39,90

Im Safaripark der Werber

Thomas Klingenmaier, veröffentlicht am 31.07.2008
Filmbeschreibung
Das normale Leben ist um ein paar Getriebestufen zu langsam für Octave Parango (Jean Dujardin). Er saust, getrieben vom Erfolgszwang, durchs Paralleluniversum der Mietlügner, wo die Wirklichkeit ein altmodisches Etwas ist, das sich im Säureregen der raffinierten Behauptungen auflöst. Der Werbemacher Octave wird uns in "39,90" als Zyniker, Opportunist, Eitelkeitsbolzen, Feigling, Kindskopf, Aufschneider und gespreizter Schmiermichel vorgeführt, womit man Jan Kounens Verfilmung von Frédéric Beigbeders Erfolgsroman über die Agenturwelt schon mal eines bescheinigen kann: sie ist auch nicht netter zu ihren Figuren.

Oder doch? Wenn die Kreativschickeria in ihren Designbüros entblößt und ihr soziales Miteinander als blasiertere Variante der Futterkeilerei im Piranhabecken vorgestellt wird, wenn die Kamera sich am peinlich guten Geschmack der Ich-bin-origineller-als-du-Duellisten ergötzt, dann bekommt diese Romanverfilmung etwas von sozialem Safaripark. Dann wird das erlesen Scheußliche und Bizarre dieses Milieus so buhlerisch ausgestellt, dass es doch wieder etwas Sympathisches bekommt, schließlich scheint es sich - zu unserer grusligen Belustigung - so weit vom normalen Leben normal akzeptabler Leute entfernt zu haben.

Octave, dessen schwangere Freundin ihn gerade zugunsten seines Chefs abserviert hat, steckt tief in der Sinnkrise. Kounen macht daraus mit forschem Einsatz greller Stilmittel einen Drogentrip, und immer wieder gelingen ihm Sequenzen, wie sie sich Terry Gilliam für seine Verfilmung von Hunter S. Thompsons "Fear and Loathing in Las Vegas" gewünscht haben mag. Aber wenn wir dann mit Octave und ein paar anderen Berauschten tatsächlich in einem Auto durch die nächtliche Stadt jagen und sich die Wirklichkeit dabei zu einem wilden Cartoon verzerrt, dann wird die Komplizenschaft von uns und Octave besonders deutlich.

Immer wilder, immer verantwortungsloser und immer asozialer wünschen wir uns diesen Werbefritzen, weil sein Treiben dann immer ungewöhnlichere Bilder und Verbotsübertretungen für die Leinwand liefert. Was eine Werberhassgeschichte werden möchte, gerät zur Werberanstaunkomödie und bestätigt den Grundglaubenssatz der gut bezahlten Manipulatoren: Am Ende, so lautet dieser Satz, kriegen wir euch doch!
 
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