Rechenschwäche
Wenn Kinder sich auf dem Zahlenstrahl verirren
Isabelle Bareither, veröffentlicht am 19.06.2008
Stuttgart - Für viele ist Mathematik ein Graus, für manche liegt das aber nicht allein an mangelndem Interesse: Sie können sich Zahlen nicht richtig vorstellen und müssen auch als Erwachsene zum Rechnen die Finger benutzen. Das Kultusministerium rät zu speziellen Förderkursen.
Von Isabelle Bareither
Mit ihren acht Jahren geht Lillie gerne in die Schule. Nur den Matheunterricht mag sie nicht, denn im Rechnen hat sie enorme Schwierigkeiten. Viele Aufgaben löst die Schülerin zwar ohne Fehler, bei anderen dagegen weiß sie keine Antwort. Weder Lillie selbst noch ihre Eltern oder Lehrer haben bisher verstanden, woran das liegt. Dieses Bild sei typisch für die Rechenschwäche Dyskalkulie, sagt Claus Fritze, der Vorsitzende des Kreisverbands Legasthenie und Dyskalkulie Tübingen-Reutlingen. "Lehrer und Eltern erkennen die Symptome der Dyskalkulie oft nicht." Der Verband will daher aufklären und veranstaltet heute ein Symposium an der Universität Tübingen.
Fritze zufolge haben Studien ergeben, dass sechs Prozent der Kinder in Deutschland unter Dyskalkulie leiden. Er selbst hält sogar zehn Prozent für realistisch, und Rudolf Wieneke, der Leiter eines privaten Zentrums zur Therapie der Rechenschwäche in Berlin, vermutet eine noch höhere Dunkelziffer. Damit wäre die Rechenschwäche weiter verbreitet als die Lese- und Rechtschreibschwäche, die drei bis fünf Prozent der Schulkinder betrifft. Dass die Dyskalkulie im Unterschied zur Legasthenie so wenig bekannt ist, führt Wieneke auf die verwirrenden Symptome zurück. "Anhand der Zahl von Fehlern in Mathearbeiten kann man nicht einschätzen, ob ein Kind an Rechenschwäche leidet", sagt er. Die betroffenen Kinder würden häufig Kompensationstechniken wie das Fingerzählen finden, mit denen sie auf die Lösung kommen.
Das Verständnis für Zahlen fehlt
Was den Kindern fehle, sei ein Verständnis dafür, was Zahlen bedeuten, sagt Wieneke. So kann Lillie sieben und acht mit Rechenhilfen wie etwa einem Rechenbrett, auf dem sie Kügelchen schieben kann, gut zusammenzählen. Wenn sie im Anschluss daran jedoch sieben und neun addieren soll, zählt sie die Kügelchen erneut mühsam ab. "Sie hat kein Gefühl dafür, dass 16 um eins größer ist als 15", sagt Wieneke.
"Normalerweise haben Menschen einen angeborenen Sinn für Zahlen", erläutert Karin Landerl, die auf dem Tübinger Symposium heute den neurobiologischen Hintergrund der Dyskalkulie darstellen wird. Schon Säuglinge hätten normalerweise einen Sinn für Zahlen, sagt die Tübinger Entwicklungspsychologin. Lange bevor sie die Zahl Drei lernen, begreifen sie das Konzept, wenn sie etwa drei Äpfel oder drei Bäume sehen. Nach und nach ordnen sie die Zahlenkonzepte auf einem mentalen Zahlenstrahl an - sie bekommen beispielsweise ein Gefühl dafür, dass Drei und Fünf näher zusammenstehen als Drei und Sieben. Landerl glaubt, dass genau dieses Verständnis den Dyskalkulikern fehlt.
Im Gehirnscanner lässt sich diese Schwäche genauer untersuchen. Der Kinderarzt Michael von Aster von den DRK-Kliniken Berlin hat zum Beispiel festgestellt, dass Kinder mit Dyskalkulie beim Lösen von Matheaufgaben die Hirnregionen im Stirn- und Scheitellappen weniger aktivieren als Kinder ohne Schwierigkeiten in Mathematik. Das könne auf eine Störung der Aufmerksamkeit und des Arbeitsgedächtnisses hinweisen, sagt er. Dazu passt, dass von Aster zufolge fast die Hälfte der Kinder mit Rechenstörung auch unter dem Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitäts-Syndrom (ADHS) leidet. Denkbar seien aber auch Defizite bei der räumliche Vorstellungskraft, wodurch es den Kindern schwerer falle, einen mentalen Zahlenstrahl zu konstruieren.
Auch wenn die Ursachen der Dyskalkulie noch nicht geklärt sind, hält Rudolf Wieneke die Matheschwäche bereits für behandelbar. Lillie habe zum Beispiel gute Chancen, innerhalb von 30 bis 50 Therapiestunden ein Verständnis für Zahlen zu entwickeln, versichert er. Die 2000 bis 3000 Euro teure Therapie in seiner Einrichtung müssten Lillies Eltern wahrscheinlich selbst bezahlen, denn die gesetzlichen Krankenkassen decken die Kosten nur, wenn eine organische Vorerkrankung als Ursache festgestellt wird.
