Diätpillen
"Hungerbremsen" mit gefährlichen Nebenwirkungen
Tanja Volz, veröffentlicht am 07.07.2008
Stuttgart - Davon träumen viele Menschen: man schluckt eine Pille, und die Pfunde schmelzen ohne Diät und Bewegung. Immer wieder werden solche Wunderpillen versprochen, doch Wissenschaftler winken ab: Die medikamentöse Hungerbremse ohne Nebenwirkungen gibt es nicht.
Von Tanja Volz
Für die Buschmänner der Wüste Kalahari in Südafrika ist ein kleiner grüner "Kaktus" lebenswichtig: Bei Husten, Grippe, Magen-Darm-Beschwerden und vor allem quälendem Hunger schwören sie auf ihre Wunderpflanze mit dem Namen Hoodia gordonii. In ihrer lebensfeindlichen Umgebung mussten die Buschmänner oft tagelang Hunger leiden. Die Legenden erzählen, dass sie oft weite Strecken zurücklegen mussten, um an Nahrung zu kommen. Trotz ihres Hungers hätten sie auf ihren langen Jagdausflügen das Wild nicht selbst gegessen, sondern in tagelangen Märschen in ihr Dorf zurückgetragen. Geholfen habe ihnen dabei Hoodia.
Das Internetgeschäft mit Hoodia-Kapseln läuft gut
Mittlerweile hat man auch in den Industrieländern die Wunderpille entdeckt - nicht um Hungerphasen zu überwinden, sondern um den überflüssigen Pfunden zu Leibe zu rücken. "Obwohl es zu diesen Hoodia-Kapseln keine kontrollierten wissenschaftlichen Studien gibt, läuft das Internetgeschäft gut", erklärte Reinhard Imoberdorf vom Schweizer Kantonsspital Winterthur beim Workshop "Des Heißhungers Zähmung", der von der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich und dem Institut Danone veranstaltet wurde. Möglicherweise sei jedoch die Beliebtheit dieser Kapseln nicht nur auf die Bremswirkung des Appetits als vielmehr auf die angeblich aphrodisierende Wirkung zurückzuführen. Pharmakologisch habe man die appetitzügelnde Wirkung der kaktusähnlichen Pflanze nicht weiterverfolgt.
Seit vielen Jahren gibt es immer wieder neue Appetitzügler auf dem Markt, von denen die meisten inzwischen wieder verschwunden sind. Bereits Ende der sechziger Jahre war ein markanter Anstieg der Zahl von Patienten mit Bluthochdruck der Lungenarterien zu beobachten. Diese Epidemie beschränkte sich auf die Schweiz, Österreich und Deutschland und konnte zeitlich in Verbindung gebracht werden mit der Vermarktung des neuen Appetitzüglers Aminorex. Schließlich gab es Todesfälle, das Medikament wurde vom Markt genommen. Auch Dexfenfluramin, ein weiterer Appetitzügler, wurde zurückgezogen, weil er mit Herzklappenfehler in Verbindung gebracht wurde.
Es fehlen fundierte Studien
Man könnte die Liste weiterführen. "Wenn man das Gewicht medizinisch regulieren möchte, dann muss man mit Kollateralschäden rechnen", meint der Schweizer Mediziner. Schließlich steuern die am Essen beteiligten Hormone und Botenstoffe nicht nur die Nahrungsaufnahme, sondern auch viele andere Vorgänge, wie etwa die Fortpflanzung, im Körper. Daher muss man bei "pharmakologischen Hungerbremsen" mit zahlreichen und schweren Nebenwirkungen rechnen. "Bisher gibt es keine wissenschaftlich fundierte Studie, die zeigt, dass mit Hilfe eines Medikaments Übergewicht bekämpft werden kann und der Patient am Ende dadurch gesünder wird", berichtete Imoberdorf. Schließlich sei Übergewicht nicht nur ein optisches Problem.
