EnBW-Chef Hans-Peter Villis
"Preisanstieg mit Kernenergie weniger dramatisch"
Fragen von Joachim Dorfs, Michael Heller und Judith Weber , veröffentlicht am 11.07.2008
Stuttgart - Noch ist in Deutschland das Atomausstiegsgesetz in Kraft. Aber Stromkonzerne wie die Energie Baden-Württemberg (EnBW) hoffen auf den Ausstieg aus dem Ausstieg. Angesichts der weltweiten Nachfrage rechnet der EnBW-Chef Hans-Peter Villis mit weiter steigenden Strompreisen. Bei einer Nutzung der Kernenergie sei der Anstieg jedoch weniger dramatisch, sagte er im Gespräch mit der Stuttgarter Zeitung. Außerdem kündigte Villis an, die Übertragung von Reststrommengen des Kernkraftwerks Neckarwestheim II auf das Kraftwerk Neckarwestheim I gerichtlich zu erzwingen. Joachim Dorfs, Michael Heller und Judith Weber sprachen mit dem EnBW-Chef über die Strategie des Konzerns.
Herr Villis, eigentlich müssten bei Ihnen jetzt die Champagnerkorken knallen. Die Diskussion um den Ausstieg aus dem Atomausstieg ist voll entbrannt.
Das freut mich sehr, ist aber kein Grund zum Feiern. Positiv ist sicherlich, dass sich die tägliche Diskussion um die Kernenergie mittlerweile hin zu einer reinen Sachdebatte entwickelt hat - sieht man einmal von einigen politischen Schnellschüssen ab. Das Thema ist im wahrsten Sinne des Wortes en vogue.
Im Fall einer Laufzeitverlängerung könnten Sie mit steigenden Gewinnen rechnen. Wie hoch wären die Gewinne, die Sie aus den teilweise bereits abgeschriebenen Anlagen ziehen können?
Die Wirtschaftlichkeit von Kraftwerken hängt letztlich von der Entwicklung der Energiepreise und des Wettbewerbs ab. Deshalb kann ich dazu heute nichts sagen. Eine Rücknahme der Laufzeitverkürzung dämpft aber sicherlich die Preissteigerungen. Steigen wir aus der Kernenergie aus, steigen die Preise für Strom in den nächsten fünf bis sieben Jahren mindestens um 50 bis 60 Prozent. Lassen wir die Meiler länger laufen, steigen die Preise vielleicht nur um 25 bis 30 Prozent.
Eine Preissenkung können Sie nicht in Aussicht stellen?
Nein, angesichts der immensen weltweiten Nachfrage nach Energie gehe ich überhaupt nicht davon aus, dass die Preise sinken werden. Der Weltenergierat hat aufgezeigt, dass sich die Stromnachfrage bis 2030 weltweit etwa verdoppelt. Alles deutet darauf hin, dass die Energiepreise nach oben gehen - mit oder ohne Kernenergie. Mit der Kernenergie ist dieser Anstieg jedoch weniger dramatisch.
Was ist vor dem Hintergrund der Debatte über das Für und Wider von Kernenergie Ihr Angebot an die Politik?
Die meisten Ideen, die derzeit propagiert werden, halte ich für falsch. Einen Atomtarif lehne ich ebenso ab wie den Vorschlag der Kanzlerin, die Preise für Kunden politisch einzufrieren und politisch festzulegen. Das hätte nichts mit einem funktionierenden Markt zu tun. Damit würden wir letztlich nur dokumentieren, was uns immer wieder vorgeworfen wird: dass die Versorger den Preis und damit den Markt diktieren. Noch weniger Verständnis habe ich für den Vorschlag, den Ausstieg aus der Kernenergie ins Grundgesetz zu schreiben. Wir sollten das Grundgesetz nicht mit Details überfrachten. Ich bin absolut davon überzeugt, dass wir die Kernenergie brauchen. Unser Angebot an die Politik: bei einer Laufzeitverlängerung der Kernkraft werden wir wirtschaftliche Vorteile, die sich aus dieser Laufzeitverlängerung ergeben, in nennenswertem Umfang für die Energieforschung und für Investitionen in erneuerbare Energien nutzen.
