Madonna : "Hard Candy"
Geplättet vom Konsensbügeleisen
Jan Ulrich Welke , veröffentlicht am 26.04.2008
Stuttgart - Der Sänger Justin Timberlake fühlte sich dem Vernehmen nach bei den Aufnahmen zu "Hard Candy" so schwächlich, dass Madonna Louise Veronica Ciccone höchstselbst mal Hand anlegen musste. "Hose runter", befahl angeblich die Popkönigin, um ihm dann eine Vitaminspritze in den Popo zu drücken. "Einer der größten Tage meines Lebens" sei dies gewesen, bekannte Timberlake hernach - und mit dem vielleicht befeuernden Gedanken, von Madonna mal tüchtig was auf den Hintern zu bekommen, steht er ja vermutlich nicht alleine da.
Von Jan Ulrich Welke
Nicht artig...
Die Koketterie mit Sex und Libido, das Spiel mit Zuckerbrot und Peitsche - sie sind schließlich seit je das Markenzeichen der amerikanischen Sängerin. Auch auf ihrem aktuellen, jetzt erschienenen Album bleibt Madonna sich da treu. In Songs wie "Give it 2 me" werden Eindeutigkeiten verhandelt, die botoxbepumpte Fünfzigjährige posiert auf dem Cover breitbeinig in einer Bondagekorsage, und während man das noch lasziv nennen mag, muss man doch zumindest den Albumtitel anzweifeln: Der Slangausdruck "Hard Candy" ist ein Synonym für Sex mit Minderjährigen.
Ihrer Popularität wird dieses Spiel mit Tabus nicht schaden, denn wenn die erfolgreichste Popsängerin der Welt ruft, kommen sie noch immer alle. Pharrell Williams, die eine Hälfte des Erfolgsproduzentenduos The Neptunes, schrieb mit ihr einen Großteil der zwölf neuen Stücke, auf der ersten Single "4 Minutes" sind Justin Timberlake und Timbaland dabei, den Song "Give it 2 me" haben die Neptunes produziert. Nate "Danja" Hills, noch so ein Starproduzent, hat den Song "Miles away" mit dem trickreichen polyfonen Refrain verfasst, und auf "Beat goes on" singt der Jungstar Kanye West mit.
Hills arbeitete bereits für Nelly Furtado, Britney Spears und 50 Cent. Pharrell Williams für Beyoncé, N'Sync, Jay-Z und Snoop Dogg. Williams und die Neptunes für Nelly oder No Doubt. Timbaland schließlich für Alicia Keys und überhaupt für alle Größen aus dem R-'n'-B-Geschäft, für alle Hip-Hop-Großmoguln, alle hitverdächtigen Popsternchen und zuletzt verblüffenderweise sogar für die Sängerfee Björk. Alles in allem dürften die Mitwirkenden an diesem Album zusammen schon rund fünfzig Grammys eingefahren haben.
...aber auch nicht großartig
Es sind allerdings auch eben jene Großproduzenten, denen man eine weltweit immer gleichartiger schmeckende Einheitssoße zu verdanken hat. Die für jenen ewig gleichen R-'n'-B-Grundduktus verantwortlich zeichnen, den die Radiosender und Musikfernsehkanäle überall so sehr mögen, weil er leicht verdaulich ist, extreme Lagen meidet, auf Schärfen, Ecken und Reibungen verzichtet.
Alles, was sie in letzter Zeit gehört habe und was ihr gefallen hätte, sei von einem dieser Produzenten aufgenommen worden, ließ Madonna im Vorfeld verlauten. Diese Meinung sei ihr vergönnt, sie bestätigt jedoch exakt die These von der Massensuggestionskraft einer immer gleichförmigeren Musik. Nicht so schlimm wie von manchen im Vorfeld befürchtet, aber doch deutlich hörbar ist der Einfluss dieser Produzenten nun auch auf "Hard Candy" geraten. Man hört dies etwa in dem Song "Give it 2 me", der nur über einen angedeuteten Ska-Beat verfügt, wo ein richtiger 2/4-Takt sein könnte; der nur eine nach Bläsern klingende Synthesizerspur hat, wo ein kräftiger Bläsersatz sein könnte; der nur ein wenig auf den verfremdenden Gesangseffekt eines Vocoders setzt, während davon etwa auf Madonnas "Music"-Album noch äußerst fleißig Gebrauch gemacht wurde.
