Kiss ungeschminkt
Der Lack ist noch nicht ab
Jan Ulrich Welke, veröffentlicht am 03.06.2008
Stuttgart - Notdürftig sind die kahlen Betonwände im Keller einer Mehrzweckhalle in der Ruhrgebietsstadt Oberhausen mit ein paar schwarzen Stoffbahnen verkleidet, gereicht wird wahlweise Kaffee oder lauwarmes stilles Wasser: Unglamouröser kann man sich nicht in Szene setzen. Und das bei dieser Band, bei der der Showglitzer alles ist.
Von Jan Ulrich Welke
Aber dann wird’s doch noch unterhaltsam. Mit rockstarhafter halbstündiger Verspätung teilt sich ein von extrem grimmig dreinblickenden Leibwächtern verstellter Vorhang, heraus kommen in vollem Bühnenornat die vier Musiker, um der StZ und ein paar anderen einige Dinge zu erzählen. Die paar anderen, das sind rund hundert Journalisten, die aus ganz Europa zu der als intimes Plauderründchen angekündigten Veranstaltung angereist gekommen sind, um sich knapp zwanzig Minuten lang Fragen beantworten zu lassen.
„Guten Tag zusammen, setzen Sie bitte“, sagt Gene Simmons auf Deutsch zur Begrüßung, und ähnlich launig geht es dann auf Englisch weiter. „Ich bin nicht da“, feixt Simmons etwa, als zwischenzeitlich das unvermeidliche Mobiltelefongebimmel eines Journalisten stört. Und Paul Stanley entgegnet trocken auf die Frage, eines norwegischen Reporters, warum die Band dort zwei Konzerte geben würde, obwohl sein Land doch so klein sei: „Sorry, I can’t change the size of your country.“ Und als der gute Mann noch eine Nachfrage stellen will, ruft Stanley kichernd: „You’re from the smallest country, but you’ve got the biggest mouth.“
Und äußerst unterhaltsam geht’s weiter. Ob sie eine spezielle Message für die holländischen Fans hätten, will ein Niederländer wissen. „Yes. We are coming“, scherzt Stanley. Man möge doch bitte die bald erscheinende DVD-Box kaufen, „weil meine Mutter noch ein Haus will“, kräht Simmons vergnügt, und der italienische Kollege kriegt kurz und bündig erklärt, warum Kiss auch in Italien Station mache: „Great food, great wine, great women.“
Lustig ist das alles, was die zwei sehr schlagfertigen verbliebenen Gründungsmitglieder der bekanntesten Hardrockband der Welt da zum Besten geben. Und mit einer gewissen Prise Belustigung darf man ja wohl sowieso auf das Treiben dieser Band schauen. „Wir haben keine Haltung zu politischen oder wirtschaftlichen Themen“, stellt Stanley unmissverständlich klar, dass es der Band live nicht um die Verbreitung von Inhalten, sondern in erster Linie um das Spektakel geht – mitsamt den ulkigen Gesichtsbemalungen, den lächerlichen Outfits und einer, wie man vermuten darf, pyrotechnischen Show, die sich gewaschen hat.
Dass die Band künstlerisch erfolglos ist, kann man allerdings nicht gerade behaupten. Ihr – wenngleich für die Band sehr untypisches – Lied „I was made for loving you“ hat wohl fast jeder schon einmal gehört, weltweit haben nur die Beatles und die Rolling Stones mehr goldene Schallplatten eingefahren als Kiss.
Bald zehn Jahre nach dem letzten Gastspiel in Stuttgart kommen sie nun erneut vorbei, diesmal (nachdem es vor Jahren schon einmal eine Abschiedstournee gab) wohl wirklich zum letzten Mal. „Alive 35 Tour“ heißt diesmal das Motto, es erinnert an das erste Konzert der Band am 30. Januar 1973, zu dem sich übrigens exakt drei zahlende Zuschauer einfanden. In der Schleyerhalle dürfte es eine Handvoll Zuschauer mehr werden. Neue Songs indes werden diese nicht geboten bekommen; „Psycho Circus“, erschienen im September 1998, ist das bisher letzte Kiss-Album – und daran wird sich nichts ändern. „Wir haben echt gar keine Lust, ein neues Album zu machen“, erzählt Stanley, was aber dem Publikum ohnehin egal sei, „denn man geht ja auch nicht auf ein Rolling-Stones-Konzert, um nur die neuen Songs zu hören“. Wohl wahr.
Der frühere Taxifahrer Stanley und der einstige Grundschullehrer Simmons, die in der aktuellen Besetzung mit Tommy Thayer an der Leadgitarre und Eric Singer an den Drums unterwegs sind, gehen mittlerweile ja auch beide auf die sechzig zu. Die beiden versierten Selbstvermarktungsprofis machen kein Hehl daraus, dass sie in einem Alter angekommen sind, in dem nur noch von den Früchten der Vergangenheit gezehrt wird. Aber sie haben ja ein hinreichend großes Repertoire, aus dem sie schöpfen können.