Und für längere Laufzeiten Ihres Kernkraftwerks Neckarwestheim I kämpfen?
Wir setzen uns für die Laufzeitverlängerung von Neckarwestheim I wie für die Laufzeitverlängerung aller Kernkraftwerke ein. Denn Kernenergie ist sicher, wirtschaftlich und klimaschonend. Allerdings stehen einige unserer Kernkraftwerke bereits in einigen Jahren vor der Stilllegung. Bei der Konkurrenz kommt die Stilllegung erst später. Trotzdem wollen wir ein Signal setzen. Ich glaube allerdings nicht, dass Neckarwestheim I über ein Angebot an die Politik zu retten ist. Das wäre ja ein Präjudiz und letztendlich ein Hinwegsetzen über das Atomgesetz.
Das heißt, Sie geben sich geschlagen?
Auf keinen Fall. Aber losgelöst von der Laufzeitdebatte konzentrieren wir uns jetzt auf unseren Antrag zur Strommengenübertragung. Wir klagen jetzt vor dem Verwaltungsgericht Mannheim gegen den ablehnenden Bescheid des Bundesumweltministeriums. Dieser untersagt uns, Reststrommengen vom Kraftwerk Neckarwestheim II auf Neckarwestheim I zu übertragen. Das Bundeskanzleramt und das Bundeswirtschaftsministerium haben diese von uns gemäß Atomgesetz beantragte Reststromübertragung von 47 Terrawattstunden befürwortet, so dass sowohl Neckarwestheim I als auch II bis 2017 im Doppelblockbetrieb weiterlaufen könnten. Nur das Bundesumweltministerium hat das mit dem Hinweis auf Sicherheitsrisiken abgelehnt. Wir werden alles dafür tun, diese sachfremde und auch zum Teil willkürliche Begründung des Umweltministeriums juristisch prüfen zu lassen. Die Unterstützung vom Kanzleramt und Wirtschaftsministerium zeigen, dass die Ablehnung des Antrags auf Reststrommengenübertragung letztlich nur politisch motiviert und nicht Ergebnis einer objektiven Sachentscheidung ist.
Glauben Sie, dass die Politik künftig aufgeschlossener gegenüber der Atomkraft ist?
Die wirtschaftliche Diskussion und die zunehmende Bedeutung des Umweltschutzes verleihen der Debatte neuen Aufwind. Die ambitionierten Klimaziele der Bundesregierung sind ohne die Kernkraft kaum zu erreichen. Die Ausbaupläne der Politik für die Windkraft sind äußerst ambitioniert, Biosprit ist umstritten, ein Anteil der Kraft-Wärme-Kopplung von 25 Prozent an der Energieversorgung ist aus ordnungspolitischen Gründen nur schwer umsetzbar. Sie können den Bürger nicht gesetzlich dazu verpflichten, sich an Fernwärmenetze anzuschließen. Und genau das müssen Sie tun, wollen Sie die Ziele der Bundesregierung erreichen.
Das heißt, Kernenergie ist mehr als nur eine Übergangslösung?
Wenn wir die globalen Rahmenbedingungen betrachten, sehen wir ganz klar, dass wir Kernenergie im Energiemix in Deutschland und Europa brauchen. Wir werden in den nächsten zwanzig bis dreißig Jahren zwar kein neues Kernkraftwerk bauen, aber grundsätzlich zu sagen, wir brauchen die Energie nicht, wäre falsch. Es gibt zu wenig Alternativen, die die Grundlast an Energie decken können.
Warum wollen Sie dann keine neuen Kernkraftwerke bauen?
Die politischen Rahmenbedingungen lassen es nicht zu, in der Bevölkerung gibt es großen Widerstand. Ich glaube nicht, dass Deutschland bereit ist für eine Diskussion um den Neubau von Kernkraftwerken.
Wie lange sollte man die Laufzeiten der Kernkraftwerke verlängern?
