Heinrich Steinfest

Mariaschwarz

Thomas Klingenmaier, veröffentlicht am 14.08.2008
Foto: STZ/Rudel

Haben Sie sich eigentlich schon einmal überlegt, warum in den Museen so viele Bilder an den Wänden hängen? Sehen Sie, schon stottern Sie herum. Kunst, Öffentlichkeit, Tempel des Sehens und andere Schlagworte bringen Sie jetzt hervor, aber glauben Sie das selbst? Der unangenehme Anwalt Dr. Grünberg hat eine viel bessere Erklärung für die Bilderhängung. "Überall hier", belehrt er uns und den Kriminalinspektor Lukastik in Heinrich Steinfests neuem Roman "Mariaschwarz", "sind Löcher in den Wänden, kleine, große, manche gehen tief ins Mauerwerk, schlängeln sich nach oben, nach unten, zur Seite, führen weiß Gott wohin, andere messen bloß ein paar Zentimeter. Die Welt ist voll von solchen Löchern. Praktisch jede Wand hat ein derartiges Loch. Darum auch die Bilder, nicht nur in den Museen, welche aber naturgemäß zu den löcherreichsten Orten gehören."


  Von Thomas Klingenmaier

 
Wer schon andere Romane des aus Wien nach Stuttgart übersiedelten Autors gelesen, der kann wohl gar nicht anders, als jetzt wissend zu nicken: "Aha, wieder ein echter Steinfest." Die Texte des 1961 in Australien Geborenen wimmeln nämlich von Leuten mit wunderlichen Theorien, absonderlichen Marotten, verschrobenen Kulten und lichtscheuen Gebräuchen. Kann gerade keine Figur einen Spleen demonstrieren, verkündet gern auch der Erzähler mit ins Verlässliche verstellter Stimme irgendeine Erläuterung zu Details des Weltgetriebes, die so beeindruckend expertenhaft wirkt und so mit Vorsicht zu handhaben ist wie ein rundes Geodreieck. Oder Steinfest lässt im Roman etwas Grillenhaftes, Schräges, Logikknitterndes geschehen, was die ein oder andere in Irrsinnsverdacht geratene Theorie nun doch wieder wie hellsichtige Weltdechiffrierung wirken lässt.

Mariaschwarz
Foto: Verlag
Das alles ist nun allerdings keine getreuliche Auflistung des Inhaltsstoffs des neuen Krimis "Mariaschwarz". Der ist Steinfests bisher bester, ein wenig schlanker, stringenter, bei allem Dissidentendenken noch in den kleinsten Dingen des Alltags laufruhiger als die früheren Werke. Die oben zitierte Lochtheorie des Dr. Grünberg wäre in den letzten paar Romanen, also ebenjenen, die Steinfest viel Lob und Aufmerksamkeit brachten, eines von vielen Ausstellungsstücken in einem bis unter die Dachbalken vollgestopften Panoptikum gewesen. Jetzt aber ist es nicht einmal ein Schaustück, sondern ein Objekt in einem Freiluftpark, etwas, das sich organisch einfügt in eine Welt, deren Gemachtes zwar offensichtlich bleibt, die aber trotzdem mit Eigenleben drohen kann.

Eine Weile schien es, als entferne sich Steinfest so weit vom Krimierzählen, dass die Krimielemente in seinen Büchern uns bald wie Fetzen eines gesprengten Kokons erscheinen müssten, wie etwas nicht sauber Weggefegtes. In "Mariaschwarz" aber, Heinrich Steinfests erstem Hardcover übrigens, ist auch der Krimiplot bei allen ironischen Brechungen nicht zu verachten.

Der beginnt nämlich mit einem Fremden, der seit drei Jahren ein seltsames Leben in einem nebelverhangenen österreichischen Bergkaff namens Hiltroff führt. Dieser Herr Olander steht tagsüber irgendwo im Ort herum oder draußen am See, der dem Roman den Titel gibt, und säuft sich dann ab dem frühen Nachmittag in der kleinen Kneipe seines Hotels bettschwer. Nein, der Mann hat sein Gedächtnis nicht verloren, er stellt sein Gedächtnis aber auch nicht aus. Er redet nicht über das, was ihn hergetrieben hat, was er zu finden oder hinter sich zu lassen hofft.

