Nachwuchsautoren

"Es kann dort auch sehr böse zugehen"

Fragen von Inge Bäuerle , veröffentlicht am 24.06.2008
Foto: Veranstalter

Stuttgart - Am Mittwoch geht es los - dann treffen kurz vor dem EM-Endspiel 14 deutschsprachige Nachwuchsautoren in Klagenfurt aufeinander und messen sich lesend beim Bachmannwettbewerb. Mit dabei sind zwei Autoren aus dem Stuttgarter Raum: Sudabeh Mohafez und Martin von Arndt. Inge Bäuerle hat vor der Abreise nach Österreich mit den beiden gesprochen.

Was ging Ihnen durch den Kopf, als Sie die Einladung nach Klagenfurt bekamen?

Sudabeh Mohafez: Ich habe mich sehr gefreut, ich finde es spannend und gleichzeitig unglaublich einschüchternd. Als ich beschloss, Schriftstellerin zu werden, habe ich gedacht, ich sitze im stillen Kämmerlein und schreibe Bücher.

Martin von Arndt: Ich habe mich auch sehr gefreut, kurzzeitig war ich aber doch ein wenig panisch, weil ich dachte, an dem Datum sei das Endspiel der EM.
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Foto: StZ

Um unter die Wettbewerbsautoren zu kommen, muss man von einem der Juroren nominiert werden. Aber wie wird man von denen gefunden?

Mohafez: Man kann der Jury nur von jemandem aus dem Literaturbetrieb vorgeschlagen werden, von einem Verlag, einem Agenten oder Kritiker. Sich als Autor allein zu bewerben geht nicht. Mich hat, in Absprache mit mir, meine Agentin vorgeschlagen. Das hat das Jurymitglied Klaus Nüchtern aufgegriffen, der mich für den Wettbewerb nominiert hat.

Arndt: Bei mir war's ein bisschen anders, ich kam zur Einladung wie die Jungfrau zum Kind. Ich bin von meinem Juror Alain Claude Sulzer angefragt worden, ob ich ihm nicht etwas schicken will.

Heißt das, es gibt die Knöpfe, die man beim Bachmannpreis drücken muss? Ähnlich wie im Fall von Kathrin Passig, die vor zwei Jahren - möglicherweise mit ihrem Literaturkollektiv - einen speziell konstruierten Klagenfurt-Text schrieb und als Entdeckung gefeiert wurde?

Arndt: Ja, zweifellos. Der Versuch Kathrin Passigs mit dem Kollektiv war ein Gesamtkunstwerk, das entlarvte, was in der deutschen Kulturszene merkwürdig läuft. Das hat mir gefallen - abgesehen davon, dass ich sogar den Text ganz gut fand.

Sie dürfen ja nicht verraten, was Sie lesen, aber was glauben Sie, war an Ihren Texten geeignet für den Wettbewerb?

Mohafez: Ich finde, dass es ein guter Text ist, aber warum er für den Wettbewerb geeignet ist, kann ich schwer einschätzen, weil die Kriterien, aufgrund deren Literatur für gut oder nicht gut befunden wird, unendlich schwankend sind.

Arndt: Ich habe meinem Juror zwei Texte geschickt. Eine sehr politische Erzählung und den, den ich lesen werde: ein Ausschnitt aus meinem neuen Roman, eine Beziehungsgeschichte. Ich denke, ein Grund für die Auswahl ist, dass in den vergangenen Jahren immer wieder zwischenmenschliche Texte in Klagenfurt interessierter aufgenommen wurden als sehr gesellschaftskritische und politische Texte.

Was bedeutet der Preis heute für einen Autor? Das frühere Jurymitglied Hellmuth Karasek hat in einem Interview gesagt, er sei immer noch eine "gemähte Wiese"?

