Die Gier nach Rekorden
Zu hoch, zu schnell, zu stark?
Tobias Schall, veröffentlicht am 04.08.2008
Peking - Der Hochleistungssport beruht auf dem Prinzip, die Leistung immer steigern zu wollen. Doch die Rekordjagd hat Schattenseiten, das Doping beispielsweise. Thomas Bach kritisiert jetzt die Fixierung auf Bestmarken.
Von Tobias Schall
Die Enttäuschung ist groß am Abend des 25. August 2003 im Pariser Stade de France. Kurz nach 22 Uhr ist es, als Kim Collins als Erster das Ziel erreicht. Ein Raunen geht durch das Publikum nach diesem Spektakel, das keines war. Weil alles viel länger dauerte, als es sollte. Zehntel um Zehntel verrinnt, bis der schmächtige Sprinter aus St. Kitts & Nevis die 100 Meter hinter sich gebracht hat. 10,07 Sekunden benötigt er, dann ist Kim Collins der langsamste schnellste Mensch der WM-Geschichte. Seit der Einführung der Leichtathletik-WM war kein 100-Meter-Weltmeister langsamer. Das Rennen war eine der knappsten Entscheidungen in der Historie der 100-Meter-Rennen. Am Ende trennten nur 0,02 Sekunden die vier Erstplatzierten.
Das Volk will Rekorde sehen, keinen Kim Collins
Aber dafür interessierte sich keiner. Kim Collins und all die anderen hatten die Erwartungen enttäuscht, dieses Monster namens Gier hatten sie nicht gefüttert. Es gibt kaum ein größeres Spektakel als den Sprint, dieses Faszinosum, die Geschwindigkeit, die so unvorstellbar erscheint. Das Volk will Rekorde sehen, keinen Kim Collins. Der sagte aber nur: "Die anderen Sprinter schauen nur auf die Zeit, meinen wohl: der ist nicht gut genug. Es geht doch darum, dass man im Kräftemessen gegeneinander den Besten ermittelt." Wie kaum ein anderer verkörpert der Sprinter Kim Collins das Dilemma des Sports, der sich durch seine Gier nach Rekorden, nach immer weiteren Bestleistungen in eine historische Krise manövriert hat.
Es ist ein Richtungsstreit in der Welt des Sports entbrannt zwischen jenen, die die permanente Steigerung für einen unantastbaren Teil des Leistungssport halten, darin den Sinn sehen, und jenen Kräften, die einen Paradigmenwechsel fordern. Bei wenigen Ereignissen wird der Disput so offensichtlich wie bei Olympischen Spielen. Hier das "citius, altius, fortius" (schneller, höher, stärker), dieses in Worte gefasste Urpinzip des Sports, das auf der ständigen Steigerung der Leistung beruht, dieses System, das keinen Stillstand duldet. Dort der olympische Gedanke "Dabeisein ist alles", der das Ereignis Olympia in den Vordergrund stellt. Nicht das Ergebnis.
Für Bach ist der Rekord ein Abfallprodukt
Die Debatte hat der IOC-Vizepräsident Thomas Bach entfacht, der sich für eine Abkehr vom Rekorddenken ausspricht und die Gier nach Bestzeiten anprangert. Gegenüber der StZ sagt er kurz vor Beginn der olympischen Rekordhatz: "Es geht um den Wettkampf, und der Sieg darf nicht hinter den Rekord treten. Der Rekord ist letztlich ein Abfallprodukt des Sieges und nicht der Sinn des Wettkampfes. Wir müssen die Uhr nicht abschaffen, aber eine Besinnung auf das Duell wäre sinnvoll." Doch einer der wichtigsten Männer des Sports steht dem skeptisch gegenüber: der IOC-Präsident Jacques Rogge. "Er denkt in diesem Punkt anders als ich, es ist vielleicht die einzige Meinungsverschiedenheit, die wir haben", sagt Bach.
Man kann den Konflikt sehen. Er ist rot und eine Linie. Sie ist zu einem Politikum geworden in einer Debatte, in der es um viel mehr als nur diese eingeblendete rote Linie geht. Sie ist ein Symbol geworden für das Rekordstreben des Sports, vielleicht auch für das, was aus dem Sport geworden ist. Ein gieriger Apparat, ein nimmersatter Vielfraß, der nach immer mehr verlangt. Nach höher, schneller, stärker. Nach citius, altius, fortius.
Bach hat ein Problembewusstsein geschaffen
Diese rote Linie, die bei Schwimmübertragungen den Weltrekord markiert, zeigt gnadenlos, wie weit der Athlet von der aktuellen Bestmarke entfernt ist, wie viele Meter einem Sportler in der Leichtathletik bei den Wurfdisziplinen zu abartigen Bestweiten aus den Hochzeiten des anabolen Sportkriegs fehlen. Wenn am Samstag die Wettkämpfe beginnen, dann wird mancher deutscher Zuschauer die rote Linie für die Weltrekordmarken vermissen. Sie sind weg. Überall. Unwiderruflich. Vielleicht für immer.
