Vor 60 Jahren

Explosionsunglück erschüttert BASF

dpa, veröffentlicht am 27.07.2008

Ludwigshafen - Die Katastrophe brach kurz vor Schichtwechsel über die Arbeiter herein: Am Nachmittag des 28. Juli 1948 kam es im BASF-Werk Ludwigshafen zu einer verheerenden Explosion. 207 Mitarbeiter wurden getötet, 3818 Beschäftigte und Einwohner verletzt. Die Detonation - die dritte bei der BASF seit 1921 - zerstörte fast ein Drittel der Anlage und beschädigte allein in Ludwigshafen fast 5000 Häuser.

Während Helfer in den Trümmern der BASF-Gebäude nach Überlebenden suchten, stieg über dem Explosionsort im Süden des Werks ein 150 Meter hoher Rauchpilz auf. Auslöser des Unglücks war ein mit Dimethylether - einem besonders leicht entzündlichen Flüssiggas - beladener Gaskesselwagen gewesen. Eine Expertenkommission kam später zu dem Schluss, sein tatsächliches Volumen sei geringer gewesen als auf dem amtlichen Schild angegeben. Der Wagen sei deshalb vermutlich überladen gewesen.

Die explosive Fracht stammte aus dem ostdeutschen Bitterfeld und war für die Farbenproduktion gedacht. Sie hatte von 05.45 Uhr morgens an in der Sonne gestanden. Bei hochsommerlichen Tagestemperaturen um die 40 Grad dehnte sich das Gas im prall gefüllten Wageninneren aus, bis eine Schweißnaht platzte. Als der Ether entwich und sich mit Luft mischte, kam es zu einer ersten Explosion, die den Wagen umwarf. Dabei trat der übrige Ether aus, der mit immenser Wucht verbrannte. Die Druckwelle knickte Stahlträger und ließ Werkhallen der BASF wie Kartenhäuser einstürzen.

Im Umkreis von 500 Metern wurden alle Bauten auf dem Firmengelände beschädigt. 20 Gebäude wurden völlig zerstört. Sogar im jenseits des Rheins gelegenen Mannheim wurden 2450 Häuser ramponiert. Der Reporter der "Allgemeinen Zeitung" (Mainz) berichtete von "dicken Giftgaswolken, die sich stark auf die Atmungsorgane" legten. "In diesen grün-blauen Giftschwaden hatten wir nur wenige Meter Sicht."

Der damals 13 Jahre alte Gerhard Dörr wohnte in der Nähe der BASF. Zuerst habe er ein seltsames Geräusch gehört, erinnert er sich. "Dann gab es einen großen Knall", erzählt der Pensionär. Im Haus seien die Scheiben aus den Fenstern geflogen. "Wir hatten Glück", entsinnt sich der 73-Jährige: Im Hause Dörr waren nur kleinere Verletzungen zu beklagen.

Im Werk bot sich den 1000 Feuerwehrleuten und den mithelfenden französischen und amerikanischen Besatzungssoldaten ein grausiges Bild. In der Halle B 210 war zum Zeitpunkt der Explosion gegen 15.43 Uhr Schichtwechsel. Mehrere 100 Arbeiter gaben gerade ihre Werkzeuge ab, gingen zum Duschen und wollten das Werk verlassen, als die zentimeterdicke Stahlwand des Waggons dem Gasdruck nicht mehr standhielt und zerriss. In der Werkzeugabgabe der völlig zerstörten Halle gab es keine Überlebenden. Zahlreiche Opfer waren verschüttet, unter Stahlträgern festgeklemmt und mussten mit Schneidbrennern befreit werden. Viele starben, ehe Hilfe kam.

Noch tagelang suchten Hilfsmannschaften in den Trümmern nach Opfern. Bis die materiellen Schäden beseitigt waren, verging ein Jahr; die Kosten wurden allein bei BASF auf 80 Millionen Mark beziffert. Heute kommt Dimethylether bei der BASF nach Möglichkeit nicht mehr zum Einsatz. Der Stoff wurde nach Konzernangaben durch weniger gefährliche ersetzt.

27 Jahre zuvor - am 21. September 1921 - waren bei einer Explosion im Stickstoffwerk der BASF in Ludwigshafen-Oppau sogar 561 Menschen getötet und etwa 2000 verletzt worden. Aus nie restlos geklärter Ursache war ein Stickstoffsilo explodiert. Die Detonation riss einen 19 Meter tiefen Krater mit einem Durchmesser von 100 Metern in den Boden. Bei einer weiteren Explosion am 29. Juli 1943 starben während des Zweiten Weltkrieges bei der BASF 70 Menschen, die meisten zwangsverpflichtete Ausländer. Butadiengas war aus einem Kesselwagen geströmt und hatte sich entzündet.
 

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