Mohafez: Ich finde, Preise helfen. Einmal bedeuten sie Geld und damit mehr Zeit für das Schreiben. Sie bedeuten Öffentlichkeit, egal wie man zu den Bewertungen, die sie abgeben, steht. Und natürlich bedeuten sie ein Stück Anerkennung und Wertschätzung. Ich kann mir auch vorstellen, dass ein Preis bei der Verlagssuche hilft, und sicherlich kommen auch viele Interviewanfragen. Aber ich glaube auf lange Sicht, wenn der Hype vorbei ist, hilft er nicht viel. Es wäre natürlich schöner, die Texte würden auch ohne Trubel bei den Lesern ankommen, in ihrer Qualität wahrgenommen und wertgeschätzt werden.

In Klagenfurt gab es ja schon spektakuläre Lese-Performances. Was haben Sie sich für Ihre halbe Stunde Lesezeit vorgenommen?

Arndt: Wenn ich jetzt auf einmal meine ganze Lesepersönlichkeit umdrehen würde, ginge das wohl schief - aber man überlegt sich schon das eine oder andere. Zum Beispiel, was man anzieht.

Mohafez: Man liest, wie man liest. Ich bin in der Regel kein Lampenfiebertypus, das liegt vielleicht an der wilden Familie, aus der ich komme, in der dauernd alle Theater gespielt haben. Aber in Klagenfurt werde ich aufgeregt sein, einfach weil einem mehr Menschen zuschauen, als man selbst sehen kann. Ich überlege mir immer vor einer Lesung, was ich anziehe - und nehme dann das, was ich sowieso anhatte, aber ich brauche trotzdem eine halbe Stunde für die Entscheidung.

Arndt: Man muss für Klagenfurt als Autor auch das performative Moment mögen. Ich genieße es, und mir ist aufgefallen, dass in den letzten Jahren viele Leute, ähnlich wie ich oder Peter Licht, die von der Musik in die Literatur eingestiegen sind, teilgenommen haben. Aber es ist schade, dass es viele gute Autoren gibt, die diesen Preis auch verdient hätten, aber ihn nie bekommen werden, weil sie das performative Element nicht haben.

Mohafez: Ja, Bücher schreiben ist etwas anderes als sie zu lesen - es gibt aber auch Texte, die nur dann funktionieren, wenn der Autor selbst sie vorliest. Klagenfurt ist eine große Lesung. Klagenfurt kann Türen aufmachen, kann sie aber auch zuschlagen, denn soweit ich weiß, kann es dort auch sehr böse zugehen.

...und es ergeht einem wie der Autorin Karin Struck, die 1977 von Marcel Reich-Ranicki unter anderem zu hören bekam, ihre Literatur sei ein "Verbrechen".

Arndt: Es gibt sogar relativ viele Autoren, die gar nicht zum Bachmannpreis wollen. Für mich ist es eine Ehre, in einem Wettbewerb zugange und zugegen zu sein, der nach Ingeborg Bachmann benannt ist - allerdings nur, solange es nicht zu unkollegial zugeht. Wenn ich höre, dass Kolleginnen und Kollegen mit Nervenzusammenbrüchen rauskommen oder in Schreibkrisen gestürzt werden durch die Art, wie die Juroren mit den Texten umgehen, finde ich das sehr bitter. Grundsätzlich finde ich die Wettbewerbsidee schön: öffentlich zu machen, was sonst im Verborgenen geschieht.

Jetzt wird der Bachmannpreis noch öffentlicher: Dem Wettbewerb geht es darum, deutschsprachige Literatur vorwärtszubringen - deshalb sind die Internetseiten siebensprachig und die Texte aller Autoren werden übersetzt.

Mohafez: Das sieht sehr nach Global Player aus, aber anfangs haben die übersetzten Seiten gar nicht funktioniert. Für die Autoren ist es allerdings toll.

Arndt: Ich werde zum ersten Mal ins Slowenische übersetzt! Aber was mich sehr enttäuscht hat, ist, dass elf von den 14 Autoren aus Deutschland stammen und nur zwei Österreicher und ein Schweizer dabei sind.
 

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