StZ-Kolumnist Peter Glaser
"Blogs sind ein Zugang zur modernen Weltkultur"
Fragen von Cinthia Briseño, veröffentlicht am 22.07.2008
Stuttgart - Die Tagebuchkultur wird zunehmend digital. Seit vielen Jahren erfreuen sich Internettagebücher wachsender Beliebtheit. Die Beweggründe fürs Schreiben sind so vielfältig wie die Blogs selbst. Von Mittwoch an geht auch unser Kolumnist Peter Glaser unter die Blogger. Exklusiv für die Leser der StZ sammelt er Bemerkenswertes aus dem Internet.
Hier geht's zum neuen Blog "Glaserei" des StZ-Kolumnisten
Der Schriftsteller Peter Glaser ist seit acht Jahren Kolumnist der Stuttgarter Zeitung. Seit jeher stöbert er in unzähligen Blogs, und ist ständig auf der Suche nach interessanten und skurrilen Dingen im Netz. Cinthia Briseño hat ihn gefragt, warum Weblogs so beliebt sind.
Herr Glaser, was ist Ihr Lieblingsblog?
Da gibt's nicht nur eines. Von den deutschsprachigen Blogs würde ich auf jeden Fall die Riesenmaschine nennen, und natürlich auch die Version für die Doofen, Riesenmaschiene.de. Dann gibt es die BlogBar von Don Alphonso. Don ist so etwas wie die beiden grantigen Greise aus der "Muppet Show" in Personalunion, immer ebenso gut informiert wie schlecht gelaunt. Meine Favoriten unter den englischsprachigen Blogs heißen Growabrain, New Shelton wet/dry und BoingBoing. Jedes für sich ist ein Piratenschatz an bemerkenswerten Dingen. Da sind überall richtige Netztrüffelschweine im Einsatz.
Warum, denken Sie, bloggen Menschen?
Weil sie keine Lust mehr haben, immer nur in Heftchen zu schreiben, die dann in einem Regal verstauben. Jeder hat das Gefühl, dass er auch was zu sagen hat. Und durch das Bloggen ist es so einfach wie nie zuvor geworden, diesem Gefühl nachzugehen, dass man auch gelesen, bemerkt, bedacht wird.
Welchen Reiz haben Blogs für Sie?
Durch Blogs kann ich mir die unglaubliche Vielfalt dessen erschließen, was Menschen erleben, was sie denken, sehen, tun, was sie lesen, fotografieren, zusammenbasteln und meinen. Wohlgemerkt, ich habe eine große Bibliothek, und ich lese auch gern gedruckte Zeitungen. Aber wenn es den wundervollen Überfluss an Überraschungen und hochwertigen Merkwürdigkeiten, den Blogs bereithalten, nur auf Papier gäbe, bräuchte ich einen Radlader. Blogs sind ein bemerkenswerter neuer Zugang zur modernen Weltkultur.
Glauben Sie, dass Blogs nur eine vorübergehende Modeerscheinung sind?
Dinge zu verbreiten scheint ein unbezähmbares menschliches Grundbedürfnis zu sein. Das Bloggen wird uns deshalb ohne Frage erhalten bleiben. Wohin das Ganze sich entwickeln wird, ist angesichts von mehr als 100 Millionen Blogs, die es schätzungsweise derzeit gibt, schwer zu sagen. Kulturpessimisten machen sich Sorgen, dass immer weniger gelesen wird. Blogger haben keine Zeit zu lesen - sie müssen schreiben.
Sie beobachten die Entwicklung der digitalen Welt quasi seit deren Geburtsstunde. Wann sind Sie zum ersten Mal über ein Blog gestolpert?
Das war Anfang der neunziger Jahre. Da gab es während des Kriegs in Jugoslawien in Zagreb einen holländischen Friedensaktivisten namens Wam Kat, der Tagebuch schrieb. Dieses "Zagreb Diary" wurde über die damals bestehenden Netze verbreitet. Das hat mich so beeindruckt, dass ich es für die Weiterverbreitung ins Deutsche übersetzt habe. Damals gab es weder die Bezeichnung "Blog" noch das Internet, wie wir es heute kennen. Es gab nur die "Tagesschau"-Realität, die jeden Abend um 20 Uhr sagte: "Guten Abend, ich bin die wirkliche Wirklichkeit." Und nun gab es da plötzlich noch eine Stimme, die einem persönliche Beobachtungen aus Kroatien vermittelte und ganz frech sagte: "Hallo, ich bin aber auch die Wirklichkeit."