Auch das baden-württembergische Kultusministerium setzt sich dafür ein, die Rechenschwäche bekannter zu machen. "Die Förderung der Kinder ist zunächst einmal ein schulischer Auftrag", sagt die Referentin Marianne Franz. Das Ministerium bildet sogenannte Multiplikatoren für jeden Landkreis aus, die Mathelehrer schulen sollen. Zudem stehe das Thema Dyskalkulie auf dem Lehrplan angehender Mathelehrer, sagt Franz.
Gemeinsam nach Lösungen suchen
Die Referentin rät den Eltern betroffener Kinder, gemeinsam mit der Schule nach Lösungen zu suchen. So sei es möglich, speziell ausgebildete Beratungslehrer an die Schule zu rufen. In einigen Landkreisen gebe es auch Stützpunktschulen, in denen Kinder nachmittags Förderunterricht bekommen können.
Je früher die Rechenschwäche erkannt werde, desto besser könne den Kindern geholfen werden, sagt Franz. Das berichtet auch der Therapeut Wieneke und wirbt für eine rechtzeitige Behandlung. Durch die Schule könnten sich viele mit Fingerzählen und Taschenrechner schummeln, sagt er. Doch als Erwachsene bekämen sie beim Einkaufen und im Haushalt große Schwierigkeiten. "Menschen mit Dyskalkulie können zum Beispiel nicht für zwei Personen kochen, wenn das Rezept für vier ist."
Was ist Dyskalkulie
Die Diagnose einer Matheschwäche (Dyskalkulie) sollte man einem Fachmann überlassen. Hier eine Auswahl von Symptomen, die auf diese Schwäche hindeuten können:
>nahezu alle Aufgaben werden durch Zählen mit den Fingern oder mit Hilfe von Anschauungsmaterialien gelöst
>bei Additionen und Subtraktionen liegt das Ergebnis oft um 1 daneben
>es wird auch da gezählt, wo sich Zählen erübrigt, etwa wenn nach 3+ 4 die Aufgabe 13 + 4 gelöst werden soll
>Rechenarten werden verwechselt
>die Bedeutung der Null als Zahl und als Ziffer wird nicht erkannt
>die Aufgabe 30 + 25 = 82 wird fälschlicherweise gerechnet: 3 + 5 =8 und 0 + 2 = 2
>Multiplikationsreihen werden wie ein auswendig gelerntes Gedicht aufgesagt
>Aufgaben wie x – 4 = 6 können nicht gelöst werden
>bei Textaufgaben passen die Antworten gar nicht zur Frage
Quelle und weitere Informationen: www.ztr-rechenschwaeche.de
Lesen Sie sich die Druckausgaben digital im Originallayout mit allen Bildern durch.
Von Isabelle Bareither
Mit ihren acht Jahren geht Lillie gerne in die Schule. Nur den Matheunterricht mag sie nicht, denn im Rechnen hat sie enorme Schwierigkeiten. Viele Aufgaben löst die Schülerin zwar ohne Fehler, bei anderen dagegen weiß sie keine Antwort. Weder Lillie selbst noch ihre Eltern oder Lehrer haben bisher verstanden, woran das liegt. Dieses Bild sei typisch für die Rechenschwäche Dyskalkulie, sagt Claus Fritze, der Vorsitzende des Kreisverbands Legasthenie und Dyskalkulie Tübingen-Reutlingen. "Lehrer und Eltern erkennen die Symptome der Dyskalkulie oft nicht." Der Verband will daher aufklären und veranstaltet heute ein Symposium an der Universität Tübingen.
Fritze zufolge haben Studien ergeben, dass sechs Prozent der Kinder in Deutschland unter Dyskalkulie leiden. Er selbst hält sogar zehn Prozent für realistisch, und Rudolf Wieneke, der Leiter eines privaten Zentrums zur Therapie der Rechenschwäche in Berlin, vermutet eine noch höhere Dunkelziffer. Damit wäre die Rechenschwäche weiter verbreitet als die Lese- und Rechtschreibschwäche, die drei bis fünf Prozent der Schulkinder betrifft. Dass die Dyskalkulie im Unterschied zur Legasthenie so wenig bekannt ist, führt Wieneke auf die verwirrenden Symptome zurück. "Anhand der Zahl von Fehlern in Mathearbeiten kann man nicht einschätzen, ob ein Kind an Rechenschwäche leidet", sagt er. Die betroffenen Kinder würden häufig Kompensationstechniken wie das Fingerzählen finden, mit denen sie auf die Lösung kommen.
Das Verständnis für Zahlen fehlt
Was den Kindern fehle, sei ein Verständnis dafür, was Zahlen bedeuten, sagt Wieneke. So kann Lillie sieben und acht mit Rechenhilfen wie etwa einem Rechenbrett, auf dem sie Kügelchen schieben kann, gut zusammenzählen. Wenn sie im Anschluss daran jedoch sieben und neun addieren soll, zählt sie die Kügelchen erneut mühsam ab. "Sie hat kein Gefühl dafür, dass 16 um eins größer ist als 15", sagt Wieneke.