Adipöse Menschen müssen mit zahlreichen Folgeerkrankungen kämpfen: Das Risiko, einen Hirnschlag zu erleiden, steigt, mit verschiedenen Herz-Kreislauf-Erkrankungen ist zu rechnen. Meist leiden die Betroffenen auch an Stoffwechselerkrankungen wie etwa Diabetes. Bis heute fehlten Langzeitstudien, in denen diese Begleiterscheinungen mit Übergewicht und entsprechenden Medikamenten untersucht würden. Solche Studien werden derzeit durchgeführt, beispielsweise mit dem Mittel Rimonabant. Mit einem Ergebnis sei, so meint der Schweizer Mediziner, im nächsten Jahr zu rechnen.
Appetitzügler Rimonabant wirkt anders
Der Appetitzügler Rimonabant ist seit September 2006 zugelassen für die Behandlung von Fettleibigen von einem Körper-Masse-Index (BMI) von 30 an sowie für Übergewichtige mit einem BMI über 27, die wegen Diabetes oder hohen Blutfettwerten ein erhöhtes Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen haben. Dieses Mittel unterscheidet sich von früheren Schlankmachern im Wirkmechanismus. Rimonabant ist das erste Mittel einer neuen Medikamentenklasse, die auf das sogenannte Endocannabinoid-System wirkt und hier einen wichtigen Rezeptor, den CB1, blockiert. Dieses Endocannaboid-System wird durch körpereigene, Cannabis-ähnliche Botenstoffe gesteuert. Cannabis und damit auch die ähnlichen körpereigenen Stoffe machen glücklich, fröhlich und zufrieden, entspannen, lindern Schmerzen und regen den Appetit an - das wissen Forscher seit einigen Jahren, der kiffende Teil der Menschheit weiß das angeblich seit Jahrtausenden. Blockiert man dieses System, beispielsweise mit Rimonabant, kann man den Appetit unterdrücken. In einer Studie schafften es übergewichtige Patienten immerhin, acht Kilogramm innerhalb eines Jahres abzunehmen.
Allerdings zeigen nun Beobachtungen, lässt Rimonabant nicht nur die Pfunde purzeln, es soll zudem für ein erhöhtes Suizidrisiko sowie neurologische und psychische Störungen verantwortlich sein - bei einem Eingriff in das Endocannaboid-System sind diese Nebenwirkungen des Appetitzüglers nicht überraschend. In einer dänischen Studie beispielsweise brachen bis zu dreimal so viele Patienten, die Rimonabant schluckten, die Studie ab, im Vergleich zu den Übergewichtigen, die ein Scheinmedikament bekamen. Die Studienabbrecher klagten über depressive Verstimmungen und Angstzustände. Auch die US-amerikanische Arzneimittelbehörde FDA beobachtete ein erhöhtes Selbstmordrisiko. Daher rät nun die europäische Arzneimittelbehörde EMEA in London, diese Mittel nur Patienten zu verordnen, die als psychisch stabil eingestuft werden können. Menschen, die zu Depressionen neigen, wird von Rimonabant abgeraten. "Weniger Lust am Essen bringt manchmal aber auch weniger Lust am Leben", zitiert Imoberdorf aus einer Schweizer Fachpublikation.
Die ideale Pille, so die Meinung der Ernährungsexperten, gibt es derzeit noch nicht. Dieses Mittel müsste, so erklärte Imoberdorf, das Gewicht anhaltend reduzieren und vor allem auch die Folgeerkrankungen einer Adipositas verringern. Das Verhältnis zwischen Nutzen und Risiken sollte vorteilhaft sein - und damit sollten die Nebenwirkungen nicht zu stark sein. Zudem, so empfiehlt der Schweizer Mediziner, sollte das Mittel erschwinglich sein, da sich Übergewicht vor allem in den sozial schwachen Bevölkerungsschichten etabliere. Zudem müsse man ein hungerregulierendes Medikament dauerhaft einnehmen, denn beim Absetzen setzen sich die überflüssigen Pfunde sofort wieder auf den Hüften ab. Imoberdorf und seine Kollegen setzen daher auf Prävention: Man muss das Körpergewicht rechtzeitig in Griff bekommen.
