Türsteher im Test
Spaßbremsen oder Freunde und Helfer?
Philipp Längst (18), veröffentlicht am 25.06.2008
Stuttgart - Können einem Türsteher tatsächlich das Nachtleben vermiesen? Unter dieser Prämisse hat sich Philipp Längst (18) an mehreren Wochenenden in den Partylocations Stuttgarts auf die Lauer gelegt, um unfreundliche Türsteher auf frischer Tat zu ertappen.
Von Philipp Längst (18)
Freitagabend, 21 Uhr, langsam aber sicher pilgern Massen von Jugendlichen in die Innenstadt. Partytime! Ausgehen! Abdancen! Um den Alltagsstress zu vergessen oder nur um lässig in einer der vielen Lounges zu chillen. Im Prinzip steht dem Vergnügen nichts mehr im Weg. Doch: die Türsteher.
Jeder erkennt sie sofort. Wenn nicht an ihrer schrankähnlichen Figur, der schwarzen Kleidung, dem geschleckten Haar oder wahlweise der Glatze, dann an ihrem Revierverhalten. So lautet jedenfalls das Vorurteil. Häufig werden die Beschreibungen der Ordnungseinheiten um Ergänzungen wie "unfreundlich", "grob", "arrogant", "unverschämt" oder "machohaft" erweitert.
Ein bekanntes Provokationsmittel für jeden Türsteher ist das Outfit. "Tut mir leid, keine taugliche Bekleidung für unseren Club! Kein Einlass!" Damit versuchen sie "ihren" Club von unerwünschten Außenseitern der Kleidungs- und Benimmkodexe frei zu halten. Da könnte man schon mal ins Grübeln kommen: Kann man schlechtes Publikum tatsächlich an der Kleidung erkennen? Und versteckt sich hinter jedem aufgestylten Mädel ein millionenschweres Partygirl, das darauf wartet, die Kassen des Clubs zu füllen? Aber zum Versuch selbst.
Als Outfit für den Club in der Heilbronner Straße, das Penthouse, dienen an diesem Freitagabend ein Paar ausgelatschte Skateboots, die mein Skateboard ein halbes Jahr lang kennen und dies auch nicht leugnen können. Dazu Jeans, die nur in etwa der dunklen, edlen und glitzernden Garderobe meiner Begleitung entsprechen. Vielleicht rettet mein etwas zu kleines, weißes Polohemd den Gesamtlook.
Nur ein Blick auf den Personalausweis genügt dem Türsteher, und ich bin drin. Einen schönen Abend wünscht er mir sogar freundlich. Später frage ich mich allerdings, warum ich nicht längst zu Hause bin. Mehrere betagte Personen - aus der Sicht eines 18-Jährigen - stürmen zu Housebeats die Tanzfläche. Ins Penthouse darf also jeder kommen, und das obwohl es von außen wie der Nobelschuppen der Stuttgarter High Society aussieht.
Nächster Versuch, Samstag.
Wieder fit und in Ausgehlaune wird das Rocker 33 in der alten Bahndirektion anvisiert. Veranstaltungsmottos wie "Soul Explosion" oder "Karrera Klub" lassen darauf schließen, dass es sich um einen Alternativ-Club handelt. Mein Penthouse-Outfit müsste passen.
Soll es aber gar nicht. Also wird der Konfirmationsanzug ausgepackt und mit einem sehr unpassenden Hemd kombiniert. Heute wollen wir ein kleines Druckmittel einsetzen: die Gästeliste. Als die zehn heranwachsenden Testosteronbolzen mit mir an der Spitze auf den Eingang zusteuern, reagiert der Türsteher wie erwartet: "Zum Jugendhaus geht's da rüber!" Wir klären ihn über unser Alter auf, qualifizieren uns damit für eine weitere Beachtung und sehen uns mit der nächsten Frage konfrontiert: "Wo sind eure Mädels?"