Ihr neuer Blog "Glaserei" in der Stuttgarter Zeitung ist eine Art Wundertüte voller Fundstücke aus der digitalen Welt. Wie muss man sich Ihre Entdeckungsreisen im Internet vorstellen?
Das kann man sich wie die Arbeit in einer Diamantenmine vorstellen. Riesige Mengen taubes Gestein, durch das man sich gräbt, gewisse Kenntnisse, die einem sagen, wo die Adern verlaufen können, und dann funkelt es auch immer wieder. Ich bin jeden Tag mindestens zwei oder drei Stunden auf der Suche nach interessanten Dingen im Netz unterwegs. Mein Vorteil als Schriftsteller ist dabei, dass meine Interessen nicht spezialisiert sind. Ich halte die Fahne von Don Quijote hoch, der unermüdlich gegen die Windmühlenflügel des Informationsüberangebots anrennt. Mit einem Rechner und einem schnellen Internetanschluss ist man heute übrigens um Klassen besser gerüstet für diesen lohnenswerten Kampf.
Tauschen Sie sich auch mit anderen Bloggern aus?
Ja, gelegentlich. Aber am liebsten persönlich und nicht per Mail oder Blog-Posting.
Sie haben vor zwei Jahren in einem Interview gesagt, die schiere Menge an Informationen durch Blogs und die Notwendigkeit, diese zu sichten, überfordere Sie. Sie selbst wollten damals keinen Blog schreiben, weil Sie Angst davor hätten, das würde Sie auffressen. Haben Sie inzwischen einen Weg gefunden, mit der Informationsflut klarzukommen?
Ja, ich bade darin wie Onkel Dagobert in seinem Geld. Ich habe einen Newsreader, der für mich täglich ein paar Tausende von Neuigkeiten aus ein paar Hunderten von Blogs bündelt. Das klingt vielleicht viel, aber ich habe mit der Zeit gelernt, sehr schnell in Folge kleine Entscheidungen zu treffen, was ich zur Kenntnis nehmen möchte und was nicht. Wir alle sind gerade dabei, das zu lernen. Wenn ich durch bin, habe ich meist nicht mehr als eine Handvoll schöner Sachen. Aus denen erarbeite ich wieder etwas Neues, was dann in meinen Weblog kommt. Das Gute daran ist, es gibt ein Feedback. Wenn ich die falschen Entscheidungen treffe, wird aus den Tiefen der Kommentarfelder das Monster aus dem Sumpf auftauchen und Rache an mir nehmen.
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Der Schriftsteller Peter Glaser ist seit acht Jahren Kolumnist der Stuttgarter Zeitung. Seit jeher stöbert er in unzähligen Blogs, und ist ständig auf der Suche nach interessanten und skurrilen Dingen im Netz. Cinthia Briseño hat ihn gefragt, warum Weblogs so beliebt sind.
Herr Glaser, was ist Ihr Lieblingsblog?
Da gibt's nicht nur eines. Von den deutschsprachigen Blogs würde ich auf jeden Fall die Riesenmaschine nennen, und natürlich auch die Version für die Doofen, Riesenmaschiene.de. Dann gibt es die BlogBar von Don Alphonso. Don ist so etwas wie die beiden grantigen Greise aus der "Muppet Show" in Personalunion, immer ebenso gut informiert wie schlecht gelaunt. Meine Favoriten unter den englischsprachigen Blogs heißen Growabrain, New Shelton wet/dry und BoingBoing. Jedes für sich ist ein Piratenschatz an bemerkenswerten Dingen. Da sind überall richtige Netztrüffelschweine im Einsatz.
Warum, denken Sie, bloggen Menschen?
Weil sie keine Lust mehr haben, immer nur in Heftchen zu schreiben, die dann in einem Regal verstauben. Jeder hat das Gefühl, dass er auch was zu sagen hat. Und durch das Bloggen ist es so einfach wie nie zuvor geworden, diesem Gefühl nachzugehen, dass man auch gelesen, bemerkt, bedacht wird.
Welchen Reiz haben Blogs für Sie?
Durch Blogs kann ich mir die unglaubliche Vielfalt dessen erschließen, was Menschen erleben, was sie denken, sehen, tun, was sie lesen, fotografieren, zusammenbasteln und meinen. Wohlgemerkt, ich habe eine große Bibliothek, und ich lese auch gern gedruckte Zeitungen. Aber wenn es den wundervollen Überfluss an Überraschungen und hochwertigen Merkwürdigkeiten, den Blogs bereithalten, nur auf Papier gäbe, bräuchte ich einen Radlader. Blogs sind ein bemerkenswerter neuer Zugang zur modernen Weltkultur.
