Kiss rockt die Schleyerhalle

Der Fan trägt Plateauschuhe und Schminke im Gesicht

Frederike Poggel, veröffentlicht am 19.06.2008
Foto: AP

Stuttgart - Viel Glitzer, wenig Glamour: Kiss, eine der bekanntesten Hardrock-Gruppen, sind am Mittwoch in Stuttgart aufgetreten. Die Party ging schon vor der Schleyerhalle los, mit Dutzenden von blassweiß geschminkten Rockstar-Doubles.


  Von Frederike Poggel

 
Wiedersehen macht Freude - und Abschiedstourneen scheinbar auch. Zum wievielten Mal die fratzenhaft geschminkten Hardrocker von Kiss sich schon verabschiedet haben: Judith Weiß und Bebo Bauer, die gestern stilecht mit dem Motorrad aus Aalen zur "Alive 35 Tour" gebraust sind, wissen es nicht. "Es hieß ja immer mal wieder, diese und jene Tournee sei die letzte", sagen sie.

Wenngleich sich die heutige Kombo um Paul Stanley, Gene Simmons, Tommy Thayer und Eric Singer diesmal wirklich Zeit gelassen hat. Im März 1999 stand die Gruppe zuletzt mit ihren Plateauschuhen auf der Bühne der Schleyerhalle - damals allerdings noch in anderer Besetzung. Dem geneigten Fan mag das bewusst, aber womöglich egal sein. Denn wer sich hinter und unter der Verkleidung mit Weltraumkostümen und Theaterschminke versteckt, ist kaum auszumachen. "Darum geht es auch nicht", sagen Paul Stanley und Gene Simmons, die kurz vor Konzertbeginn auf dem Steg vor der Schleyerhalle noch mal durchschnaufen.

Nein, das sind natürlich nicht die Kiss-Urgesteine, die sich da ungezwungen mit jedem, der will, fotografieren lassen. Aber dazu muss man schon zweimal hinschauen, oder besser: hinhören. Denn Günter Gassert, 40, und Martina Eisenschmidt, 53, stammen hörbar aus dem Saarland. Ansonsten ist die Tarnung mit Netzstrumpfhose, Brusthaar und grammweise Theaterschminke beziehungsweise Lederkorsett und ebenso viel Weiß im Gesicht aufsehenerregend perfekt.

Seit Kiss, die das Runen-S im Namen führen, sich vor 35 Jahren gründeten, ist ihr Hauptanliegen der Skandal. Immer ein bisschen krasser, noch etwas lauter tritt das Quartett auf, das optisch mitunter daherkommt wie Science-Fiction-Figuren aus dem Comic. "Ja klar, aber wer weiß, ob sie heute da wären, wo sie sind. Das ist ja gerade das Besondere an denen", sagt Günter Gassert.

Das ist das Besondere, und das ist das Beständige. Auch musikalisch hat man schon lange nichts Neues mehr gehört: Seit "Psycho Circus" 1998 hat Kiss kein Album mehr herausgebracht. "Shout it out loud", "Detroit Rock City" und "Rock 'n' Roll all Night" sind die guten, alten Songs, die heute immer noch rocken. "Klar fänd' ich ein neues Album angemessen. Kiss ist Kult! Da gehört das eigentlich dazu", sagt Peter Siegmund, 51. Aber auch die alten Songs sind ein Muss, das findet nicht nur er, sondern alle Fans, die der Gruppe bisher 85 Millionen Platten abkauften. Nur die Beatles und die Rolling Stones sind noch erfolgreicher gewesen.

Wer so viele Fans hat, neben den stellen sich auch Politiker gerne: erst Ende Mai ließ sich US-Außenpolitikerin Condoleezza Rice in den offiziellen Fanclub Kiss Army aufnehmen, wie die Nachrichtenagentur AP zu berichten wusste. "Was sagt man dazu", wundert sich Klaus Enzensberger, der sich mit Sohn Tobias, 12, vor der Bühne einen Stehplatz gesichert hat. Über solche Schönwetterfans kann sich allenfalls aufregen, wer mit der Musik groß geworden ist.

Keine Frage: Als die respektlosen Pyro-Rocker ganz oben waren, etwa 1979, da stand vermutlich noch kein Politiker auf ihrer Gästeliste. Wie das aber so ist mit dem Authentischen, Althergebrachten, es kommt in die Jahre. Und so wird "I was made for loving you", der Superhit von damals, heute wohl meistens auf Ü-30-Parties gespielt. "Aber bei den Konzerten sind immer alle Altersgruppen vertreten, das ist ja das Tolle", sagen die zwei Gene- und Paul-Doubles.

Zumindest die Mannen auf der Bühne aber stehen mehr oder weniger vor dem Pensionsalter. "Trotzdem: Nach dem Konzert in Berlin haben sie gesagt, dass sie nächstes Jahr wiederkommen", sagt Martina Eisenschmidt. Sagen kann man viel, es wissen selten: "Wir hoffen halt mal!" Wiedersehen macht eben Freude - darauf hoffen Kiss-Fans auch nach dem Konzert.
 
Kommentare
Frohn, Klaus,
20.06.2008 10:25
seit über 30 jahren bin ich jetzt kiss fan der hardcore- fraktion. im laufe der jahre habe ich so viele konzerte der gruppe gesehen, bin sogar schon in die usa gereist, um sie in detroit zu sehen. alles was ich zur laufenden tour sagen kann geht ins superlativ. angefangen bei den musikern selbst, über setlist, bühnengestaltung, organisation bis hin zu den security- kräften vor ort. alles scheint nicht von dieser welt zu sein. kiss haben mir in all den jahren so viele unbeschreiblich schöne momente und erinnerungen geschenkt, für die ich endlos dankbar bin. auf der laufenden tour war ich bisher 3 mal dabei, habe münchen, mannheim und stuttgart gesehen. nächste woche werde ich noch einmal in nürnberg sein, damit die party noch nicht vorbei ist. ich hoffe die band macht ihr versprechen wahr, und besucht uns nächstes jahr wieder.
Thomas Waschke,
19.06.2008 22:06
ich konnte aus zeitlichen Gründen das
naheliegende Kiss Konzert in Mannheim nicht besuchen und ärgerte mich tierisch als ich die vielen positiven Berichte in der Zeitung lass. Daraufhin habe ich alles unternommen um doch noch Eintrittskarten für ein Konzert der Gruppe Kiss in Deutschland zu bekommen. Trotz langer Anreise machte ich mich Gestern mit meiner Frau auf den Weg nach Stuttgart. Was wir da erlebt haben versetzte mich zurück in eine Zeit als ich das alles nur von der Bravo her kannten und schon damals den Wunsch hägte das einmal live erleben zuwollen. Diesen Traum nun habe ich mir nach so lange Zeit erfüllt. Anmerkend möchte ich zum Schluß nur sagen das ich keine Minute dieses meiner Meinung nach gelungenen Konzertes mehr missen wollte auch wenn die Jungs der Gruppe Kiss vieleicht schon leicht in die Jahre gekommen sind machen Sie das Echt noch Super. T.Waschke

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