Historiker Mommsen

"Adolf, schreib einfach deine Memoiren"

Fragen von Marcus Sander, veröffentlicht am 04.07.2008
Foto: Ullstein

Stuttgart - Adolf Hitlers "Mein Kampf" ist seit Kriegsende verboten, jetzt streiten Historiker darüber, ob das Buch veröffentlicht werden soll. Hans Mommsen, einer der profiliertesten Kenner des Dritten Reiches, erklärt im Gespräch mit Marcus Sander, weshalb das Verbot überflüssig ist.


  Von Fragen von Marcus Sander

 
Herr Mommsen, wann haben Sie zum ersten Mal "Mein Kampf" gelesen?

Das war ungefähr 1950, in der Zeit des Abiturs, da habe ich mir dieses Machwerk mal angesehen. Erst 1960, als ich zum Münchner Institut für Zeitgeschichte kam, habe ich mich intensiver damit beschäftigt.

Kann man "Mein Kampf" wie ein normales Buch lesen?

Das ist völlig ausgeschlossen. Das Deutsch ist schlecht, man blättert darin nur herum. Dass man dieses Buch systematisch von vorne bis hinten liest, kommt praktisch nicht vor. Leute, die anderes behaupten, lügen meist.

Das Buch wurde im Dritten Reich zu Hochzeiten verschenkt. Wie groß war der Einfluss auf Ihre Generation?

Er war nicht sehr hoch. "Mein Kampf" hat keine spezifische Wirkung auf die Bürger entfaltet. Goebbels hat zwar versichert, das Buch gelesen zu haben, hat es aber in seinen Schriften nirgends zitiert. Und das galt für die führenden Ideologen ebenso. Die hohen Nazis hielten es für politisch bedeutungslos.

Wer hat von dem Buch profitiert?

Hitler. Er hat die Tantiemen bekommen. Es waren beträchtliche Summen.

Ist es nicht absurd, dass Hitlers Werk immer noch verboten ist?

Ja, natürlich. Es gibt überhaupt keinen Grund mehr, dass dieses Verbot von "Mein Kampf" aufrechterhalten wird. Für dieses Buch war niemals jemand richtig anfällig. Sein propagandistischer Wert ist überschätzt worden.

Warum ist es heute eigentlich verboten, "Mein Kampf" zu drucken?

Die Urheberrechte liegen beim Freistaat Bayern und enden im Jahr 2015. Bayern beruft sich bei dem Verbot auf eine Entscheidung der Spruchkammer des Landgerichts München I vom 15. Oktober 1948. Das Land geht davon aus, dass eine Neuveröffentlichung von "Mein Kampf" das Ansehen der Bundesrepublik im Ausland schädigen könnte.

Lala Süsskind von der Jüdischen Gemeinde in Berlin hat sich jüngst für eine kommentierte Ausgabe ausgesprochen. Sie fordern das seit langem. Warum?

Ich halte es für wünschenswert, dass es eine Ausgabe gibt, die wissenschaftlich benutzt werden kann. Ich weiß, dass es außerordentlich mühsam wäre, diese zu erstellen, denn sie müsste sich durch eine beinahe unendliche Menge von Fußnoten auszeichnen. Ich denke, dass der Zeitpunkt dafür fast schon überschritten ist, auch weil sich von den jüngeren Historikern - es sei denn für viel Geld - niemand breitschlagen lassen würde, diese unendlich schlechten Texte zu edieren.

Gibt es ein Originalmanuskript?

Nein. Es gibt kein Urmanuskript. Das ist alles verloren. Man kann nur versuchen, die Änderungen zwischen den Auflagen zu dokumentieren und welche Leute an welchen Stellen mitgemacht haben. Es wäre sinnvoll, eine Edition vorzulegen, die Informationen auch über die Wirkungsgeschichte des Textes bringt. Der Wert einer solchen Edition wäre, dass der Text in seiner inneren Inkonsistenz aufgeschlüsselt würde.

Welchen Erkenntniswert könnte eine kommentierte Ausgabe für den einfachen Bürger bringen?

Der einfache Bürger hat davon gar nichts. Der wird das Interesse verlieren, weil der Text so miserabel ist. Die Texte von "Mein Kampf" sind etwas besser als die Reden mit den Bandwurmsätzen; sie sind durch viele Hände gegangen. Die Redakteure haben das Allerschlimmste rausredigiert.

Wer hat die Texte noch bearbeitet?

Das wissen wir alles nicht. Sie müssen sich das so vorstellen: Hitler sitzt in Landsberg, im Gefängnis, und redet zu seinen Genossen. Und denen geht er auf die Nerven. Dann sagt jemand: "Adolf, schreib doch mal ein Buch, schreib deine Memoiren." Dann hat Hitler Rudolf Heß und den anderen das Ganze diktiert.

Wer soll bei der kommentierten Ausgabe mitwirken? Die Jüdische Gemeinde Berlin hat sich selbst schon ins Spiel gebracht und gesagt, dass sie gern mitwirken will.