Auf Betreiben von Thomas Bach, der in dieser Angelegenheit das Gespräch mit den nationalen Fernsehstationen gesucht hat, verzichten die deutschen Sender bei ihren Übertragungen aus Peking auf die entsprechenden optischen Zeichen beim Schwimmen und in der Leichtathletik. Bach, das muss man ihm zugutehalten, ist es mit seinem Anstoß zumindest gelungen, ein Problembewusstsein zu schaffen. "Wir müssen stärker zum Wettkampfdenken zurückkommen und aufhören mit der Jagd auf absolute Rekorde. Wer einen Wettkampf gewonnen, aber den Rekord verfehlt hat, wird da schnell zum Versager gestempelt", sagt auch der Generalsekretär des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB), Michael Vesper.
Ein ausschließlich an Rekorden orientierter Sport birgt in sich die Gefahr des Betrugs, die Gefahr, dass überall dort, wo der Mensch an den Grenzen seiner körperlichen Fähigkeiten scheitert, mit anderen Mitteln versucht wird, nachzuhelfen. Um - neben allerlei egoistischen Gründen - vielleicht auch die Gier der Öffentlichkeit zu befriedigen, um nicht am Ende, als "Olympiatourist" abgestempelt zu werden. Gewiss: es wird auch in anderen Sportarten gedopt, in Disziplinen, die nur das Duell kennen, in denen es nicht um Rekorde geht, sondern allein um den Kampf gegen den Konkurrenten. Wie dem Radsport. Aber wer nach immer mehr verlangt, nach immer schnelleren Zeiten, der trägt eine Mitschuld am Verfall. Thomas Bach sieht diese Gefahr.
Dieser Tage ist eine neue Studie veröffentlicht worden. Laut Untersuchungen der Deutschen Sporthochschule ist in einigen Leichtathletikbereichen die Grenze noch lange nicht erreicht. Für die 100 Meter zum Beispiel haben die Wissenschaftler errechnet, dass Zeiten von 9,6 Sekunden möglich sind. Kim Collins, der langsame Sprinter, lebt das Prinzip des Duells. Es geht um Gold, Silber oder Bronze, nicht um Zehntel oder Hundertstel: "Wenn du eine halbe Stunde brauchst, um die 100 Meter zu gewinnen, ist es halt so, und du bist trotzdem der Sieger."
Von Tobias Schall
Die Enttäuschung ist groß am Abend des 25. August 2003 im Pariser Stade de France. Kurz nach 22 Uhr ist es, als Kim Collins als Erster das Ziel erreicht. Ein Raunen geht durch das Publikum nach diesem Spektakel, das keines war. Weil alles viel länger dauerte, als es sollte. Zehntel um Zehntel verrinnt, bis der schmächtige Sprinter aus St. Kitts & Nevis die 100 Meter hinter sich gebracht hat. 10,07 Sekunden benötigt er, dann ist Kim Collins der langsamste schnellste Mensch der WM-Geschichte. Seit der Einführung der Leichtathletik-WM war kein 100-Meter-Weltmeister langsamer. Das Rennen war eine der knappsten Entscheidungen in der Historie der 100-Meter-Rennen. Am Ende trennten nur 0,02 Sekunden die vier Erstplatzierten.
Das Volk will Rekorde sehen, keinen Kim Collins
Aber dafür interessierte sich keiner. Kim Collins und all die anderen hatten die Erwartungen enttäuscht, dieses Monster namens Gier hatten sie nicht gefüttert. Es gibt kaum ein größeres Spektakel als den Sprint, dieses Faszinosum, die Geschwindigkeit, die so unvorstellbar erscheint. Das Volk will Rekorde sehen, keinen Kim Collins. Der sagte aber nur: "Die anderen Sprinter schauen nur auf die Zeit, meinen wohl: der ist nicht gut genug. Es geht doch darum, dass man im Kräftemessen gegeneinander den Besten ermittelt." Wie kaum ein anderer verkörpert der Sprinter Kim Collins das Dilemma des Sports, der sich durch seine Gier nach Rekorden, nach immer weiteren Bestleistungen in eine historische Krise manövriert hat.
Es ist ein Richtungsstreit in der Welt des Sports entbrannt zwischen jenen, die die permanente Steigerung für einen unantastbaren Teil des Leistungssport halten, darin den Sinn sehen, und jenen Kräften, die einen Paradigmenwechsel fordern. Bei wenigen Ereignissen wird der Disput so offensichtlich wie bei Olympischen Spielen. Hier das "citius, altius, fortius" (schneller, höher, stärker), dieses in Worte gefasste Urpinzip des Sports, das auf der ständigen Steigerung der Leistung beruht, dieses System, das keinen Stillstand duldet. Dort der olympische Gedanke "Dabeisein ist alles", der das Ereignis Olympia in den Vordergrund stellt. Nicht das Ergebnis.