Von Tanja Volz
Für die Buschmänner der Wüste Kalahari in Südafrika ist ein kleiner grüner "Kaktus" lebenswichtig: Bei Husten, Grippe, Magen-Darm-Beschwerden und vor allem quälendem Hunger schwören sie auf ihre Wunderpflanze mit dem Namen Hoodia gordonii. In ihrer lebensfeindlichen Umgebung mussten die Buschmänner oft tagelang Hunger leiden. Die Legenden erzählen, dass sie oft weite Strecken zurücklegen mussten, um an Nahrung zu kommen. Trotz ihres Hungers hätten sie auf ihren langen Jagdausflügen das Wild nicht selbst gegessen, sondern in tagelangen Märschen in ihr Dorf zurückgetragen. Geholfen habe ihnen dabei Hoodia.
Das Internetgeschäft mit Hoodia-Kapseln läuft gut
Mittlerweile hat man auch in den Industrieländern die Wunderpille entdeckt - nicht um Hungerphasen zu überwinden, sondern um den überflüssigen Pfunden zu Leibe zu rücken. "Obwohl es zu diesen Hoodia-Kapseln keine kontrollierten wissenschaftlichen Studien gibt, läuft das Internetgeschäft gut", erklärte Reinhard Imoberdorf vom Schweizer Kantonsspital Winterthur beim Workshop "Des Heißhungers Zähmung", der von der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich und dem Institut Danone veranstaltet wurde. Möglicherweise sei jedoch die Beliebtheit dieser Kapseln nicht nur auf die Bremswirkung des Appetits als vielmehr auf die angeblich aphrodisierende Wirkung zurückzuführen. Pharmakologisch habe man die appetitzügelnde Wirkung der kaktusähnlichen Pflanze nicht weiterverfolgt.
Seit vielen Jahren gibt es immer wieder neue Appetitzügler auf dem Markt, von denen die meisten inzwischen wieder verschwunden sind. Bereits Ende der sechziger Jahre war ein markanter Anstieg der Zahl von Patienten mit Bluthochdruck der Lungenarterien zu beobachten. Diese Epidemie beschränkte sich auf die Schweiz, Österreich und Deutschland und konnte zeitlich in Verbindung gebracht werden mit der Vermarktung des neuen Appetitzüglers Aminorex. Schließlich gab es Todesfälle, das Medikament wurde vom Markt genommen. Auch Dexfenfluramin, ein weiterer Appetitzügler, wurde zurückgezogen, weil er mit Herzklappenfehler in Verbindung gebracht wurde.
Es fehlen fundierte Studien
Man könnte die Liste weiterführen. "Wenn man das Gewicht medizinisch regulieren möchte, dann muss man mit Kollateralschäden rechnen", meint der Schweizer Mediziner. Schließlich steuern die am Essen beteiligten Hormone und Botenstoffe nicht nur die Nahrungsaufnahme, sondern auch viele andere Vorgänge, wie etwa die Fortpflanzung, im Körper. Daher muss man bei "pharmakologischen Hungerbremsen" mit zahlreichen und schweren Nebenwirkungen rechnen. "Bisher gibt es keine wissenschaftlich fundierte Studie, die zeigt, dass mit Hilfe eines Medikaments Übergewicht bekämpft werden kann und der Patient am Ende dadurch gesünder wird", berichtete Imoberdorf. Schließlich sei Übergewicht nicht nur ein optisches Problem.