Das ist eine technische Frage. Im Ausstiegsbeschluss wurde eine Restlaufzeit von rechnerisch 32 Jahren festgeschrieben. Aber meiner Meinung nach könnten sie insgesamt gut 60 Jahre laufen. So hat beispielsweise die Internationale Atomenergiebehörde nach der Prüfung unseres Kernkraftwerks Neckarwestheim festgestellt, dass die Anlage sehr gut ist und technisch gut weitere 30 Jahre betrieben werden könnte. Um trotz des politisch noch gewollten Ausstiegs aus der Kernkraft den Anschluss an die Entwicklungen in der Technologie nicht zu verlieren, pflegen wir übrigens den intensiven Wissensaustausch mit unserem Partner Electricité de France (EdF).
Wenn Sie sich so für die Kernenergie begeistern, haben Sie denn dann auch eine Lösung für das Atommüllproblem?
Es ist im Atomgesetz klar vorgeschrieben, wer für ein Endlager zu sorgen hat: das ist die Bundesrepublik Deutschland. Das letzte Argument gegen die Kernkraft ist immer, dass wir keine Endlagermöglichkeit hätten. Dabei bestätigen Gutachter, dass nach heutigem Kenntnisstand Gorleben als Endlager geeignet ist - übrigens auch Schacht Konrad für mittel bis schwach radioaktive Abfälle. Man hat gelegentlich den Eindruck, dass manche Politiker die Endlagerfrage deshalb nicht entscheiden, weil sie das Problem und nicht die mögliche Lösung wollen.
Die EnBW will den Anteil regenerativer Energien bis 2020 von 11,4 auf 20 Prozent erhöhen. Wie wollen Sie das erreichen?
Wir werden vor allem in Windparks investieren, die auf dem offenen Meer Energie erzeugen. Aber wir haben und werden auch andere Investitionen tätigen, beispielsweise in Wasserkraft. Auch in der Türkei wollen wir in Wasserkraft investieren. Für den Neubau des Wasserkraftwerks in Rheinfelden werden wir rund 400 Millionen Euro in die Hand nehmen. Und wir sind neugierig auf Geothermie, auch bei Wärmepumpe und Solarthermie sind wir aktiv. Das alles zusammen wird - so ist unsere Prognose - im Jahr 2020 zu einem Anteil von 20 Prozent führen. Allerdings ist das alles mit einem immensen Investitionsaufwand verbunden. Zum Vergleich: wir investieren drei Milliarden Euro für etwa 1200 Megawatt in Windkraftanlagen und eine Milliarde Euro für rund 900 Megawatt im Karlsruher Kohlekraftwerk. Außerdem können die Windkraftanlagen erheblich seltener Strom erzeugen als Kohlekraftwerke. Der Wind weht nicht immer.
Das klingt ja nicht so überzeugend. Warum investieren Sie dann in Windkraft?
Wir stehen in der Verantwortung, und wir wollen mithelfen, die erneuerbaren Energien auszubauen. Wir wollen dokumentieren, dass wir sowohl in fossile als auch in regenerative Energien investieren. Denn nicht nur die regenerativen Energien werden wichtiger, auch die Kohle erlebt eine Renaissance. Grundlastfähiger Strom kommt nur aus Kohle, das will nur keiner hören. Bei den regenerativen Energien gibt es bei Windkraftanlagen auf dem offenen Meer in einem überschaubaren Zeitpunkt eine garantierte Verzinsung. Außerdem lassen sich dort relativ schnell signifikante Größenordnungen erreichen. Deshalb haben wir uns bei den erneuerbaren Energien primär für Windkraft entschieden.
Wie steht es um Ihre Kohleprojekte?
Wir werden am Jahresende so weit sein, über den Bau eines Kohlekraftwerks in Stade entscheiden zu können, was wir gemeinsam mit dem Dow-Konzern betreiben wollen. Und wir suchen nach weiteren Standorten für Kraftwerke. Welche das sind, kann ich noch nicht sagen. Aber in Germersheim führen wir derzeit ganz grundsätzlich eine allgemeine Standortuntersuchung durch.