Für Bach ist der Rekord ein Abfallprodukt
Die Debatte hat der IOC-Vizepräsident Thomas Bach entfacht, der sich für eine Abkehr vom Rekorddenken ausspricht und die Gier nach Bestzeiten anprangert. Gegenüber der StZ sagt er kurz vor Beginn der olympischen Rekordhatz: "Es geht um den Wettkampf, und der Sieg darf nicht hinter den Rekord treten. Der Rekord ist letztlich ein Abfallprodukt des Sieges und nicht der Sinn des Wettkampfes. Wir müssen die Uhr nicht abschaffen, aber eine Besinnung auf das Duell wäre sinnvoll." Doch einer der wichtigsten Männer des Sports steht dem skeptisch gegenüber: der IOC-Präsident Jacques Rogge. "Er denkt in diesem Punkt anders als ich, es ist vielleicht die einzige Meinungsverschiedenheit, die wir haben", sagt Bach.
Man kann den Konflikt sehen. Er ist rot und eine Linie. Sie ist zu einem Politikum geworden in einer Debatte, in der es um viel mehr als nur diese eingeblendete rote Linie geht. Sie ist ein Symbol geworden für das Rekordstreben des Sports, vielleicht auch für das, was aus dem Sport geworden ist. Ein gieriger Apparat, ein nimmersatter Vielfraß, der nach immer mehr verlangt. Nach höher, schneller, stärker. Nach citius, altius, fortius.
Bach hat ein Problembewusstsein geschaffen
Diese rote Linie, die bei Schwimmübertragungen den Weltrekord markiert, zeigt gnadenlos, wie weit der Athlet von der aktuellen Bestmarke entfernt ist, wie viele Meter einem Sportler in der Leichtathletik bei den Wurfdisziplinen zu abartigen Bestweiten aus den Hochzeiten des anabolen Sportkriegs fehlen. Wenn am Samstag die Wettkämpfe beginnen, dann wird mancher deutscher Zuschauer die rote Linie für die Weltrekordmarken vermissen. Sie sind weg. Überall. Unwiderruflich. Vielleicht für immer.
Auf Betreiben von Thomas Bach, der in dieser Angelegenheit das Gespräch mit den nationalen Fernsehstationen gesucht hat, verzichten die deutschen Sender bei ihren Übertragungen aus Peking auf die entsprechenden optischen Zeichen beim Schwimmen und in der Leichtathletik. Bach, das muss man ihm zugutehalten, ist es mit seinem Anstoß zumindest gelungen, ein Problembewusstsein zu schaffen. "Wir müssen stärker zum Wettkampfdenken zurückkommen und aufhören mit der Jagd auf absolute Rekorde. Wer einen Wettkampf gewonnen, aber den Rekord verfehlt hat, wird da schnell zum Versager gestempelt", sagt auch der Generalsekretär des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB), Michael Vesper.
Ein ausschließlich an Rekorden orientierter Sport birgt in sich die Gefahr des Betrugs, die Gefahr, dass überall dort, wo der Mensch an den Grenzen seiner körperlichen Fähigkeiten scheitert, mit anderen Mitteln versucht wird, nachzuhelfen. Um - neben allerlei egoistischen Gründen - vielleicht auch die Gier der Öffentlichkeit zu befriedigen, um nicht am Ende, als "Olympiatourist" abgestempelt zu werden. Gewiss: es wird auch in anderen Sportarten gedopt, in Disziplinen, die nur das Duell kennen, in denen es nicht um Rekorde geht, sondern allein um den Kampf gegen den Konkurrenten. Wie dem Radsport. Aber wer nach immer mehr verlangt, nach immer schnelleren Zeiten, der trägt eine Mitschuld am Verfall. Thomas Bach sieht diese Gefahr.
Dieser Tage ist eine neue Studie veröffentlicht worden. Laut Untersuchungen der Deutschen Sporthochschule ist in einigen Leichtathletikbereichen die Grenze noch lange nicht erreicht. Für die 100 Meter zum Beispiel haben die Wissenschaftler errechnet, dass Zeiten von 9,6 Sekunden möglich sind. Kim Collins, der langsame Sprinter, lebt das Prinzip des Duells. Es geht um Gold, Silber oder Bronze, nicht um Zehntel oder Hundertstel: "Wenn du eine halbe Stunde brauchst, um die 100 Meter zu gewinnen, ist es halt so, und du bist trotzdem der Sieger."
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