Die Geschichte dieses Mannes ent- und verrätselt Steinfest nun mit durchaus spannenden Wendungen. Immer wenn wir etwas sicher zu wissen glauben, wird das nach einiger Zeit wieder entwertet. Wobei das mehr ist als Nasführung bei der krimiüblichen Suche nach einer verborgenen Wahrheit. Es ist eines der ernsteren Steinfest"schen Konzepte, das uns hier begegnet: Es gibt kein falsches Leben, erläutern uns diese Ermittlungsirrwege, beziehungsweise, es gibt überhaupt kein richtiges. Jede falsche Abzweigung führt irgendwohin. Wir müssen nur die Augen offen halten, dann gibt es auf diesem Weg so viel zu fürchten, irren und anzustaunen wie auf jedem anderen.

Der See etwa, ein kaltes, dunkles Loch, eine in die Berge gelegte Absage an naive Badefreuden, ein Symbol des Verschwiegenen und Unnahbaren, wird hier zeitweilig zu einer Medienattraktion. Ein Seeungeheuer soll aufgetaucht sein, ein Verwandter der Seeschlange von Loch Ness. Das unscharfe Beweisfoto nährt zwar den Verdacht auf einen Bubenstreich, aber aus Deutschland wird sogar ein Forschungs-U-Boot angekarrt. Das taucht und sucht vergeblich nach einem übrig gebliebenen Saurier. Was nicht heißt, dass es nichts findet.

Die souveräne, verschmitzte und doch tüftelfreudige Plotführung ist allerdings nicht die zentrale Attraktion von "Mariaschwarz". Steinfest hat anderes zu bieten: seine voll ausgereifte Erzählerstimme. Nun haben seine Bonmots und Aphorismen, seine Weltdeutungen und Verhaltensanalysen einen Zusammenhalt, eine Ruhe und Gelassenheit, die etwas ganz anderes formen als ein Humorkompendium.

So lustig "Mariaschwarz" Seite um Seite ist, dieser allwissende Erzähler ist keine komische Figur. Steinfest zeigt uns ein ganz altmodisches, ein eigentlich untergegangenes Dichterideal in voller Pracht und Blüte, wenn auch im Licht der Ironie: Hier kann einer alles und jeden erklären, kennt sich aus mit Herzen und Hormonen und scheut sich nicht, über alle Vorbehalte und Zweifel der modernen Verunsicherung mit dem Plätteisen solider Verallgemeinerung hinwegzufahren. Das hat jedoch überhaupt nichts Grantelndes, Hirnverdrehtes, Schrulliges mehr, sondern strahlt so etwas wie Mut, Weisheit und Gottesnarrentum aus.

Steinfest kann uns zu allem und jedem ein Bild liefern, eine Interpretation, eine Assoziation, die uns zugleich überrascht und völlig einsichtig ist. Der Polizist Lukastik etwa, der schon früher in Steinfests Diensten stand, stellt sich einmal an eine Bar, wie das Männer seines Alters zu tun pflegten: "Eine Bar ist wie ein Rollstuhl, der nicht rollen kann." Einen Sommerabend weiß er so zu beschreiben: "Eine trockene Hitze nahm den Dingen die Luft, allen Dingen. Jede Fläche, ob sie aus Holz oder Metall oder Kunststoff oder Haut bestand, besaß nun die Konsistenz von altem Papier. Es roch nach einer Ausgrabung historischer Bücher." Und als Lukastik sich im Zug der Ermittlung gezwungen sieht, in einer Wiener Buchhandlung Thomas Bernhards "Alte Meister" zu kaufen, werden wir auf Folgendes aufmerksam gemacht: "Einen Thomas Bernhard zu kaufen, fiel zwischenzeitlich in die Kategorie des Exzentrischen und des Gestrigen. Man wurde dann behandelt wie jemand, der am Mond lebte. Beziehungsweise wie jemand, der noch immer glaubte, dass einst Leute aus Amerika auf diesem Mond gelandet waren. Ja, Thomas Bernhard kaufen, das war wie Äpfel essen, ohne sie vorher zu waschen, oder Schuhe zum Schuster bringen, anstatt sie wegzuschmeißen, oder ein gebrauchtes Fernsehgerät erstehen oder für gutmütige Frauen schwärmen. So war das."

Das geht weit über das boshaft Komische hinaus. Das ist eine Komik, die dem Leben gelassen auf Augenhöhe begegnet. Heinrich Steinfests Kriminalroman "Mariaschwarz" amüsiert nicht nur, sondern vermittelt mit seinem behutsamen Umfassen des Auseinanderbrechenden Geborgenheit. Und das ist etwas Seltenes in der Literatur geworden.

Heinrich Steinfest: Mariaschwarz
(Piper Verlag, München, 316 S., 16,90 Euro)
 

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