Die Bürger wollen Ihr Kraftwerk nicht.
Im Zweifel halten wir dort den Widerstand aus, den uns die Bevölkerung entgegensetzt. Wir stehen zur Kernenergie, zur Kohle und zu den erneuerbaren Energien. Man kann nicht beim ersten Widerstand Deutschland sofort den Rücken kehren. Mich ärgert die eine oder andere Reaktion unserer Konkurrenten, weil das wiederum Auswirkungen auf uns hat. Wenn die RWE im Saarland kein Kraftwerk baut, ist das ihre Sache. Aber wenn der Bund für Umwelt und Naturschutz dann daraus ableitet, dass mit Druck nun überall Kraftwerksprojekte verhindert werden sollen, ist das ein schlimmes Signal.
Haben Sie nicht bis jetzt zu wenig zur Förderung alternativer Energien getan?
Ich könnte sagen, ich bin erst seit neun Monaten im Amt und habe die ersten Monate genutzt, um eine Strategie zu entwickeln. Wir haben eine Strategie, die im Wesentlichen Investitionen in Deutschland vorsieht. Aufgrund der Laufzeiten unserer Kraftwerke müssen wir Ersatzinvestitionen tätigen - in erneuerbare Energien, aber auch in Kohle, in unser Geschäftsfeld Gas und in Netze.
Ein Verkauf der Netze kommt für Sie also nicht in Betracht?
Über die Netze sind wir mit unseren Kunden verbunden. Den Vorschlag, das Netz an Infrastrukturfonds zu verkaufen, unterstütze ich nicht. Mir kann keiner glaubhaft erzählen, dass Investoren sich nachhaltig um die Netze kümmern. Die wollen Geld verdienen. Wir auch, aber wir betrachten die ganze Wertschöpfungskette vom Kraftwerk bis zum Kunden. Eine Netz-AG, die jetzt ins Spiel gebracht wurde, kommt für uns nicht infrage.
Was treibt Eon dann zum Netzverkauf?
Letztendlich dient diese Entscheidung wohl auch dazu, dass sie kein Kartellverfahren bekommen. Ich will die Entscheidung dort nicht kritisieren, doch das war ein fatales industriepolitisches Signal.
Herr Villis, eigentlich müssten bei Ihnen jetzt die Champagnerkorken knallen. Die Diskussion um den Ausstieg aus dem Atomausstieg ist voll entbrannt.
Das freut mich sehr, ist aber kein Grund zum Feiern. Positiv ist sicherlich, dass sich die tägliche Diskussion um die Kernenergie mittlerweile hin zu einer reinen Sachdebatte entwickelt hat - sieht man einmal von einigen politischen Schnellschüssen ab. Das Thema ist im wahrsten Sinne des Wortes en vogue.
Im Fall einer Laufzeitverlängerung könnten Sie mit steigenden Gewinnen rechnen. Wie hoch wären die Gewinne, die Sie aus den teilweise bereits abgeschriebenen Anlagen ziehen können?
Die Wirtschaftlichkeit von Kraftwerken hängt letztlich von der Entwicklung der Energiepreise und des Wettbewerbs ab. Deshalb kann ich dazu heute nichts sagen. Eine Rücknahme der Laufzeitverkürzung dämpft aber sicherlich die Preissteigerungen. Steigen wir aus der Kernenergie aus, steigen die Preise für Strom in den nächsten fünf bis sieben Jahren mindestens um 50 bis 60 Prozent. Lassen wir die Meiler länger laufen, steigen die Preise vielleicht nur um 25 bis 30 Prozent.
Eine Preissenkung können Sie nicht in Aussicht stellen?
Nein, angesichts der immensen weltweiten Nachfrage nach Energie gehe ich überhaupt nicht davon aus, dass die Preise sinken werden. Der Weltenergierat hat aufgezeigt, dass sich die Stromnachfrage bis 2030 weltweit etwa verdoppelt. Alles deutet darauf hin, dass die Energiepreise nach oben gehen - mit oder ohne Kernenergie. Mit der Kernenergie ist dieser Anstieg jedoch weniger dramatisch.