Was hat die Jüdische Gemeinde damit zu tun? Die kommt dafür nicht infrage. Ein solches Projekt gehört in die Hände der Wissenschaft. Das Institut für Zeitgeschichte wäre dafür ideal.

Das Verbot ist das eine, die Praxis das andere. Wo kann man das Buch heute noch kaufen?

Zum Beispiel im Ausland. Es gibt keine systematische Kontrolle. Um es klar zu sagen: wenn ich mein Exemplar in einem Antiquariat verkaufen möchte, ist das kein Problem. Nur der systematische Vertrieb wäre verboten, da würde Vater Staat sofort einschreiten.

Spielt das Buch heute noch in rechtsextremen Kreisen eine Rolle, oder hat sich die Szene neue Führer gesucht?

Selbst die neuen Nazis sind nicht so blöd, dass sie sich auf "Mein Kampf" beziehen. Das Buch hat Hitlers Propagandisten schon in den dreißiger Jahren gelangweilt. Es eignet sich nicht für praktische Politik. Auch für Wissenschaftler ist der Erkenntnisgewinn begrenzt.

Inwiefern?

"Mein Kampf" ist in den zwanziger Jahren verfasst, und vieles war schon 1933 veraltet. Das Buch hilft Ihnen zum Verständnis bestimmter Schlüsselfragen heute nicht weiter. Zwar hat Hitler explizit geschrieben, dass er die Juden entfernen will, aber natürlich findet sich in "Mein Kampf" keine Antwort darauf, warum Deutsche beim Holocaust mitgemacht haben. Nebenbei bemerkt: mich stört, dass jüngere Historiker heute so tun, als wären alle Deutschen am Holocaust beteiligt gewesen oder hätten von den Massenmorden gewusst. Das ist Unsinn. Es gab rund 40.000 aktive Beteiligte. Die Mehrheit der Bevölkerung nahm zwar die Deportationen der deutschen Juden wahr, besaß aber keine verlässliche Kenntnis vom Holocaust.

Hat Ihr Interesse an Hitlers Person im Laufe der Zeit eher zu- oder abgenommen?

Ich habe immer die Auffassung vertreten, dass es nötig ist, die Geschichte des Nationalsozialismus zu interpretieren, ohne alle entscheidenden Schritte auf Adolf Hitler selbst zurückzuführen, sondern Hitler vielmehr zu interpretieren als Resultat der Verhältnisse. Ich habe von Hitler als schwachem Diktator gesprochen, da hagelte es wütende Proteste. Dass Hitler eine mediokre Persönlichkeit war und dass sie einem Mann gefolgt sind, dessen Mediokrität sie hätten erkennen können, das hören die Deutschen nicht gern. Das eigentliche Problem ist doch, wie ein Mann von so zweifelhaftem Intellekt eine solche weltpolitische Rolle spielen konnte.

Befürchten Sie, dass das Interesse der Deutschen in den nächsten Jahrzehnten am Dritten Reich stark nachlassen wird?

Es ist bedauerlich, dass es in der Bundeshauptstadt keinen einzigen Lehrstuhl mehr gibt, der sich explizit mit der Geschichte des Dritten Reiches befasst. Diese Umschichtung zugunsten anderer Gebiete geht mir zu weit. Aber natürlich wäre es ganz unsinnig, den Prozess der Historisierung des Nationalsozialismus künstlich aufhalten zu wollen. Es ist evident, dass die NS-Zeit auch künftig eine zentrale Bedeutung für Europa und die Welt behalten wird. Von daher bedarf es auch keiner Schutzmaßnahmen, etwa ein Verbot von "Mein Kampf". Und ebenso ist es Unsinn, Menschen, die nach Deutschland einwandern wollen, eine Kenntnis über Hitler abzuverlangen, die auch die deutschen Normalbürger nicht haben.


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Foto: dpa

Kurzportrait: Hans Mommsen

Hans Mommsen ist einer der renommiertesten Historiker Deutschlands. Er wurde 1930 in Marburg geboren und kommt aus einer berühmten Gelehrtenfamilie. Sein Urgroßvater war der Althistoriker Theodor Mommsen, der 1902 der erste deutsche Literaturnobelpreisträger war. Auch sein Vater Wilhelm Mommsen und sein (im Jahr 2004 gestorbener) Zwillingsbruder Wolfgang J. Mommsen, ein herausragender Kenner des Deutschen Kaiserreichs, waren bedeutende Historiker.

1951 begann Hans Mommsen sein Studium der Germanistik, Geschichte und Philosophie. Er war von 1968 bis zu seiner Emeritierung Professor für Neuere Geschichte an der Ruhr-Universität Bochum. Von 1977 bis 1985 war er Direktor des von ihm mit gegründeten Instituts zur Geschichte der Arbeiterbewegung. Hans Mommsen mischt sich intensiv in aktuelle gesellschaftliche Debatten ein. So nahm er den Nobelpreisträger Günter Grass gegen den Vorwurf in Schutz, er habe seine Vergangenheit beschönigt.
 

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