Es ist bekannt, dass Clubbetreiber nicht auf Ansammlungen von befreundeten männlichen Jugendlichen stehen. Denn diese bergen, und davon war auch der Türsteher im Rocker 33 überzeugt, ein großes Gewaltpotenzial, das Kundschaft und Mobiliar gefährden kann. Meine Bemerkung "Die kommen später", kombiniert mit einem ironischen Lachen, bekommt er in den falschen Hals. Ich stehe kurz vor der ersten K.-o.-Runde meines Lebens. Nur ein "Wir stehen auf der Gästeliste" rettet uns. Drinnen wird uns klar, warum er seinen Spruch mit dem Jugendhaus brachte: das Publikum ist ein paar Jahre älter als wir frischgebackene Volljährige.
Das motiviert nicht gerade zum Tanzen, und wir beschließen weiterzuziehen, die Friedrichstraße hoch bis zum Bett. Schon eine überregionale Sonntagszeitung hat hier vorbeigeschaut, als sie Stuttgart auf den zweiten Platz der zehn besten Städte Deutschlands setzte und dabei auch das Nachtleben unter die Lupe nahm (mit dem Ergebnis, dass donnerstags hier schon um 22 Uhr alles schläft). Auch heute scheint man sich über späte Gäste zu freuen, und dem Einlass steht nichts im Wege. Sprich, wer sich am Wochenende nicht bis auf die Knochen durchstylen will, macht im Bett nichts falsch.
Am nächsten Tag, halbwegs fit, lasse ich unsere Begegnung mit dem Türsteher im Rocker 33 Revue passieren. Eine Gruppe unserer Größe, ordentlich vorgeglüht, hätte ihm sicher mehr Ärger als nur dumme Sprüche einbringen können. Glück für den Türsteher also?
Stefan Keilbach, Pressesprecher bei der Stuttgarter Polizei, sieht das ähnlich: "Dort, wo das Nachtleben tobt, bemerken wir seit dem vergangenen Jahr eine deutliche Zunahme an negativen Auswüchsen." Diese gingen vor allem von betrunkenen Jugendlichen aus, die sich vor den Clubs aufhielten, weil sie entweder zu jung zum Reinkommen oder ihnen die Getränke im Club zu teuer seien. "Die Türsteher bewegen sich an einer Schwelle zwischen Freund und Feind des Gastes, das Agieren kann schnell zu Gewaltkonflikten führen."
Verwöhnt von bisher überwiegend freundlichen Türstehern sind nun die Erwartungen an die nächste Location relativ hoch.
Das Village am Schlossplatz, wo auch unter 18-Jährige gern gesehen sind, wird zum Versuchsobjekt des folgenden Wochenendes. Mein Look: ein einfaches schwarz-weiß gestreiftes Shirt, die bewährten verwaschenen Jeans kombiniert mit den provokanten All-day-Shoes. Volltreffer. Weder meine weibliche Begleitung noch der augenzwinkernde Hinweis, dass mein Geldbeutel vor lauter 500-Euro-Scheinen gleich überquelle, verhilft mir zur Gnade des Türstehers: "Tut mir leid, aber das ist nicht samstagabendtauglich." Der Tonfall, das überrascht mich nach den Erfahrungen im Rocker 33, ist freundlich und sachlich, allerdings mit einem bestimmten Unterton, der jegliche Gegenwehr im Keim ersticken soll. Was mich, Opfer dieser Willkürherrschaft, nicht von einer Diskussion abhält. Am Ende muss ich auf der Schwelle kehrtmachen und mich damit abfinden, dass ins Village nur der fashionbewusste Jugendliche reindarf.
Nach diesen arbeitsintensiven Samstagabenden beschließe ich am folgenden Wochenende, in unauffälliger, ergo Mainstreammode zu feiern: dunkle Hose, Nadelstreifenhemd. Und prompt passiert das, womit ich keinesfalls gerechnet hatte.
Mit weiblicher Begleitung im Arm - aus meiner Sicht die sicherste Eintrittskarte - laufe ich zielsicher auf das Stuttgarter In-Lokal für Freunde des Orients, das L'Oasis, zu und werde gestoppt: "Wie alt sind Sie?" "Ähm, 18!" "Tut mir leid, Eintritt erst ab 25!" Die Enttäuschung paart sich mit Verwunderung: wie kann es sein, dass ein Freund von mir, noch minderjährig, bereits drinnen ist? Später erzählt er mir, dass er gar nicht kontrolliert wurde. Und das, obwohl er niemals wie Mitte 20 aussieht! Einzig mögliche Schlussfolgerung: Pärchen scheinen - zumindest an diesem Abend - im L'Oasis nicht erwünscht zu sein. Egal, wie man es macht: im Nachtleben herrscht Willkürherrschaft.
