfel pinkeln können, so kalt muss der sein", sagt einer der Sanitäter.

Die Experten der Deutschen Bahn haben inzwischen den kaputten Radreifen gefunden, der die Katastrophe ausgelöst hat. Schon beginnt die Debatte, ob das Unternehmen geschlampt hat, ob die Katastrophe vielleicht hätte verhindert werden können. In Eschede aber kämpfen die Helfer weiter mit Stahl und Beton, mit dem Verwesungsgeruch, mit der Verzweiflung der Verwandten, für die sie nichts tun können, mit der eigenen Erschöpfung. Insgesamt 1200 sind es, die dort tagelang schuften und bald selbst Hilfe und psychologische Unterstützung brauchen.

Am Samstag schließlich, Tag vier nach der Katastrophe, ist das meiste geschafft. Die Toten sind gefunden, die Suche nach weiteren Opfern wird für beendet erklärt. Zurück bleibt ein Trümmerfeld mit grauen Blechteilen und gelbem Isolierschaum und blaugrauen ICE-Sitzen und Decken und Plastiksäcken auf der abgesperrten Unfallstelle. Und zurück bleibt die Trauer.
 



Verena Schmitt-Roschmann, AP

01.06.2008 - aktualisiert: 01.06.2008 09:09 Uhr



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