Vinyl

Die Schallplatte wird 60

AP, veröffentlicht am 18.06.2008

Berlin - Ganz langsam senkt sich die Nadel auf das schwarze Vinyl. Ein kurzes Knistern - und schon tönt lauter 60ies-Rock durch das kleine Geschäft. "Die Schallplatte war nie richtig tot", sagt Torsten Dobberstein, der in Berlin-Mitte einen Plattenladen betreibt. Bei ihm gibt es ausschließlich Vinyl. Denn auch 60 Jahre nach ihrer Erfindung ist die gute, alte Vinyl-Schallplatte alles andere als antiquiert. "Die Platte ist momentan sogar oberhip", meint der 40-jährige Plattenverkäufer.

Am 21. Juni 1948 rotierte zum ersten Mal eine Scheibe aus Polyvinylchlorid (PVC) mit 33 Umdrehungen pro Minute auf einem Plattenteller. Entwickelt hatte sie der amerikanische Ingenieur Peter Goldmark. Noch im gleichen Jahr brachte die Plattenfirma Columbia die erste Langspielplatte auf den Markt.

Schnell setzte sich die neue Erfindung gegen ihre Vorgängerin, die Schellackplatte, durch: Die Kunststoffplatte war billiger, die Klangqualität war besser, und mit 25 bis 30 Minuten pro Seite bot sie außerdem eine längere Spieldauer. Die Schellackplatte konnte mit 78 Umdrehungen pro Minute lediglich ein Musikstück abspielen. Schon ein Jahr später bekam die Langspielplatte Konkurrenz: Das Plattenlabel RCA verkaufte 1949 erstmals eine kleine Platte mit großem Loch in der Mitte, die nicht mit 33, sondern mit 45 Umdrehungen auf dem Plattenspieler kreiste. Vor allem die Jukeboxes machten die Single in den 50er Jahren populär. Tragbare und preiswerte Abspielgeräte brachten sie in die Teenager-Zimmer der Rock'n'Roll-Ära.

Plattenspieler, die beide Geschwindigkeiten abspielten, gab es zunächst nicht. Doch fünf Jahre später war der "Formatkrieg" zwischen Single und LP beendet: Nun gab es Geräte, die beide Geschwindigkeiten abspielen konnten.

Höhepunkt Anfang der 80er

Ihren Höhepunkt erlebte die Schallplatte Anfang der 80er Jahre: Nach Angaben des Bundesverbandes Musikindustrie wurden 1981 weltweit 1,14 Milliarden LPs verkauft. Doch schon 1990 gingen doppelt so viele CDs wie LPs über die Ladentheke. "Die großen Konzerne haben versucht, den Leuten einzubläuen, dass die CD das bessere, langlebigere und praktischere Medium ist", sagt Dobberstein. Der Industrie gefiel das neue Format. Schließlich war die CD billiger in der Herstellung - und konnte gleichzeitig teurer verkauft werden.

Zunächst sah es so aus, als würde die CD die LP vom Markt verdrängen. Doch viele Musikliebhaber hielten der Schallplatte die Treue. Vor allem elektronische Musik und HipHop, aber auch Klassik, Jazz und Indie-Rock wurden weiterhin auch auf Vinyl produziert.

Musik-Fans mögen wärmeren Sound

Viele Musik-Fans bevorzugen die Schallplatte wegen ihres angeblich wärmeren Klangs. "Der Sound einer analogen Platte wurde bisher von keinem digitalen Datenträger erreicht", meint auch Torsten Dobberstein. Das menschliche Gehör empfinde das Klangspektrum einer Schallplatte als angenehmer als den verzerrungsärmeren und daher unnatürlicheren Klang einer CD, erklärt er. Auch das unvermeidliche Kratzen und Rauschen gerade älterer Platten macht echten Vinylisten nichts aus. "Es ist doch schön, wenn sich eine Platte im Laufe des Lebens abnutzt", sagt der Ladenbesitzer.

Ein weiteres Argument für das Vinyl: Mit einer Platte kauft man "Musik zum Anfassen", meint Dobberstein, der seine Scheiben größtenteils aus den USA bezieht. "Eine Platte zu kaufen ist etwas ganz anderes, als mit einer 'Geiz-ist-geil'-Tüte voller CDs aus dem Laden zu gehen."

Gerade Plattensammler legen außerdem großen Wert auf das Cover. Auch Dobberstein verkauft in seinem Laden echte Raritäten: Stolz holt er eine alte Beatles-LP aus dem Regal. 1500 Euro will er für "Yesterday And Today" haben. Auf dem Cover posieren die Pilzköpfe mit zerstückelten Puppen und rohem Fleisch. Weil das Foto schockierte, kamen nur wenige Exemplare in dieser Hülle in den Handel.

Fangemeinde wird wieder größer

Mittlerweile wird die Fangemeinde der Schallplatte wieder größer. Plattenläden - und sogar einige Elektronik-Fachmärkte - verkaufen wieder mehr frisch gepresstes Vinyl. 2007 wurden deutschlandweit rund 700.000 Vinyl-Scheiben verkauft - 100.000 mehr als im Vorjahr. "Jeder relevante Titel erscheint heute auch wieder auf Platte", sagt Torsten Dobberstein.

Im vergangen Jahr gab es mit der Vinyl Disc, einer Kombination aus analoger Schallplatte und CD, sogar eine Neuentwicklung. Als zukunftsträchtig schätzt Dobberstein jedoch eine andere Strategie ein: Kleinere Labels legen ihren Vinyl-Scheiben inzwischen kostenlose MP3-Versionen des Albums bei - für den iPod. "Die digitale Version gibt es quasi gratis dazu", sagt der Plattenhändler, und fügt grinsend hinzu: "Die ist schließlich auch nichts wert."
 

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