Von Philipp Längst (18)
Freitagabend, 21 Uhr, langsam aber sicher pilgern Massen von Jugendlichen in die Innenstadt. Partytime! Ausgehen! Abdancen! Um den Alltagsstress zu vergessen oder nur um lässig in einer der vielen Lounges zu chillen. Im Prinzip steht dem Vergnügen nichts mehr im Weg. Doch: die Türsteher.
Jeder erkennt sie sofort. Wenn nicht an ihrer schrankähnlichen Figur, der schwarzen Kleidung, dem geschleckten Haar oder wahlweise der Glatze, dann an ihrem Revierverhalten. So lautet jedenfalls das Vorurteil. Häufig werden die Beschreibungen der Ordnungseinheiten um Ergänzungen wie "unfreundlich", "grob", "arrogant", "unverschämt" oder "machohaft" erweitert.
Ein bekanntes Provokationsmittel für jeden Türsteher ist das Outfit. "Tut mir leid, keine taugliche Bekleidung für unseren Club! Kein Einlass!" Damit versuchen sie "ihren" Club von unerwünschten Außenseitern der Kleidungs- und Benimmkodexe frei zu halten. Da könnte man schon mal ins Grübeln kommen: Kann man schlechtes Publikum tatsächlich an der Kleidung erkennen? Und versteckt sich hinter jedem aufgestylten Mädel ein millionenschweres Partygirl, das darauf wartet, die Kassen des Clubs zu füllen? Aber zum Versuch selbst.
Als Outfit für den Club in der Heilbronner Straße, das Penthouse, dienen an diesem Freitagabend ein Paar ausgelatschte Skateboots, die mein Skateboard ein halbes Jahr lang kennen und dies auch nicht leugnen können. Dazu Jeans, die nur in etwa der dunklen, edlen und glitzernden Garderobe meiner Begleitung entsprechen. Vielleicht rettet mein etwas zu kleines, weißes Polohemd den Gesamtlook.
Nur ein Blick auf den Personalausweis genügt dem Türsteher, und ich bin drin. Einen schönen Abend wünscht er mir sogar freundlich. Später frage ich mich allerdings, warum ich nicht längst zu Hause bin. Mehrere betagte Personen - aus der Sicht eines 18-Jährigen - stürmen zu Housebeats die Tanzfläche. Ins Penthouse darf also jeder kommen, und das obwohl es von außen wie der Nobelschuppen der Stuttgarter High Society aussieht.
Nächster Versuch, Samstag.
Wieder fit und in Ausgehlaune wird das Rocker 33 in der alten Bahndirektion anvisiert. Veranstaltungsmottos wie "Soul Explosion" oder "Karrera Klub" lassen darauf schließen, dass es sich um einen Alternativ-Club handelt. Mein Penthouse-Outfit müsste passen.
Soll es aber gar nicht. Also wird der Konfirmationsanzug ausgepackt und mit einem sehr unpassenden Hemd kombiniert. Heute wollen wir ein kleines Druckmittel einsetzen: die Gästeliste. Als die zehn heranwachsenden Testosteronbolzen mit mir an der Spitze auf den Eingang zusteuern, reagiert der Türsteher wie erwartet: "Zum Jugendhaus geht's da rüber!" Wir klären ihn über unser Alter auf, qualifizieren uns damit für eine weitere Beachtung und sehen uns mit der nächsten Frage konfrontiert: "Wo sind eure Mädels?"
Es ist bekannt, dass Clubbetreiber nicht auf Ansammlungen von befreundeten männlichen Jugendlichen stehen. Denn diese bergen, und davon war auch der Türsteher im Rocker 33 überzeugt, ein großes Gewaltpotenzial, das Kundschaft und Mobiliar gefährden kann. Meine Bemerkung "Die kommen später", kombiniert mit einem ironischen Lachen, bekommt er in den falschen Hals. Ich stehe kurz vor der ersten K.-o.-Runde meines Lebens. Nur ein "Wir stehen auf der Gästeliste" rettet uns. Drinnen wird uns klar, warum er seinen Spruch mit dem Jugendhaus brachte: das Publikum ist ein paar Jahre älter als wir frischgebackene Volljährige.
