Fremde Welten

Tâ’rof – Sag Nein, obwohl du Ja meinst!

Sudabeh Mohafez, veröffentlicht am 29.05.2008
Foto: StZ

Stuttgart - In allen Sprachen dieser Welt gibt es Wörter, die eigentlich nicht zu übersetzen sind. Das Stuttgarter Literaturhaus hat drei ursprünglich fremdsprachige Schriftsteller aus der Region eingeladen, ein solches Wort vorzustellen. Sudabeh Mohafez erzählt, warum der iranische Tâ’rof sie als Kind in eine unangenehme Situation gebracht hat.


  Von Sudabeh Mohafez

 
Gleich zu Beginn meines Lebens in Deutschland, ich war fünfzehn, geriet ich in eine unangenehme Situation, in die mich der Tâ’rof brachte, eine iranische Umgangsform, sozusagen ein Kanon von Höflichkeitsregeln, an den ich mich natürlich weiter hielt, der aber in der neuen Heimat ganz und gar missverstanden wurde. Eine Schulkameradin, Korinna, hatte mich eingeladen, nach der Schule zu ihr nach Hause mitzugehen. Korinnas Mutter lächelte mich an, als wir eintraten. "Du hast sicher großen Hunger", sagte sie zur Begrüßung. "Nein", sagte ich und wunderte mich ein wenig darüber, dass die Frau schon vom Essen sprach, bevor wir richtig im Haus waren. "Keinen Hunger?" fragte sie noch einmal. Natürlich schüttelte ich wieder den Kopf. Dachte sie, ich sei schlecht erzogen? "Wie du meinst", sagte Frau G.

In der Küche war für vier Personen gedeckt, Korinna, ihre Schwester und ich setzten uns. Bevor Frau G. Kartoffeln und Rotkohl auf den Tisch stellte, räumte sie wortlos das Gedeck von meinem Platz. Beklommen starrte ich dem Teller hinterher, der unbenutzt und sauber wieder im Schrank verschwand. Während die Familie aß, stellte Frau G. Fragen. Wie es mir in der neuen Schule gefalle, wie das Leben im Iran so sei, und wieso meine Familie und ich mitten im Schuljahr mit Sack und Pack aus Teheran hierhergezogen waren. Ich hatte Mühe, ihr zu antworten, weil ich die ganze Zeit über mit den Tränen kämpfte. Noch nie im Leben war ich derart beleidigt worden. Zu Korinnas Erstaunen ging ich gleich nach dem Essen unter einem Vorwand nach Hause.

Womit, das fragte ich mich auf dem Heimweg ununterbrochen, konnte ich Korinnas Mutter so vor den Kopf gestoßen haben, dass sie sich selbst die Blöße gab, mich so zu behandeln? Ein Erwachsener, der die einfachsten Grundregeln der Höflichkeit nicht beachtet, zeigt damit schließlich nur, dass er aus schlechtem Hause kommt und obendrein nicht in der Lage ist, seine Gefühle zu kontrollieren. Korinnas Mutter gab mir das Gefühl, unschuldig schuldig zu sein, und so war ich von einer Mischung aus Scham und heiliger Wut erfüllt. Später erfuhr ich von Korinna, dass ihre Mutter mich wortkarg gefunden hätte und dächte, dass ich verlogen sei, weil ich nach der Schule garantiert hungrig gewesen wäre, aber das Gegenteil behauptet hatte. Die Freundschaft zwischen Korinna und mir überstand diese Missverständnisse nicht, und auch mit Frau G. gab es nie eine Klärung. Hätten wir miteinander gesprochen, wäre ich vielleicht in der Lage gewesen, einige ihrer Annahmen richtigzustellen, denn...

Tâ’rof, ist, wenn man dem Gegenüber die eigene Bedürftigkeit nicht gleich als Erstes zumutet, sondern sich stattdessen erstmal in Ruhe und Gelassenheit an seiner Gesellschaft freut. Tâ’rof ist, wenn man sich mit dem Näherkommen Zeit lässt und die Zeit bis dahin mit Freundlichkeiten füllt, die nicht zu tief gehen, aber ernst gemeint sind. Tâ’rof ist, wenn man angebotene Speisen zunächst ablehnt, obwohl man vielleicht Hunger hat und sie mit Sicherheit köstlich riechen, damit der Gastgeber sicher sein kann, dass er selbst mit dem Besuch gemeint ist, und nicht denken möge, man sei nur zu ihm gekommen, um sich durchzufressen. Tâ’rof ist, wenn man dem Gastgeber zeigt, dass er ein wundervoller Gastgeber ist, indem man die angebotenen Speisen schließlich doch annimmt. Tâ’rof hat also nichts mit Verlogenheit zu tun. Dass aber ein Verhalten wie das meine 1979 in Deutschland als Verlogenheit fehlgedeutetwerden konnte, liegt andererseits auch wieder nahe. Immerhin waren es gerade erst zehn Jahre her, dass man hierzulande gegen den verlogenen Umgang mit der deutschen Geschichte und die in vielen Familien tradierte Atmosphäre des Beschweigens auf die Straßen gegangen war.

Hätten Frau G. und ich das Gespräch führen können, das wir nicht geführt haben, hätte sie vielleicht verstanden, dass ich wirklich höflich sein wollte, und ich hätte vielleicht viel früher Einsicht in die politischen und historischen Entwicklungen meines zweiten Heimatlands bekommen.

Sudabeh Mohafez wurde 1963 in Teheran geboren. 1979 zog die Familie nach Westberlin. Inzwischen lebt sie als Schriftstellerin in Stuttgart. 2005 erschien im Arche Verlag ihr Roman "Gespräch in Meeresnähe".
 
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