Happy-Go-Lucky

Ein Leben fast wie im Märchen

Rupert Koppold, veröffentlicht am 03.07.2008
Filmbeschreibung
Achtung, jetzt kommt Poppy! Sehr bunt und sehr beschwingt strampelt diese junge Frau (Sally Hawkins) durch die Straßen von London und hinein in diesen Film von Mike Leigh, stellt ihr Fahrrad ab, stiefelt in einen Buchladen, versucht, den bärtig-mürrischen Verkäufer aus der Reserve zu grinsen, sieht ein Buch mit dem Titel "The Road to Reality", sagt: "Nichts für mich!" Mag sein, dass die Realität ihr das doch ein wenig übel nimmt, als Poppy nämlich den Laden verlässt, ist ihr Fahrrad verschwunden. Nun also Heulen und Zähneknirschen? Nein, nichts dergleichen. Poppy bedauert nur, dass sie sich von ihrem Gefährt nicht verabschieden konnte, steckt den Diebstahl ansonsten achselzuckend weg und macht dann einfach weiter mit ihrem Programm: auf ansteckende Weise fröhlich durchs Leben hüpfen.

Happy-go-lucky kann man übersetzen mit "sorgenfrei" oder mit "sorglos". Im ersten Fall beschriebe das Adjektiv eher den objektiven und beneidenswerten Zustand einer Person, im zweiten Fall eher deren fahrlässige und durchaus tadelnswerte Selbsteinschätzung. Und lange, lange hält der Regisseur Mike Leigh es nun in der Schwebe, welcher Happy-go-lucky-Interpretation sein Film zuneigt. Darf diese dreißigjährige Frau mit dem netten Spitzmauslächeln einfach so tun, als wäre die Welt nur für ihr Amüsement da? Darf sie wirklich alles lustig finden und es auch immer so kommentieren? Darf sie sogar mit rotem Wuschelpulli, grünem Minirock, schwarzen Netzstrümpfen und goldenen Stiefeln in die Disco und dort mit ihren Freundinnen rumhopsen, bis der Arzt eben doch nicht kommt? Oder ist das letztlich doch ein Du-musst-dein-Leben-ändern-Film, in dem das dicke Ende folgt?

Mit Lob oder mit Tadel?

Und jetzt liegt Poppy auch schon da, und der Arzt ist gekommen. Es klemmt was in ihrem Rücken, es deutet für den geübten Kinogänger also alles darauf hin, dass die Diagnose Schlimmes ergeben wird, auch wenn Poppy sogar noch bei der Untersuchung schlagfertig ihre Sprüche raushaut. Aber Mike Leigh, der vorher das düstere Engelmacherinnen-Drama "Vera Drake" gedreht hat, spielt dann doch nur mit unserer Kinoerfahrung, es hat sich bloß ein Wirbel verrenkt, die Rückengeschichte ist sofort wieder behoben, schon springt Poppy wieder auf einem Trampolin rum oder albert sich wie aufgedreht durch einen Flamencokurs.

Poppy ist übrigens Vorschullehrerin, sie geht mit Engagement und Fantasie an ihren Unterricht ran und versteht sich bestens mit den Kindern. Und auch wenn sie eine Frau ist, bei der sich alles um die eigene Befindlichkeit zu drehen scheint, ist sie doch nicht nur selbstbezogen. Bei einem ihrer Schüler erkennt sie jedenfalls an kleinen Anzeichen eine große Störung, hegt den Verdacht, dass dieser Junge geschlagen wird, und meldet die Sache auch. Das Nebenprodukt ist die Romanze mit einem netten jungen Mann vom Jugendamt, der ihren Humor sofort versteht und auch schätzt.