Die Band Kiss spielt am 18. Juni in der Schleyerhalle.
Von Jan Ulrich Welke
Aber dann wird’s doch noch unterhaltsam. Mit rockstarhafter halbstündiger Verspätung teilt sich ein von extrem grimmig dreinblickenden Leibwächtern verstellter Vorhang, heraus kommen in vollem Bühnenornat die vier Musiker, um der StZ und ein paar anderen einige Dinge zu erzählen. Die paar anderen, das sind rund hundert Journalisten, die aus ganz Europa zu der als intimes Plauderründchen angekündigten Veranstaltung angereist gekommen sind, um sich knapp zwanzig Minuten lang Fragen beantworten zu lassen.
„Guten Tag zusammen, setzen Sie bitte“, sagt Gene Simmons auf Deutsch zur Begrüßung, und ähnlich launig geht es dann auf Englisch weiter. „Ich bin nicht da“, feixt Simmons etwa, als zwischenzeitlich das unvermeidliche Mobiltelefongebimmel eines Journalisten stört. Und Paul Stanley entgegnet trocken auf die Frage, eines norwegischen Reporters, warum die Band dort zwei Konzerte geben würde, obwohl sein Land doch so klein sei: „Sorry, I can’t change the size of your country.“ Und als der gute Mann noch eine Nachfrage stellen will, ruft Stanley kichernd: „You’re from the smallest country, but you’ve got the biggest mouth.“
Und äußerst unterhaltsam geht’s weiter. Ob sie eine spezielle Message für die holländischen Fans hätten, will ein Niederländer wissen. „Yes. We are coming“, scherzt Stanley. Man möge doch bitte die bald erscheinende DVD-Box kaufen, „weil meine Mutter noch ein Haus will“, kräht Simmons vergnügt, und der italienische Kollege kriegt kurz und bündig erklärt, warum Kiss auch in Italien Station mache: „Great food, great wine, great women.“
Lustig ist das alles, was die zwei sehr schlagfertigen verbliebenen Gründungsmitglieder der bekanntesten Hardrockband der Welt da zum Besten geben. Und mit einer gewissen Prise Belustigung darf man ja wohl sowieso auf das Treiben dieser Band schauen. „Wir haben keine Haltung zu politischen oder wirtschaftlichen Themen“, stellt Stanley unmissverständlich klar, dass es der Band live nicht um die Verbreitung von Inhalten, sondern in erster Linie um das Spektakel geht – mitsamt den ulkigen Gesichtsbemalungen, den lächerlichen Outfits und einer, wie man vermuten darf, pyrotechnischen Show, die sich gewaschen hat.
Dass die Band künstlerisch erfolglos ist, kann man allerdings nicht gerade behaupten. Ihr – wenngleich für die Band sehr untypisches – Lied „I was made for loving you“ hat wohl fast jeder schon einmal gehört, weltweit haben nur die Beatles und die Rolling Stones mehr goldene Schallplatten eingefahren als Kiss.
Bald zehn Jahre nach dem letzten Gastspiel in Stuttgart kommen sie nun erneut vorbei, diesmal (nachdem es vor Jahren schon einmal eine Abschiedstournee gab) wohl wirklich zum letzten Mal. „Alive 35 Tour“ heißt diesmal das Motto, es erinnert an das erste Konzert der Band am 30. Januar 1973, zu dem sich übrigens exakt drei zahlende Zuschauer einfanden. In der Schleyerhalle dürfte es eine Handvoll Zuschauer mehr werden. Neue Songs indes werden diese nicht geboten bekommen; „Psycho Circus“, erschienen im September 1998, ist das bisher letzte Kiss-Album – und daran wird sich nichts ändern. „Wir haben echt gar keine Lust, ein neues Album zu machen“, erzählt Stanley, was aber dem Publikum ohnehin egal sei, „denn man geht ja auch nicht auf ein Rolling-Stones-Konzert, um nur die neuen Songs zu hören“. Wohl wahr.
Der frühere Taxifahrer Stanley und der einstige Grundschullehrer Simmons, die in der aktuellen Besetzung mit Tommy Thayer an der Leadgitarre und Eric Singer an den Drums unterwegs sind, gehen mittlerweile ja auch beide auf die sechzig zu. Die beiden versierten Selbstvermarktungsprofis machen kein Hehl daraus, dass sie in einem Alter angekommen sind, in dem nur noch von den Früchten der Vergangenheit gezehrt wird. Aber sie haben ja ein hinreichend großes Repertoire, aus dem sie schöpfen können.
Die Band Kiss spielt am 18. Juni in der Schleyerhalle.
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