Das motiviert nicht gerade zum Tanzen, und wir beschließen weiterzuziehen, die Friedrichstraße hoch bis zum Bett. Schon eine überregionale Sonntagszeitung hat hier vorbeigeschaut, als sie Stuttgart auf den zweiten Platz der zehn besten Städte Deutschlands setzte und dabei auch das Nachtleben unter die Lupe nahm (mit dem Ergebnis, dass donnerstags hier schon um 22 Uhr alles schläft). Auch heute scheint man sich über späte Gäste zu freuen, und dem Einlass steht nichts im Wege. Sprich, wer sich am Wochenende nicht bis auf die Knochen durchstylen will, macht im Bett nichts falsch.
Am nächsten Tag, halbwegs fit, lasse ich unsere Begegnung mit dem Türsteher im Rocker 33 Revue passieren. Eine Gruppe unserer Größe, ordentlich vorgeglüht, hätte ihm sicher mehr Ärger als nur dumme Sprüche einbringen können. Glück für den Türsteher also?
Stefan Keilbach, Pressesprecher bei der Stuttgarter Polizei, sieht das ähnlich: "Dort, wo das Nachtleben tobt, bemerken wir seit dem vergangenen Jahr eine deutliche Zunahme an negativen Auswüchsen." Diese gingen vor allem von betrunkenen Jugendlichen aus, die sich vor den Clubs aufhielten, weil sie entweder zu jung zum Reinkommen oder ihnen die Getränke im Club zu teuer seien. "Die Türsteher bewegen sich an einer Schwelle zwischen Freund und Feind des Gastes, das Agieren kann schnell zu Gewaltkonflikten führen."
Verwöhnt von bisher überwiegend freundlichen Türstehern sind nun die Erwartungen an die nächste Location relativ hoch.
Das Village am Schlossplatz, wo auch unter 18-Jährige gern gesehen sind, wird zum Versuchsobjekt des folgenden Wochenendes. Mein Look: ein einfaches schwarz-weiß gestreiftes Shirt, die bewährten verwaschenen Jeans kombiniert mit den provokanten All-day-Shoes. Volltreffer. Weder meine weibliche Begleitung noch der augenzwinkernde Hinweis, dass mein Geldbeutel vor lauter 500-Euro-Scheinen gleich überquelle, verhilft mir zur Gnade des Türstehers: "Tut mir leid, aber das ist nicht samstagabendtauglich." Der Tonfall, das überrascht mich nach den Erfahrungen im Rocker 33, ist freundlich und sachlich, allerdings mit einem bestimmten Unterton, der jegliche Gegenwehr im Keim ersticken soll. Was mich, Opfer dieser Willkürherrschaft, nicht von einer Diskussion abhält. Am Ende muss ich auf der Schwelle kehrtmachen und mich damit abfinden, dass ins Village nur der fashionbewusste Jugendliche reindarf.
Nach diesen arbeitsintensiven Samstagabenden beschließe ich am folgenden Wochenende, in unauffälliger, ergo Mainstreammode zu feiern: dunkle Hose, Nadelstreifenhemd. Und prompt passiert das, womit ich keinesfalls gerechnet hatte.
Mit weiblicher Begleitung im Arm - aus meiner Sicht die sicherste Eintrittskarte - laufe ich zielsicher auf das Stuttgarter In-Lokal für Freunde des Orients, das L'Oasis, zu und werde gestoppt: "Wie alt sind Sie?" "Ähm, 18!" "Tut mir leid, Eintritt erst ab 25!" Die Enttäuschung paart sich mit Verwunderung: wie kann es sein, dass ein Freund von mir, noch minderjährig, bereits drinnen ist? Später erzählt er mir, dass er gar nicht kontrolliert wurde. Und das, obwohl er niemals wie Mitte 20 aussieht! Einzig mögliche Schlussfolgerung: Pärchen scheinen - zumindest an diesem Abend - im L'Oasis nicht erwünscht zu sein. Egal, wie man es macht: im Nachtleben herrscht Willkürherrschaft.
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