Priester-WG
Pater Elmar mag keinen Fisch
Akiko Lachenmann, veröffentlicht am 31.07.2008
Stuttgart - Wer sein Leben ganz Gott widmet, muss deshalb nicht auf einen familiären Alltag verzichten. In Obertürkheim gibt es seit Jahren eine Priester-WG. Die Geistlichen, die dem Orden der Salesianer Don Boscos angehören, geben sich gegenseitig Halt - und manchmal fliegen auch die Fetzen.
Von Akiko Lachenmann
Zwischen Eichenwandschrank und Couchgarnitur dürstet ein Benjamini nach Wasser. Im Waschraum türmt sich ein Berg von Hemden. Im Küchenregal thront eine prächtige Bierglassammlung. Im Flur hängen Notizzettel, den Balkon zieren Geranien. Weit und breit ist kein Staubfussel zu sehen. Milieuforscher hätten mit diesem häuslichen Fall ihre liebe Not. Sie würden ihn wahrscheinlich irgendwo zwischen Studenten-WG und Einfamilienhausidylle in Altötting einordnen.
Vier Herren leben an diesem Ort: Pater Heinz, Pater Ernst, Pater Elmar und Pater Alfons. Seit fast zehn Jahren wohnen die Priester im ehemaligen Pfarrhaus von Sankt Franziskus in Obertürkheim. Sie sind Salesianer Don Boscos und haben sich verpflichtet, in Armut, Gehorsam und Keuschheit zu leben. Der katholische Männerorden ist der zweitgrößte nach den Jesuiten und widmet sich der Jugendarbeit. Anders als viele Ordensbrüder tragen die Salesianer jedoch weder schwere Mönchskutten, noch verschanzen sie sich hinter dicken Klostermauern. Sie leben in brüderlichen Gemeinschaften, teilen sich Wohnzimmer, Küche und Bad, um sich, wie sie sagen, "in einem familiären Geist gegenseitig in der Berufung zu fördern".
Um viertel vor sechs klappert es in der Küche. Diese Woche hat Pater Heinz Frühstücksdienst. Er schaltet die Kaffeemaschine ein. Sie haben sich auf den Automatikdurchlauf geeinigt. Wer am Morgen viel Koffein braucht, trinkt einfach eine Tasse mehr. Das Frühstücksei wird sechs Minuten gekocht, auch das hat sich so eingebürgert. Ohne flüssiges Eiweiß und schwarze Ränder ist es für alle genießbar. Um sieben gehen weitere Zimmertüren auf. An der Garderobe zum Andachtsraum im Keller schlüpft einer nach dem anderen schweigend in Albe und Stola. Kelch, Hostienschale, Wein und Wasser stehen bereit. Pater Elmar greift zur Gitarre. Die Morgenhore beginnt: Laudis, Stille, Messe.
Ein wortkarger Bayer und eine rheinische Frohnatur
Um den Altartisch stehen vier höchst unterschiedliche Männer im Halbkreis. Pater Ernst ist das Oberhaupt der kleinen Familie. Der Tubaspieler besitzt die gemütliche Leibesfülle eines Vorzeigemönchs. Pater Heinz, sein Stellvertreter, ist passionierter Bergsteiger, schlank und hochgewachsen. Pater Alfons ist ein wortkarger Bayer mit Lachfältchen um die Augen, obwohl ihn oft das Heimweh plagt. Pater Elmar ist eine rheinische Frohnatur, so eine Art Nesthäkchen in der Familie. Die Vierer-WG hat sich nicht in zähen Bewerberrunden gefunden. Die Liebe zu Gott hat sie in Obertürkheim zusammengeführt.
Der Frühstückstisch dient zugleich als Besprechungsraum. Zeit für weltliche Themen: "Ich könnte ganz gut ein neues Notebook gebrauchen", sagt Pater Heinz mit Blick zu Pater Ernst. Sein altes habe zu wenig Speicherkapazität. Alles was über das monatliche Taschengeld hinausgeht, muss von Pater Ernst bewilligt werden. Salesianer haben kein laufendes Einkommen. Was sie verdienen, fließt direkt zur Ordensleitung nach München. Im Gegenzug erhält jede Einrichtung ein von Miete und Bewohnerzahl abhängiges Haushaltsgeld, über das Pater Ernst streng Buch führt. Plastikgeld ist ihnen fremd. Pater Ernst besitzt als einziger eine EC-Karte.
Während der gemeinsamen Morgenstunden findet einmal im Monat das "Mitbrüdergespräch" statt, ein Jour fixe, bei dem die Brüder auch mal Dampf ablassen dürfen. Die Streitpunkte sind WG-Klassiker: die unausgeräumte Spülmaschine, Lebendkulturen im Kühlschrank, vertrocknete Pflanzen. Mächtig geknirscht hat es in den Jahren, als sie auf das Mitbrüdergespräch verzichtet haben. "Wir Geistlichen halten Schweigen für eine Tugend-und neigen dazu, Ärger auch mal runterzuschlucken", sagt Pater Elmar. In anderen Einrichtungen kam es auch schon mal zu Handgreiflichkeiten unter den Mitbrüdern. Einmal im Jahr schaut der Provinzial, der Deutschlandchef des Ordens, höchstpersönlich vorbei. Er prüft dann, wie es um die Stimmung bestellt ist.