"Normalerweise haben Menschen einen angeborenen Sinn für Zahlen", erläutert Karin Landerl, die auf dem Tübinger Symposium heute den neurobiologischen Hintergrund der Dyskalkulie darstellen wird. Schon Säuglinge hätten normalerweise einen Sinn für Zahlen, sagt die Tübinger Entwicklungspsychologin. Lange bevor sie die Zahl Drei lernen, begreifen sie das Konzept, wenn sie etwa drei Äpfel oder drei Bäume sehen. Nach und nach ordnen sie die Zahlenkonzepte auf einem mentalen Zahlenstrahl an - sie bekommen beispielsweise ein Gefühl dafür, dass Drei und Fünf näher zusammenstehen als Drei und Sieben. Landerl glaubt, dass genau dieses Verständnis den Dyskalkulikern fehlt.
Im Gehirnscanner lässt sich diese Schwäche genauer untersuchen. Der Kinderarzt Michael von Aster von den DRK-Kliniken Berlin hat zum Beispiel festgestellt, dass Kinder mit Dyskalkulie beim Lösen von Matheaufgaben die Hirnregionen im Stirn- und Scheitellappen weniger aktivieren als Kinder ohne Schwierigkeiten in Mathematik. Das könne auf eine Störung der Aufmerksamkeit und des Arbeitsgedächtnisses hinweisen, sagt er. Dazu passt, dass von Aster zufolge fast die Hälfte der Kinder mit Rechenstörung auch unter dem Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitäts-Syndrom (ADHS) leidet. Denkbar seien aber auch Defizite bei der räumliche Vorstellungskraft, wodurch es den Kindern schwerer falle, einen mentalen Zahlenstrahl zu konstruieren.
Auch wenn die Ursachen der Dyskalkulie noch nicht geklärt sind, hält Rudolf Wieneke die Matheschwäche bereits für behandelbar. Lillie habe zum Beispiel gute Chancen, innerhalb von 30 bis 50 Therapiestunden ein Verständnis für Zahlen zu entwickeln, versichert er. Die 2000 bis 3000 Euro teure Therapie in seiner Einrichtung müssten Lillies Eltern wahrscheinlich selbst bezahlen, denn die gesetzlichen Krankenkassen decken die Kosten nur, wenn eine organische Vorerkrankung als Ursache festgestellt wird.
Auch das baden-württembergische Kultusministerium setzt sich dafür ein, die Rechenschwäche bekannter zu machen. "Die Förderung der Kinder ist zunächst einmal ein schulischer Auftrag", sagt die Referentin Marianne Franz. Das Ministerium bildet sogenannte Multiplikatoren für jeden Landkreis aus, die Mathelehrer schulen sollen. Zudem stehe das Thema Dyskalkulie auf dem Lehrplan angehender Mathelehrer, sagt Franz.
Gemeinsam nach Lösungen suchen
Die Referentin rät den Eltern betroffener Kinder, gemeinsam mit der Schule nach Lösungen zu suchen. So sei es möglich, speziell ausgebildete Beratungslehrer an die Schule zu rufen. In einigen Landkreisen gebe es auch Stützpunktschulen, in denen Kinder nachmittags Förderunterricht bekommen können.
Je früher die Rechenschwäche erkannt werde, desto besser könne den Kindern geholfen werden, sagt Franz. Das berichtet auch der Therapeut Wieneke und wirbt für eine rechtzeitige Behandlung. Durch die Schule könnten sich viele mit Fingerzählen und Taschenrechner schummeln, sagt er. Doch als Erwachsene bekämen sie beim Einkaufen und im Haushalt große Schwierigkeiten. "Menschen mit Dyskalkulie können zum Beispiel nicht für zwei Personen kochen, wenn das Rezept für vier ist."
Was ist Dyskalkulie
Die Diagnose einer Matheschwäche (Dyskalkulie) sollte man einem Fachmann überlassen. Hier eine Auswahl von Symptomen, die auf diese Schwäche hindeuten können:
>nahezu alle Aufgaben werden durch Zählen mit den Fingern oder mit Hilfe von Anschauungsmaterialien gelöst
>bei Additionen und Subtraktionen liegt das Ergebnis oft um 1 daneben
>es wird auch da gezählt, wo sich Zählen erübrigt, etwa wenn nach 3
>Rechenarten werden verwechselt
>die Bedeutung der Null als Zahl und als Ziffer wird nicht erkannt
>die Aufgabe 30 + 25 = 82 wird fälschlicherweise gerechnet: 3 + 5 =8 und 0 + 2 = 2
>Multiplikationsreihen werden wie ein auswendig gelerntes Gedicht aufgesagt
>Aufgaben wie x – 4 = 6 können nicht gelöst werden
>bei Textaufgaben passen die Antworten gar nicht zur Frage
Quelle und weitere Informationen: www.ztr-rechenschwaeche.de
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