Das freilich geht nicht jedem so. Auch wenn man als Zuschauer mitgerissen wird von der fulminanten - und von der Berlinale-Preisträgerin Sally Hawkins auch fulminant vermittelten! - Fröhlichkeit dieser Frau: im richtigen Leben wäre einem Poppy mit ihrer nie nachlassenden guten Laune wohl doch zu anstrengend. Und auch im Film lässt der Regisseur Figuren auftreten, die sich mit ganz anderen Programmen durchs Leben schlagen. Selbst Poppys Wohnungskollegin kann ja nicht alles ganz so leichtnehmen, und die in Ehe- , Mutter- und Bürgerpflichten gefangene Schwester zweifelt sogar aggressiv an Poppys Glück, unterstellt ihr, letztlich auch ein Baby zu wollen, was mit der Antwort "Danke, ich hatte gerade ein Kebab" quittiert wird. Und dann erst Poppys Flamencolehrerin (Karina Fernandez): der dient jeder trotzig aufstampfende Schritt der weiblichen Selbstbehauptung ("Das ist mein Platz!"), und wenn sie sich beim Vortanzen in Leidenschaft und Eifersucht hineinsteigert, brechen aus ihr offensichtlich biografische Erfahrungen hervor - Tränen inklusive.

Verwirrende Lebensläufe

Als Poppys wahrer Antagonist aber erweist sich ihr Fahrlehrer Scott (Eddie Marsan), ein einsam-verbitterter Mann, dessen rigide Regeln und Anweisungen bei seiner plapprigen Schülerin zu kichernden Nachfragen führen oder gleich zu Gelächter. Für den überall Verschwörungen witternden Scott, der alles ernst und schwer nehmen muss, wird Poppy schließlich zur Obsession, er sieht in ihr den Teufel am Werk, er wirft ihr am Ende in einem großen Zornesausbruch vor, mit ihrem falschen Lebensentwurf die Menschen zu verwirren. Ob Scott nicht ein bisschen recht habe, wurde Mike Leigh mal gefragt. Nein, hat er geantwortet. Und doch zeigt der Film, vielleicht sogar gegen die Intention seines Regisseurs, ein gewisses Verständnis für diesen Scott, den das Leben anders geprägt hat als Poppy, besser: den wohl ein anderes Leben geprägt hat.

Und dann muss noch von einer fast spukhaften Sequenz erzählt werden, die an Leighs dunkel-nihilistisches Kinostück "Naked" von 1993 erinnert. Eines nachts findet sich Poppy in industriellem Brachland wieder und stößt in dieser Ruinenlandschaft auf einen verwirrten Obdachlosen. Vieles könnte nun passieren, fast alles davon wäre schrecklich. Aber Poppy geht mit dem manisch vor sich hinbrabbelnden Mann so furchtlos um wie Rotkäppchen und so sanft wie Schneewittchen. So wird also auch aus der Welt von "Naked" eine Poppy-Welt, ja, man könnte sogar sagen, dass der unerschütterliche Optimismus der Heldin das Leben zum Märchen macht. Nein, dieser Satz ist nicht gegen "Happy-Go-Lucky" gerichtet. Es steckt in ihm einfach der Wunsch, an so eine unbeschwerte Poppy-Welt glauben zu können.
 
Mehr StZ Filmkritiken

Alle Artikel anzeigen
Anzeigen

Was möchten Sie unternehmen?
Wann möchten Sie etwas unternehmen?
vorheriger Monat
Monat
kommender Monat
Heute Morgen Akt. Woche
MODIMIDOFRSASO
0123456
0123456
0123456
0123456
0123456
0123456
Aktuelle Videos


Sie suchen eine neues Zuhause?

Wir haben Sie alle! Mieten oder kaufen, Wohnung oder Haus. In Baden-Württembergs bedeutendstem Immobilienmarkt finden Sie Angebote aus Stuttgart, der Region und dem Rest der Republik.
zur Immobiliensuche
StZ digital
Lesen Sie sich die Druckausgaben digital im Originallayout mit allen Bildern durch.
Für Abonnenten

Für Käufer
Hier können sie sich über Preise informieren, Abos abschließen oder Einzelexemplare kaufen.
Trailer oder Video auf filmstarts.de