Der "Big Pater" moderiert bei Big FM
Manchmal erzählt Pater Ernst am Frühstückstisch, was sich wieder bei Big FM zugetragen hat. Seit vielen Jahren moderiert der "Big Pater" bei dem Jugendradio die Sendung "Big Pray-Update für die Seele" und den "Nighttalk". Stundenlang kommentiert er Seitensprünge und Liebeskummer und schickt Kurzgebete für die Opfer nach oben.
Weltfremd sind die vier aus der Patres-WG nicht. Als Seelsorger junger Menschen müssen sich die Herren mit modernster Kommunikationstechnik vertraut machen. Alle sind bei den Chatprogrammen "ICQ" und "Studi VZ" angemeldet, alle kriegen rund um die Uhr SMS-Botschaften aufs Handy wie "Kommst mit Pizza essen?" oder "Hey, wir warten auf dich, wo bleibst du?" Um von den Jugendlichen ernst genommen zu werden, verfolgen die Brüder selbst die aktuellen Charts. In Österreich rangiert zurzeit die CD "Chant Music for Paradise" unter den Top Ten. Pater Heinz hat sie sich sofort besorgt.
Nach dem Frühstück verrichtet jeder sein Tagwerk, hinter dem Computer, an Schulen oder in Jugendeinrichtungen. Während sich die Patres um das Seelenheil ihrer jungen Schäflein bemühen, kümmert sich Karina Jmiszkol um das leibliche Wohl der vier Geistlichen. Sie ist die gute Fee des Hauses, sie ersetzt etwas von der weiblichen Fürsorge, auf die viele Männer im Zölibat verzichten müssen: eine liebevoll zubereitete Mahlzeit, blütenweiße, gestärkte Hemden, aufgeschüttelte Kissen. Heute serviert sie den Patres zum Mittagessen Fleischküchle mit jungen Kartoffeln, dazu Salat für den Vitaminhaushalt und Schokopudding für das Gemüt.
Die polnische Haushaltshilfe weiß, was sonst nur Ehefrauen wissen: dass ihnen kein anderes Weißbier als das nach den Kollegen benannte Franziskaner ins Haus kommt. Oder dass Pater Alfons selbst Apfelsaftschorle aus dem Bierkrug trinkt, am liebsten aus dem feinen Weizenglas mit Deckel. Sie vermag es allen recht zu machen. Sogar auf das Fischdilemma-Pater Heinz will keinesfalls auf die wertvollen Omegafettsäuren verzichten, Pater Elmar findet hingegen alles, was schwimmt, unausstehlich-hat sie eine diplomatische Antwort gefunden: Fischstäbchen.
Von Akiko Lachenmann
Zwischen Eichenwandschrank und Couchgarnitur dürstet ein Benjamini nach Wasser. Im Waschraum türmt sich ein Berg von Hemden. Im Küchenregal thront eine prächtige Bierglassammlung. Im Flur hängen Notizzettel, den Balkon zieren Geranien. Weit und breit ist kein Staubfussel zu sehen. Milieuforscher hätten mit diesem häuslichen Fall ihre liebe Not. Sie würden ihn wahrscheinlich irgendwo zwischen Studenten-WG und Einfamilienhausidylle in Altötting einordnen.
Vier Herren leben an diesem Ort: Pater Heinz, Pater Ernst, Pater Elmar und Pater Alfons. Seit fast zehn Jahren wohnen die Priester im ehemaligen Pfarrhaus von Sankt Franziskus in Obertürkheim. Sie sind Salesianer Don Boscos und haben sich verpflichtet, in Armut, Gehorsam und Keuschheit zu leben. Der katholische Männerorden ist der zweitgrößte nach den Jesuiten und widmet sich der Jugendarbeit. Anders als viele Ordensbrüder tragen die Salesianer jedoch weder schwere Mönchskutten, noch verschanzen sie sich hinter dicken Klostermauern. Sie leben in brüderlichen Gemeinschaften, teilen sich Wohnzimmer, Küche und Bad, um sich, wie sie sagen, "in einem familiären Geist gegenseitig in der Berufung zu fördern".
Um viertel vor sechs klappert es in der Küche. Diese Woche hat Pater Heinz Frühstücksdienst. Er schaltet die Kaffeemaschine ein. Sie haben sich auf den Automatikdurchlauf geeinigt. Wer am Morgen viel Koffein braucht, trinkt einfach eine Tasse mehr. Das Frühstücksei wird sechs Minuten gekocht, auch das hat sich so eingebürgert. Ohne flüssiges Eiweiß und schwarze Ränder ist es für alle genießbar. Um sieben gehen weitere Zimmertüren auf. An der Garderobe zum Andachtsraum im Keller schlüpft einer nach dem anderen schweigend in Albe und Stola. Kelch, Hostienschale, Wein und Wasser stehen bereit. Pater Elmar greift zur Gitarre. Die Morgenhore beginnt: Laudis, Stille, Messe.
