Buch "Der Wagner-Clan"

Welch ein Abgrund, welch eine Niedertracht

Tim Schleider, veröffentlicht am 23.07.2008
Foto: dpa

Bayreuth - Am Freitag beginnen die 97. Richard-Wagner-Festspiele in Bayreuth, die letzten unter der Leitung des Komponisten-Enkels Wolfgang. Seine Tochter Katharina steht zur Nachfolge bereit. Dabei sorgt just ein Buch für Aufregung auf dem Festspielhügel: "Der Wagner-Clan".


  Von Tim Schleider

 
Was für eine Mischpoke! Es gibt Bücher, es gibt Geschichten, da denkt der Leser beinahe auf jeder Seite: Schlimmer kann's jetzt aber nicht mehr kommen. Solch ein Abgrund, solch eine Niedertracht - nein, das muss es jetzt an Scheußlichkeit doch wohl gewesen sein! Doch bei dieser Familiengeschichte darf man sich bis zum Postskriptum auf Seite 464 nicht in Sicherheit wiegen. Hier gibt es nichts Arges, was nicht im nächsten Kapitel noch ärger kommen könnte: Neid, Betrug, Lüge, Missgunst, Verrat, Willkür, Kumpanei mit den dunkelsten Mächten der Geschichte.

Und je länger man liest, desto drängender wird die Frage: Soll das denn immer so weitergehen? Mit welchem Recht erhebt diese zutiefst kompromittierte Familie eigentlich Erbanspruch auf einen der prominentesten und bestfinanzierten Kulturorte des Landes?

"Geschichte einer deutschen Familie" nannte der englische Journalist Jonathan Carr im Untertitel sein Buch "Der Wagner-Clan" (kurz nach Veröffentlichung des Werkes ist Carr am 12. Juni im Alter von 66 Jahren verstorben). Er beschreibt darin die mit vielen Aufs und Abs, mit reichlich Irrungen und Wirrungen versehene Familiensaga der ursprünglich sächsischen, dann später oberfränkischen Wagners, beginnend mit dem Komponisten Richard, endend mit der Generation der Urenkel Nike, Eva und Katharina.

Das eigentliche Thema ist der Wagner'sche Antisemitismus

Dabei legt Carr das Schwergewicht gar nicht mal so sehr auf die ohnehin schon bekannten biografischen Facetten der Wagnerschen Persönlichkeiten. Richards Revoluzzertum in Dresden, seine Betteltouren in London, Paris oder München, seine chaotischen Liebesverhältnisse - all das beispielsweise hat man in anderen Wagner-Biografien schon ausführlicher gelesen. Aber das alles sind für Carr auch nur die Begleitumstände.

Sein eigentliches Thema ist der Wagner'sche Antisemitismus (hier steht "Wagner" nun fast für die ganze Dynastie). Aber wohlgemerkt: Carr zählt keineswegs zu jenem Kreis fundamentalistischer Kritiker, die behaupten, eigentlich sei es Richard Wagner höchstpersönlich, der den Holocaust zu verantworten habe (solche Schriften gibt es, tatsächlich). Carr selbst zählte sich ja zu den "Wagnerianern"; seit 1970 besuchte er regelmäßig die Festspiele. Er liebte die Opern, liebte die sommerliche Musik auf dem Bayreuther Hügel. Aber er beklagt in seinem Buch die "schlechte Luft", die über dem ganzen Unternehmen liege, weil es bis zum heutigen Tag zum Thema Antisemitismus kein wirkliches Schuldeingeständnis gebe.

Kleine Gedenktafel, große Büste

Er beklagt, dass man nach der kleinen Gedenktafel für die Opfer der Bayreuther KZ-Außenstelle sehr lange suchen muss, während die große Büste Richard Wagners aus der Hand des Nazi-Bildhauers Arno Breker, nach dem Krieg großzügig finanziert von Mäzenen, breit und bräsig im Park prangt. Er beklagt, dass jener winzige Teil der Sippe in Gestalt der Komponistenenkelin Friedelind, die sich gegen Hitler stellte und 1939 ins Exil ging, vom linientreuen Rest der Familie nach dem Krieg und unter weitgehender Billigung der Politik an den Rand gedrängt wurde.

Carr fordert vom Familienunternehmen Bayreuth das, was viele deutsche Unternehmen, wenn auch spät, in jüngerer Zeit vorexerziert hätten: die Aufarbeitung ihrer NS-Geschichte. "Solche Ehrlichkeit entspricht der Erkenntnis, dass Freimut nicht mehr riskant ist, sondern sich im Gegenteil sogar lohnt."

Und die Liste der politischen Sünden, die Carr ungemein flüssig und schlüssig aufarbeitet, ist ohne Zweifel lang und empörend. Sie beginnt bei den antisemitischen Schriften des Komponisten Richard, dem man immerhin noch zugute halten kann, dass er auch zu Fragen der Religion, der Kunst, der Geschichte, der Natur und der Philosophie allerlei Unsinn, vor allem auch viel widersprüchlichen Unsinn verfasst hat. Sie setzt sich weitaus konziser fort bei der Komponistenwitwe Cosima, die nach Richards Tod 1883 über vier Jahrzehnte lang kalt und ätzend die Strippen auf dem Festspielhügel zieht, und die nicht müde wird, in aller Deutlichkeit zu sagen, sie möge dort keine Juden "riechen".

