Stuttgarter Zeitung online | Zeitungsgruppe Stuttgart |  Mittwoch, 08. Februar 2012

Wissen & Computer


Street View sorgt für Ärger

Durch die Straßen googeln

Till Erdtracht, Berlin (ddp), veröffentlicht am 15.07.2008
Screenshot: Google Maps

Berlin - Derzeit stehen Berlin, Frankfurt am Main und München im Visier einer 360-Grad-Kamera von Google. Ziel ist es, eine virtuelle Stadtrundfahrt im Internet zu ermöglichen. Über Street View freut sich aber längst nicht jeder - Datenschützer schlagen bereits Alarm.

Es sind schon seltsame Objekte, die derzeit auf Berlins Straßen gesichtet werden: Dunkle Kleinwagen, auf deren Dächern Teleskopmasten mit Spezialkameras montiert sind, rollen seit kurzem im Schritttempo durch die Stadt. Ihre Mission: für das Projekt Street View des Suchmaschinenbetreibers Google sollen sie sämtliche Straßenzüge fotografieren. Das Ergebnis kann sich bald jeder im Internet ansehen. Der Google-Sprecher Stefan Keuchel verspricht eine "neue Möglichkeit, sich die Stadt zu erschließen". Berlins Datenschutzbeauftragter Alexander Dix ist dagegen weniger begeistert.

Street View ist ein Zusatzmodul für das Stadtplanprogramm Google Maps. Mit der Erweiterung können Anwender virtuell durch die Häuserzeilen von Städten wandern. Mehr als 40 Metropolen in den USA sind bereits komplett im Kasten und lassen sich auf diese Weise erkunden. Neben Berlin werden zurzeit München und Frankfurt am Main konsequent abgelichtet. "Vor dem Besuch einer Stadt können sich Touristen dann schon mal ein Hotel aussuchen und die Umgebung ansehen", erklärt Keuchel die Vorteile des Programms. Auch von Berlin sollen Internetnutzer eine Vorstellung bekommen, ohne jemals dort gewesen zu sein. Zwar gibt es keine bewegten Bilder - die User hangeln sich per Mausklick von Standbild zu Standbild -, allerdings ermöglicht jedes der speziellen Panoramabilder einen 360-Grad-Rundumblick. Dafür sind in dem Kameraauge auf den Google-Wagen bis zu elf Linsen angebracht, die die Umgebung von allen Seiten aufnehmen. Geknipst wird vollautomatisch und im Sekundentakt. So entstehen Hunderttausende von Schnappschüssen, die zusammengefügt ein ganzes Stadtbild ergeben.

Das Programm hat Datenschützer bereits entzweit. Hamburgs Beauftragter Hartmut Lubomierski hat sich in einem Interview begeistert über Street View geäußert. Sein schleswig-holsteinischer Kollege Thilo Weichert spricht hingegen von einer "Auskunftsdatei über Wohnverhältnisse". Auch Berlins Beauftragter Alexander Dix ist hellhörig geworden, weil ganze Straßenzüge "systematisch" erfasst würden. Häuser und Hausnummern ließen womöglich Rückschlüsse auf die Bewohner zu, fürchtet Dix. Zur Wahrung der Privatsphäre will Google nach eigenen Angaben Gesichter und Kfz-Kennzeichen unkenntlich machen. Lubomierski hält dies nicht für zwingend erforderlich. Die Personen seien nur Beiwerk, außerdem fänden es die meisten eher "cool oder lustig, sich auf diesen Bildern im Netz zu sehen". Dix teilt diese Meinung nicht und bezweifelt, dass die Anonymisierung wirklich funktioniert. "Da möchte ich vorher gerne das konkrete Ergebnis sehen", sagt Dix. Er ist sich jedenfalls sicher, dass sich Bürger beschweren werden.

Google Earth fotografiert Straßen in Berlin
Foto: dpa
Tatsächlich kann Google noch nicht garantieren, dass wirklich jedes Gesicht mittels einer automatisierten Software verpixelt wird. In den USA musste das Unternehmen bereits nach Beschwerden von empörten Betroffenen reagieren und Bilder austauschen. Im New Yorker Central Park wurde etwa groteskerweise ein Pferd anonymisiert, während die Gesichter von Joggern erkennbar waren. Dem Google-Sprecher zufolge steckte das Programm bei dem Fall aber noch in den Kinderschuhen. Eine hundertprozentige Abdeckung leiste die Technik allerdings auch jetzt noch nicht, räumt Keuchel ein. Sie werde aber stetig weiterentwickelt.

Wann Google das virtuelle Berlin ins Netz stellt, ist noch unklar. Verwendet würden jedenfalls nur Schönwetteraufnahmen. Deshalb könne es sein, dass die seltsamen Kleinwagen des Internetgiganten noch im nächsten Jahr durch die Stadt kurven würden. Wie viele Google-Autos unterwegs sind, will Keuchel nicht verraten. Auf diese Information sei die Konkurrenz ganz scharf, meint er.
 
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