Eisenfresser

Schlamm, Hohn und Arbeitsraub

Thomas Klingenmaier, veröffentlicht am 12.06.2008
Filmbeschreibung
Sprühende orangefarbene Lichtschnäbel nagen sich durch einen Berg aus Dunkelheit, kriechen aufeinander zu, spucken nach allen Seiten Funken aus wie in Verachtung ihres kolossalen, aber ohnmächtigen Gegners. Es sind die Flammen von Schweißbrennern, die auf einer Abwrackwerft am Strand von Bangladesch ein großes Schiff in kleine Fetzen Altmetall zerlegen. Dieses wuchtige Bild aus Shaheen Dill-Riaz' Dokumentarfilm "Eisenfresser" hätte Romantiker wie Ludwig Tieck und E. T. A. Hoffmann, die ihre Zweifel an der durchrationalisierten Moderne in düster-irrwitzige Traumtouren verwandelten, in Verzücken versetzt. Einen Überfall der Feen auf eine Trutzburg der Industrie hätten sie erkannt, die Umpolung von Tag und Nacht, das heilend zerstörerische Licht des Irrationalen, das eine als düsteres Geschwür kenntlich gewordene Maschine der Industrie- und Handelswelt in heißen Flugattacken vernichtet.

Ein kühlerer moderner Blick könnte hier ohne Symbole und Sentiments aus der Märchenwelt ebenfalls eine Machtumkehrung erkennen. Die großen Öltanker und Containerschiffe, die den Arrivierten des globalen Marktes gute Gewinne einfuhren, werden nun in einem armen Weltwinkel aus dem Verkehr gezogen. Was die Schweißbrenner da verrichten, ließe sich als Teil eines globalen Umverteilungsprozesses deuten. Aber beide Interpretationen des Auftakts von "Eisenfresser" erweisen sich schließlich als falsch, wenn man diesen imposanten und bedrückenden Film weiter anschaut.

Der 1969 in Dakha in Bangladesch geborene Dill-Riaz, der in Deutschland studiert hat, zeigt die Globalisierung nicht als Verschiebung der Rollen von Rand und Mitte. Er zeigt nur brutale Knochenarbeit, die nun dorthin verlagert ist, wo Arbeitsschutz keinen kümmert und soziale Gerechtigkeit nur ein Hohnwort ist, mit dem die Arbeiter von ihren Brotherren endgültig in den Dreck gedrückt werden. PHP heißt die einzige von 32 Abwrackwerften am Golf von Bengalen, die Dreharbeiten zuließ, das Kürzel steht für "Peace, Happiness, Prosperity", für Friede, Glück und Wohlstand also. "Eisenfresser" zeigt in einer stets unaufgeregten und gerade darum packenden Studie einer Arbeitswelt, wie menschenverachtend diese Selbstbeweihräucherung der Profiteure ist.

Der Strand bei Chittagong ist ein Gottesgeschenk für gewiefte Unternehmer. Tiefes, schiffbares Wasser und flacher Strand gehen hier abrupt ineinander über. Die Herren brauchen also keine Dockanlagen, sie haben sich einfach Strand zusammengekauft und -gepachtet. Hier lassen sie ausgemusterte Schiffe, die sie auf dem Weltmarkt kaufen, auf Grund laufen. Unter simpelsten, also gefährlichsten Bedingungen zerteilen ungelernte Arbeiter diese Ozeanriesen. Große Segmente, die vom Rumpf abgetrennt werden, zieht eine Motorwinde über den Schlick des Strandes landeinwärts, wo die Teile dann weiter zerkleinert werden.

Arme Bauern aus dem Norden sind es, die von Missernten, Naturkatastrophen oder schlicht der Hoffnung auf mehr Verdienst in den Süden getrieben werden. Hier erhalten sie die dreckigsten, auslaugendsten, am schlechtesten bezahlten Jobs. Zum Beispiel als Kabelträger, die lange, schwere Stahltaue durch den zähen Matsch von der Motorwinde hinaus zu den Schiffen schleppen.

Shaheen Dill-Riaz, der selbst die Kamera geführt hat, hält brisant schöne Bilder der Schinderei fest. Inspiriert vom großen Fotografen Sebastiao Salgado, der den Malochern, Ausgebeuteten und Entrechteten einen Platz in von der Werbefotografie verstopften Köpfen zu verschaffen versucht, will Dill-Riaz die Würde der Arbeiter zeigen, ihren Mut, ihre Zähigkeit, das unsentimentale Pathos einer allmählichen Selbstvernichtung aus Gründen des Selbsterhalts. Einzelnen Einstellungen könnte man wohl vorwerfen, sie verschafften nicht den Schuftenden, sondern der Schufterei selbst Glanz, sie konstruierten letztlich eine Poesie der Ausbeutung. Aber sieht man die Bilder in ihrem Zusammenhang, verflüchtigt sich dieser Vorwurf.

Dill-Riaz arbeitet mit einer klugen Montage und den treffenden Szenen dessen, der fünf Monate lang geduldig beobachtet und gesammelt hat, die Mechanismen dieses Arbeitsraubs heraus. Die Arbeiter, die gar keine Zeit haben, vom Strand wegzukommen, kaufen auf Kredit bei teuren Händlern auf der Werft. Am Lohntag haben sie dort dann mehr Schulden als Entgelt für ihre Arbeit angehäuft. Ihre Wut, Enttäuschung und Bitternis wird von den Arbeitgebern aber als Allüre von Faulpelzen abgetan.

Die Subunternehmer, die für die Werft die Arbeitstrupps anheuern, sprechen hier in die Kamera, als könnten sie diese und damit uns zu ihren einverständigen Komplizen machen. Einer von ihnen pflegt einen besonders verächtlichen Blick: "Tut doch nicht so", scheint er zu denken, "als ob euch diese Habenichtse wirklich interessierten".
 
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