Adipöse Menschen müssen mit zahlreichen Folgeerkrankungen kämpfen: Das Risiko, einen Hirnschlag zu erleiden, steigt, mit verschiedenen Herz-Kreislauf-Erkrankungen ist zu rechnen. Meist leiden die Betroffenen auch an Stoffwechselerkrankungen wie etwa Diabetes. Bis heute fehlten Langzeitstudien, in denen diese Begleiterscheinungen mit Übergewicht und entsprechenden Medikamenten untersucht würden. Solche Studien werden derzeit durchgeführt, beispielsweise mit dem Mittel Rimonabant. Mit einem Ergebnis sei, so meint der Schweizer Mediziner, im nächsten Jahr zu rechnen.
Appetitzügler Rimonabant wirkt anders
Der Appetitzügler Rimonabant ist seit September 2006 zugelassen für die Behandlung von Fettleibigen von einem Körper-Masse-Index (BMI) von 30 an sowie für Übergewichtige mit einem BMI über 27, die wegen Diabetes oder hohen Blutfettwerten ein erhöhtes Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen haben. Dieses Mittel unterscheidet sich von früheren Schlankmachern im Wirkmechanismus. Rimonabant ist das erste Mittel einer neuen Medikamentenklasse, die auf das sogenannte Endocannabinoid-System wirkt und hier einen wichtigen Rezeptor, den CB1, blockiert. Dieses Endocannaboid-System wird durch körpereigene, Cannabis-ähnliche Botenstoffe gesteuert. Cannabis und damit auch die ähnlichen körpereigenen Stoffe machen glücklich, fröhlich und zufrieden, entspannen, lindern Schmerzen und regen den Appetit an - das wissen Forscher seit einigen Jahren, der kiffende Teil der Menschheit weiß das angeblich seit Jahrtausenden. Blockiert man dieses System, beispielsweise mit Rimonabant, kann man den Appetit unterdrücken. In einer Studie schafften es übergewichtige Patienten immerhin, acht Kilogramm innerhalb eines Jahres abzunehmen.
Allerdings zeigen nun Beobachtungen, lässt Rimonabant nicht nur die Pfunde purzeln, es soll zudem für ein erhöhtes Suizidrisiko sowie neurologische und psychische Störungen verantwortlich sein - bei einem Eingriff in das Endocannaboid-System sind diese Nebenwirkungen des Appetitzüglers nicht überraschend. In einer dänischen Studie beispielsweise brachen bis zu dreimal so viele Patienten, die Rimonabant schluckten, die Studie ab, im Vergleich zu den Übergewichtigen, die ein Scheinmedikament bekamen. Die Studienabbrecher klagten über depressive Verstimmungen und Angstzustände. Auch die US-amerikanische Arzneimittelbehörde FDA beobachtete ein erhöhtes Selbstmordrisiko. Daher rät nun die europäische Arzneimittelbehörde EMEA in London, diese Mittel nur Patienten zu verordnen, die als psychisch stabil eingestuft werden können. Menschen, die zu Depressionen neigen, wird von Rimonabant abgeraten. "Weniger Lust am Essen bringt manchmal aber auch weniger Lust am Leben", zitiert Imoberdorf aus einer Schweizer Fachpublikation.
Die ideale Pille, so die Meinung der Ernährungsexperten, gibt es derzeit noch nicht. Dieses Mittel müsste, so erklärte Imoberdorf, das Gewicht anhaltend reduzieren und vor allem auch die Folgeerkrankungen einer Adipositas verringern. Das Verhältnis zwischen Nutzen und Risiken sollte vorteilhaft sein - und damit sollten die Nebenwirkungen nicht zu stark sein. Zudem, so empfiehlt der Schweizer Mediziner, sollte das Mittel erschwinglich sein, da sich Übergewicht vor allem in den sozial schwachen Bevölkerungsschichten etabliere. Zudem müsse man ein hungerregulierendes Medikament dauerhaft einnehmen, denn beim Absetzen setzen sich die überflüssigen Pfunde sofort wieder auf den Hüften ab. Imoberdorf und seine Kollegen setzen daher auf Prävention: Man muss das Körpergewicht rechtzeitig in Griff bekommen.
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