Ein wortkarger Bayer und eine rheinische Frohnatur
Um den Altartisch stehen vier höchst unterschiedliche Männer im Halbkreis. Pater Ernst ist das Oberhaupt der kleinen Familie. Der Tubaspieler besitzt die gemütliche Leibesfülle eines Vorzeigemönchs. Pater Heinz, sein Stellvertreter, ist passionierter Bergsteiger, schlank und hochgewachsen. Pater Alfons ist ein wortkarger Bayer mit Lachfältchen um die Augen, obwohl ihn oft das Heimweh plagt. Pater Elmar ist eine rheinische Frohnatur, so eine Art Nesthäkchen in der Familie. Die Vierer-WG hat sich nicht in zähen Bewerberrunden gefunden. Die Liebe zu Gott hat sie in Obertürkheim zusammengeführt.
Der Frühstückstisch dient zugleich als Besprechungsraum. Zeit für weltliche Themen: "Ich könnte ganz gut ein neues Notebook gebrauchen", sagt Pater Heinz mit Blick zu Pater Ernst. Sein altes habe zu wenig Speicherkapazität. Alles was über das monatliche Taschengeld hinausgeht, muss von Pater Ernst bewilligt werden. Salesianer haben kein laufendes Einkommen. Was sie verdienen, fließt direkt zur Ordensleitung nach München. Im Gegenzug erhält jede Einrichtung ein von Miete und Bewohnerzahl abhängiges Haushaltsgeld, über das Pater Ernst streng Buch führt. Plastikgeld ist ihnen fremd. Pater Ernst besitzt als einziger eine EC-Karte.
Während der gemeinsamen Morgenstunden findet einmal im Monat das "Mitbrüdergespräch" statt, ein Jour fixe, bei dem die Brüder auch mal Dampf ablassen dürfen. Die Streitpunkte sind WG-Klassiker: die unausgeräumte Spülmaschine, Lebendkulturen im Kühlschrank, vertrocknete Pflanzen. Mächtig geknirscht hat es in den Jahren, als sie auf das Mitbrüdergespräch verzichtet haben. "Wir Geistlichen halten Schweigen für eine Tugend-und neigen dazu, Ärger auch mal runterzuschlucken", sagt Pater Elmar. In anderen Einrichtungen kam es auch schon mal zu Handgreiflichkeiten unter den Mitbrüdern. Einmal im Jahr schaut der Provinzial, der Deutschlandchef des Ordens, höchstpersönlich vorbei. Er prüft dann, wie es um die Stimmung bestellt ist.
Der "Big Pater" moderiert bei Big FM
Manchmal erzählt Pater Ernst am Frühstückstisch, was sich wieder bei Big FM zugetragen hat. Seit vielen Jahren moderiert der "Big Pater" bei dem Jugendradio die Sendung "Big Pray-Update für die Seele" und den "Nighttalk". Stundenlang kommentiert er Seitensprünge und Liebeskummer und schickt Kurzgebete für die Opfer nach oben.
Weltfremd sind die vier aus der Patres-WG nicht. Als Seelsorger junger Menschen müssen sich die Herren mit modernster Kommunikationstechnik vertraut machen. Alle sind bei den Chatprogrammen "ICQ" und "Studi VZ" angemeldet, alle kriegen rund um die Uhr SMS-Botschaften aufs Handy wie "Kommst mit Pizza essen?" oder "Hey, wir warten auf dich, wo bleibst du?" Um von den Jugendlichen ernst genommen zu werden, verfolgen die Brüder selbst die aktuellen Charts. In Österreich rangiert zurzeit die CD "Chant Music for Paradise" unter den Top Ten. Pater Heinz hat sie sich sofort besorgt.
Nach dem Frühstück verrichtet jeder sein Tagwerk, hinter dem Computer, an Schulen oder in Jugendeinrichtungen. Während sich die Patres um das Seelenheil ihrer jungen Schäflein bemühen, kümmert sich Karina Jmiszkol um das leibliche Wohl der vier Geistlichen. Sie ist die gute Fee des Hauses, sie ersetzt etwas von der weiblichen Fürsorge, auf die viele Männer im Zölibat verzichten müssen: eine liebevoll zubereitete Mahlzeit, blütenweiße, gestärkte Hemden, aufgeschüttelte Kissen. Heute serviert sie den Patres zum Mittagessen Fleischküchle mit jungen Kartoffeln, dazu Salat für den Vitaminhaushalt und Schokopudding für das Gemüt.
Die polnische Haushaltshilfe weiß, was sonst nur Ehefrauen wissen: dass ihnen kein anderes Weißbier als das nach den Kollegen benannte Franziskaner ins Haus kommt. Oder dass Pater Alfons selbst Apfelsaftschorle aus dem Bierkrug trinkt, am liebsten aus dem feinen Weizenglas mit Deckel. Sie vermag es allen recht zu machen. Sogar auf das Fischdilemma-Pater Heinz will keinesfalls auf die wertvollen Omegafettsäuren verzichten, Pater Elmar findet hingegen alles, was schwimmt, unausstehlich-hat sie eine diplomatische Antwort gefunden: Fischstäbchen.
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