Glauben Sie, dass Blogs nur eine vorübergehende Modeerscheinung sind?
Dinge zu verbreiten scheint ein unbezähmbares menschliches Grundbedürfnis zu sein. Das Bloggen wird uns deshalb ohne Frage erhalten bleiben. Wohin das Ganze sich entwickeln wird, ist angesichts von mehr als 100 Millionen Blogs, die es schätzungsweise derzeit gibt, schwer zu sagen. Kulturpessimisten machen sich Sorgen, dass immer weniger gelesen wird. Blogger haben keine Zeit zu lesen - sie müssen schreiben.
Sie beobachten die Entwicklung der digitalen Welt quasi seit deren Geburtsstunde. Wann sind Sie zum ersten Mal über ein Blog gestolpert?
Das war Anfang der neunziger Jahre. Da gab es während des Kriegs in Jugoslawien in Zagreb einen holländischen Friedensaktivisten namens Wam Kat, der Tagebuch schrieb. Dieses "Zagreb Diary" wurde über die damals bestehenden Netze verbreitet. Das hat mich so beeindruckt, dass ich es für die Weiterverbreitung ins Deutsche übersetzt habe. Damals gab es weder die Bezeichnung "Blog" noch das Internet, wie wir es heute kennen. Es gab nur die "Tagesschau"-Realität, die jeden Abend um 20 Uhr sagte: "Guten Abend, ich bin die wirkliche Wirklichkeit." Und nun gab es da plötzlich noch eine Stimme, die einem persönliche Beobachtungen aus Kroatien vermittelte und ganz frech sagte: "Hallo, ich bin aber auch die Wirklichkeit."
Ihr neuer Blog "Glaserei" in der Stuttgarter Zeitung ist eine Art Wundertüte voller Fundstücke aus der digitalen Welt. Wie muss man sich Ihre Entdeckungsreisen im Internet vorstellen?
Das kann man sich wie die Arbeit in einer Diamantenmine vorstellen. Riesige Mengen taubes Gestein, durch das man sich gräbt, gewisse Kenntnisse, die einem sagen, wo die Adern verlaufen können, und dann funkelt es auch immer wieder. Ich bin jeden Tag mindestens zwei oder drei Stunden auf der Suche nach interessanten Dingen im Netz unterwegs. Mein Vorteil als Schriftsteller ist dabei, dass meine Interessen nicht spezialisiert sind. Ich halte die Fahne von Don Quijote hoch, der unermüdlich gegen die Windmühlenflügel des Informationsüberangebots anrennt. Mit einem Rechner und einem schnellen Internetanschluss ist man heute übrigens um Klassen besser gerüstet für diesen lohnenswerten Kampf.
Tauschen Sie sich auch mit anderen Bloggern aus?
Ja, gelegentlich. Aber am liebsten persönlich und nicht per Mail oder Blog-Posting.
Sie haben vor zwei Jahren in einem Interview gesagt, die schiere Menge an Informationen durch Blogs und die Notwendigkeit, diese zu sichten, überfordere Sie. Sie selbst wollten damals keinen Blog schreiben, weil Sie Angst davor hätten, das würde Sie auffressen. Haben Sie inzwischen einen Weg gefunden, mit der Informationsflut klarzukommen?
Ja, ich bade darin wie Onkel Dagobert in seinem Geld. Ich habe einen Newsreader, der für mich täglich ein paar Tausende von Neuigkeiten aus ein paar Hunderten von Blogs bündelt. Das klingt vielleicht viel, aber ich habe mit der Zeit gelernt, sehr schnell in Folge kleine Entscheidungen zu treffen, was ich zur Kenntnis nehmen möchte und was nicht. Wir alle sind gerade dabei, das zu lernen. Wenn ich durch bin, habe ich meist nicht mehr als eine Handvoll schöner Sachen. Aus denen erarbeite ich wieder etwas Neues, was dann in meinen Weblog kommt. Das Gute daran ist, es gibt ein Feedback. Wenn ich die falschen Entscheidungen treffe, wird aus den Tiefen der Kommentarfelder das Monster aus dem Sumpf auftauchen und Rache an mir nehmen.
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