Was ist vor dem Hintergrund der Debatte über das Für und Wider von Kernenergie Ihr Angebot an die Politik?
Die meisten Ideen, die derzeit propagiert werden, halte ich für falsch. Einen Atomtarif lehne ich ebenso ab wie den Vorschlag der Kanzlerin, die Preise für Kunden politisch einzufrieren und politisch festzulegen. Das hätte nichts mit einem funktionierenden Markt zu tun. Damit würden wir letztlich nur dokumentieren, was uns immer wieder vorgeworfen wird: dass die Versorger den Preis und damit den Markt diktieren. Noch weniger Verständnis habe ich für den Vorschlag, den Ausstieg aus der Kernenergie ins Grundgesetz zu schreiben. Wir sollten das Grundgesetz nicht mit Details überfrachten. Ich bin absolut davon überzeugt, dass wir die Kernenergie brauchen. Unser Angebot an die Politik: bei einer Laufzeitverlängerung der Kernkraft werden wir wirtschaftliche Vorteile, die sich aus dieser Laufzeitverlängerung ergeben, in nennenswertem Umfang für die Energieforschung und für Investitionen in erneuerbare Energien nutzen.
Und für längere Laufzeiten Ihres Kernkraftwerks Neckarwestheim I kämpfen?
Wir setzen uns für die Laufzeitverlängerung von Neckarwestheim I wie für die Laufzeitverlängerung aller Kernkraftwerke ein. Denn Kernenergie ist sicher, wirtschaftlich und klimaschonend. Allerdings stehen einige unserer Kernkraftwerke bereits in einigen Jahren vor der Stilllegung. Bei der Konkurrenz kommt die Stilllegung erst später. Trotzdem wollen wir ein Signal setzen. Ich glaube allerdings nicht, dass Neckarwestheim I über ein Angebot an die Politik zu retten ist. Das wäre ja ein Präjudiz und letztendlich ein Hinwegsetzen über das Atomgesetz.
Das heißt, Sie geben sich geschlagen?
Auf keinen Fall. Aber losgelöst von der Laufzeitdebatte konzentrieren wir uns jetzt auf unseren Antrag zur Strommengenübertragung. Wir klagen jetzt vor dem Verwaltungsgericht Mannheim gegen den ablehnenden Bescheid des Bundesumweltministeriums. Dieser untersagt uns, Reststrommengen vom Kraftwerk Neckarwestheim II auf Neckarwestheim I zu übertragen. Das Bundeskanzleramt und das Bundeswirtschaftsministerium haben diese von uns gemäß Atomgesetz beantragte Reststromübertragung von 47 Terrawattstunden befürwortet, so dass sowohl Neckarwestheim I als auch II bis 2017 im Doppelblockbetrieb weiterlaufen könnten. Nur das Bundesumweltministerium hat das mit dem Hinweis auf Sicherheitsrisiken abgelehnt. Wir werden alles dafür tun, diese sachfremde und auch zum Teil willkürliche Begründung des Umweltministeriums juristisch prüfen zu lassen. Die Unterstützung vom Kanzleramt und Wirtschaftsministerium zeigen, dass die Ablehnung des Antrags auf Reststrommengenübertragung letztlich nur politisch motiviert und nicht Ergebnis einer objektiven Sachentscheidung ist.
Glauben Sie, dass die Politik künftig aufgeschlossener gegenüber der Atomkraft ist?
Die wirtschaftliche Diskussion und die zunehmende Bedeutung des Umweltschutzes verleihen der Debatte neuen Aufwind. Die ambitionierten Klimaziele der Bundesregierung sind ohne die Kernkraft kaum zu erreichen. Die Ausbaupläne der Politik für die Windkraft sind äußerst ambitioniert, Biosprit ist umstritten, ein Anteil der Kraft-Wärme-Kopplung von 25 Prozent an der Energieversorgung ist aus ordnungspolitischen Gründen nur schwer umsetzbar. Sie können den Bürger nicht gesetzlich dazu verpflichten, sich an Fernwärmenetze anzuschließen. Und genau das müssen Sie tun, wollen Sie die Ziele der Bundesregierung erreichen.