Bayreuther Großdenker Chamberlain

Zum Bayreuther Großdenker wird ab 1908 aber der Gatte der Richard-Tochter Eva, Mister Houston Stewart Chamberlain; Carr nennt ihn den Bayreuther "Spindoktor", eine Art Vordenker in Sachen Medien also. Der aus England stammende, das "Germanentum" tief verehrende Privatgelehrte verfasst das antisemitische Handbuch jener Zeit, "Grundlagen des XIX. Jahrhunderts", eine pseudo-naturwissenschaftliche Herleitung der so genannten Rassenlehre, in deren Hierarchie der Arier oben und unten der seiner Tilgung harrende Jude steht.

Mittels der Festspielzeitung "Bayreuther Blätter" finden Chamberlains Aufsätze internationale Verbreitung in jenen besseren und einflussreichen Kreisen, die allsommerlich nach Bayreuth zu "Tannhäuser" oder "Lohengrin" pilgern. Goebbels weiß schon, warum ihm 1926 am Sterbebett Chamberlains in Bayreuth so mau wird: "Wie Feuer brennen seine großen Augen", schreibt er ins Tagebuch. "Vater unseres Geistes, sei gegrüßt. Bahnbrecher, Wegbereiter! Langer, langer Händedruck! Leb wohl! Du bleibst bei uns." Und derlei Schmock mehr.

Hitler zwischen lauter kultivierten Wagnerianern

Siegfried, der Sohn Richards (1869-1930), ist zwar auch Antisemit, aber eher einer von der gemütlichen Sorte. Unheilvoller gebärdet sich da schon jene Winifried Williams-Klindworth, welche die Mutter Cosima (wiederum in England, aufgrund der guten Erfahrungen mit Chamberlein) für ihren überwiegend homosexuellen Sohn zur sippeerhaltenden Gattin erwählte: Für Winifried ist bereits in den zwanziger Jahren der Jungpolitiker Adolf Hitler "der neue Siegfried". Zusammen mit dem Klavierbauer-Ehepaar Bechstein sorgt sie dafür, dass der bis dato ungelenk agierende Hitler Zutritt zu den besten, reichsten, einflussreichsten Kreisen bekommt; alles kultivierte Wagnerianer, versteht sich.

Beinahe gnädig lässt Carr manches Detail aus, das die österreichische Historikerin Brigitte Hamann bereits 2002 in ihrer Winifried-Biografie klipp und klar erarbeitet hat. Kein Zweifel: manchem bedrängten Juden, der in den dreißiger oder vierziger Jahren für die Aufrechterhaltung des Festspielbetriebs unbedingt nötig war, verschaffte Winifried durch Intervention beim "geliebten Führer" kurzfristig Luft. Doch die Chuzpe, mit der sich Familie Wagner nach dem Krieg gegenüber den US-Ermittlern zum Zentrum eines subversiven Widerstandskreises gegen übergriffige Nationalsozialisten verklärt, raubt bei rückblickender Betrachtung schier den Atem.

"Unschuldig, Euer Ehren"

Kein Schnitt. Keine Reue. Kein Schuldbewusstsein. "Unschuldig, Euer Ehren", plädiert die Ex-Festivalchefin, die "hohe Frau" (so heißt das unter Fans), vor dem Richter. Derweil arbeiten ihre Söhne Wieland (der Hitler-Liebling) und Wolfgang an der Wiedergeburt der Festspiele; 1951 hebt sich für "Parsifal" erstmals wieder der Vorhang. "Jetzt gilt's der Kunst": mit dem affektiert-apostrophierten Wagner-Zuruf an das Publikum verbitten sie sich zum Festivalstart jegliche politische Debatte in Bayreuth. Sie wissen, wie schmal der Grat ist, auf dem sie agieren: eine Debatte über die braune Vergangenheit würde Bayreuth ebenso schaden, wie wenn die Braunen in Bayreuth wieder die Debatte führen.

"Aber diese Musik! Die Musik!" Auch wenn es Carr nicht so schreibt, man spürt, was dem nüchternen englischen Journalisten beinahe Zeit seines Lebens dieser oberfränkische Ort des Schreckens dann doch wieder lieb gemacht hat - eine Handvoll, nein: zwei Hände voller Opern, die, sofern man dieser Art von Musik zugänglich ist, zu dem Schönsten und Abgründigsten zählen, was ein Mensch je komponiert hat. Die ideologische Last aber, die diese kunstvolle Musik, sofern sie in Bayreuth zur Aufführung kommt, noch immer mit sich trägt, blieb am entscheidenden Ort von den entscheidenden Leuten noch stets unbenannt. Vielleicht gelingt es ja der nächsten Wagner-Generation, gelingt es Katharina und ihrer Stiefschwester Eva, hier wirkliche Zeichen zu setzen. Bis es so weit kommt, müssen sich die Bayreuther Festspiele aber Misstrauen gefallen lassen. Denn das ist das Vermächtnis solch kritischer Zeitgenossen wie Jonathan Carr.

Jonathan Carr: Der Wagner-Clan. Hoffmann und Campe. 497 Seiten, 25 Euro.
 

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