Das heißt, Kernenergie ist mehr als nur eine Übergangslösung?
Wenn wir die globalen Rahmenbedingungen betrachten, sehen wir ganz klar, dass wir Kernenergie im Energiemix in Deutschland und Europa brauchen. Wir werden in den nächsten zwanzig bis dreißig Jahren zwar kein neues Kernkraftwerk bauen, aber grundsätzlich zu sagen, wir brauchen die Energie nicht, wäre falsch. Es gibt zu wenig Alternativen, die die Grundlast an Energie decken können.
Warum wollen Sie dann keine neuen Kernkraftwerke bauen?
Die politischen Rahmenbedingungen lassen es nicht zu, in der Bevölkerung gibt es großen Widerstand. Ich glaube nicht, dass Deutschland bereit ist für eine Diskussion um den Neubau von Kernkraftwerken.
Wie lange sollte man die Laufzeiten der Kernkraftwerke verlängern?
Das ist eine technische Frage. Im Ausstiegsbeschluss wurde eine Restlaufzeit von rechnerisch 32 Jahren festgeschrieben. Aber meiner Meinung nach könnten sie insgesamt gut 60 Jahre laufen. So hat beispielsweise die Internationale Atomenergiebehörde nach der Prüfung unseres Kernkraftwerks Neckarwestheim festgestellt, dass die Anlage sehr gut ist und technisch gut weitere 30 Jahre betrieben werden könnte. Um trotz des politisch noch gewollten Ausstiegs aus der Kernkraft den Anschluss an die Entwicklungen in der Technologie nicht zu verlieren, pflegen wir übrigens den intensiven Wissensaustausch mit unserem Partner Electricité de France (EdF).
Wenn Sie sich so für die Kernenergie begeistern, haben Sie denn dann auch eine Lösung für das Atommüllproblem?
Es ist im Atomgesetz klar vorgeschrieben, wer für ein Endlager zu sorgen hat: das ist die Bundesrepublik Deutschland. Das letzte Argument gegen die Kernkraft ist immer, dass wir keine Endlagermöglichkeit hätten. Dabei bestätigen Gutachter, dass nach heutigem Kenntnisstand Gorleben als Endlager geeignet ist - übrigens auch Schacht Konrad für mittel bis schwach radioaktive Abfälle. Man hat gelegentlich den Eindruck, dass manche Politiker die Endlagerfrage deshalb nicht entscheiden, weil sie das Problem und nicht die mögliche Lösung wollen.
Die EnBW will den Anteil regenerativer Energien bis 2020 von 11,4 auf 20 Prozent erhöhen. Wie wollen Sie das erreichen?
Wir werden vor allem in Windparks investieren, die auf dem offenen Meer Energie erzeugen. Aber wir haben und werden auch andere Investitionen tätigen, beispielsweise in Wasserkraft. Auch in der Türkei wollen wir in Wasserkraft investieren. Für den Neubau des Wasserkraftwerks in Rheinfelden werden wir rund 400 Millionen Euro in die Hand nehmen. Und wir sind neugierig auf Geothermie, auch bei Wärmepumpe und Solarthermie sind wir aktiv. Das alles zusammen wird - so ist unsere Prognose - im Jahr 2020 zu einem Anteil von 20 Prozent führen. Allerdings ist das alles mit einem immensen Investitionsaufwand verbunden. Zum Vergleich: wir investieren drei Milliarden Euro für etwa 1200 Megawatt in Windkraftanlagen und eine Milliarde Euro für rund 900 Megawatt im Karlsruher Kohlekraftwerk. Außerdem können die Windkraftanlagen erheblich seltener Strom erzeugen als Kohlekraftwerke. Der Wind weht nicht immer.
Das klingt ja nicht so überzeugend. Warum investieren Sie dann in Windkraft?
Wir stehen in der Verantwortung, und wir wollen mithelfen, die erneuerbaren Energien auszubauen. Wir wollen dokumentieren, dass wir sowohl in fossile als auch in regenerative Energien investieren. Denn nicht nur die regenerativen Energien werden wichtiger, auch die Kohle erlebt eine Renaissance. Grundlastfähiger Strom kommt nur aus Kohle, das will nur keiner hören. Bei den regenerativen Energien gibt es bei Windkraftanlagen auf dem offenen Meer in einem überschaubaren Zeitpunkt eine garantierte Verzinsung. Außerdem lassen sich dort relativ schnell signifikante Größenordnungen erreichen. Deshalb haben wir uns bei den erneuerbaren Energien primär für Windkraft entschieden.
Wie steht es um Ihre Kohleprojekte?
Wir werden am Jahresende so weit sein, über den Bau eines Kohlekraftwerks in Stade entscheiden zu können, was wir gemeinsam mit dem Dow-Konzern betreiben wollen. Und wir suchen nach weiteren Standorten für Kraftwerke. Welche das sind, kann ich noch nicht sagen. Aber in Germersheim führen wir derzeit ganz grundsätzlich eine allgemeine Standortuntersuchung durch.
Die Bürger wollen Ihr Kraftwerk nicht.
Im Zweifel halten wir dort den Widerstand aus, den uns die Bevölkerung entgegensetzt. Wir stehen zur Kernenergie, zur Kohle und zu den erneuerbaren Energien. Man kann nicht beim ersten Widerstand Deutschland sofort den Rücken kehren. Mich ärgert die eine oder andere Reaktion unserer Konkurrenten, weil das wiederum Auswirkungen auf uns hat. Wenn die RWE im Saarland kein Kraftwerk baut, ist das ihre Sache. Aber wenn der Bund für Umwelt und Naturschutz dann daraus ableitet, dass mit Druck nun überall Kraftwerksprojekte verhindert werden sollen, ist das ein schlimmes Signal.
Haben Sie nicht bis jetzt zu wenig zur Förderung alternativer Energien getan?
Ich könnte sagen, ich bin erst seit neun Monaten im Amt und habe die ersten Monate genutzt, um eine Strategie zu entwickeln. Wir haben eine Strategie, die im Wesentlichen Investitionen in Deutschland vorsieht. Aufgrund der Laufzeiten unserer Kraftwerke müssen wir Ersatzinvestitionen tätigen - in erneuerbare Energien, aber auch in Kohle, in unser Geschäftsfeld Gas und in Netze.
Ein Verkauf der Netze kommt für Sie also nicht in Betracht?
Über die Netze sind wir mit unseren Kunden verbunden. Den Vorschlag, das Netz an Infrastrukturfonds zu verkaufen, unterstütze ich nicht. Mir kann keiner glaubhaft erzählen, dass Investoren sich nachhaltig um die Netze kümmern. Die wollen Geld verdienen. Wir auch, aber wir betrachten die ganze Wertschöpfungskette vom Kraftwerk bis zum Kunden. Eine Netz-AG, die jetzt ins Spiel gebracht wurde, kommt für uns nicht infrage.
Was treibt Eon dann zum Netzverkauf?
Letztendlich dient diese Entscheidung wohl auch dazu, dass sie kein Kartellverfahren bekommen. Ich will die Entscheidung dort nicht kritisieren, doch das war ein fatales industriepolitisches Signal.
Anzeigen
Anzeige
Anzeige
Veranstaltungen
Finden Sie
Heute können Sie aus 458 Veranstaltungsterminen auswählen
StZ ePaper
Lesen Sie sich die Druckausgaben digital im Originallayout mit allen Bildern durch.
Für Abonnenten
Für Käufer
Hier können sie sich über Preise informieren, Abos abschließen oder Einzelexemplare kaufen.
Abonnement-Prämien
Werben Sie einen Freund als Abonnent der Stuttgarter Zeitung.
Für jede Empfehlung erhalten Sie eine Prämie aus unserem Shop.