Dennoch, und das ist das eigentlich Verwunderliche, ist "Give it 2 me" mit seinem federnden und originellen Beat eines der besten Stücke des Albums. Denn ein wenig rhythmische und stilistische Frische bieten ansonsten nur noch die Songs "Miles away" und "Spanish Lesson"; selbst das Lied "Devil wouldn't recognize you", an dem der fabelhafte Americana-Songwriter Joe Henry (Madonnas Schwager übrigens) mitschreiben durfte, bleibt vergleichsweise belanglos.
Keine überzeugenden Discobeats, kein Ohrwurmrefrain
Was aber diesem Album vor allem fehlt, sind überzeugende klassische Discobeats, eben genau das, was diese Sängerin groß gemacht hat. Es gibt keine einzige sofort im Gedächtnis bleibende Nummer, keinen einzigen Ohrwurmrefrain, keinen einzigen lässig treibenden Beat; es gibt keine Hits wie "Hung up" und "Sorry" auf dem Vorgängeralbum oder "Die another Day", "Hollywood" und "American Life" auf dem Vorvorgänger. Was bleibt, ist ein solides, aber ohne sonderliche Höhepunkte dahinplätscherndes Album. Ein Album, das man gewiss nicht schlecht nennen kann, das aber dem selbst gesteckten Anspruch, den die Sängerin Madonna ihrem Biografen Randy Taraborelli einmal verriet, nicht gerecht wird. "Nicht viel" wolle sie erreichen, so Madonna damals, "einfach das Beste von allem, was es gibt".
An Madonnas Königinnenthron wird so schnell keiner rütteln können, selbst wenn dieses Album längst nicht an das vor drei Jahren veröffentlichte "Confessions on a Dance Floor" sowie das vor fünf Jahren erschienene "American Life" heranragt und auch mit dem 2000er-Album "Music" nicht mithalten kann. Aber eine Königin, zumal eine, deren musikalische Vorbilder einmal Debbie Harry, Chrissie Hynde und Elvis Costello hießen, muss sich von Produzentenprinzen wie "Danja" Hills - der noch in die Windeln gemacht hat, als Madonna mit "Holiday" und "Like a Virgin" ihre ersten Erfolge feierte - nicht eine derartige Kantenlosigkeit verpassen lassen. Eine Königin darf sich ein paar musikalische Spleens erlauben. Und sie sollte das auch.
Madonna: Hard Candy. Warner 9362498849
Von Jan Ulrich Welke
Nicht artig...
Die Koketterie mit Sex und Libido, das Spiel mit Zuckerbrot und Peitsche - sie sind schließlich seit je das Markenzeichen der amerikanischen Sängerin. Auch auf ihrem aktuellen, jetzt erschienenen Album bleibt Madonna sich da treu. In Songs wie "Give it 2 me" werden Eindeutigkeiten verhandelt, die botoxbepumpte Fünfzigjährige posiert auf dem Cover breitbeinig in einer Bondagekorsage, und während man das noch lasziv nennen mag, muss man doch zumindest den Albumtitel anzweifeln: Der Slangausdruck "Hard Candy" ist ein Synonym für Sex mit Minderjährigen.
Ihrer Popularität wird dieses Spiel mit Tabus nicht schaden, denn wenn die erfolgreichste Popsängerin der Welt ruft, kommen sie noch immer alle. Pharrell Williams, die eine Hälfte des Erfolgsproduzentenduos The Neptunes, schrieb mit ihr einen Großteil der zwölf neuen Stücke, auf der ersten Single "4 Minutes" sind Justin Timberlake und Timbaland dabei, den Song "Give it 2 me" haben die Neptunes produziert. Nate "Danja" Hills, noch so ein Starproduzent, hat den Song "Miles away" mit dem trickreichen polyfonen Refrain verfasst, und auf "Beat goes on" singt der Jungstar Kanye West mit.
Hills arbeitete bereits für Nelly Furtado, Britney Spears und 50 Cent. Pharrell Williams für Beyoncé, N'Sync, Jay-Z und Snoop Dogg. Williams und die Neptunes für Nelly oder No Doubt. Timbaland schließlich für Alicia Keys und überhaupt für alle Größen aus dem R-'n'-B-Geschäft, für alle Hip-Hop-Großmoguln, alle hitverdächtigen Popsternchen und zuletzt verblüffenderweise sogar für die Sängerfee Björk. Alles in allem dürften die Mitwirkenden an diesem Album zusammen schon rund fünfzig Grammys eingefahren haben.
...aber auch nicht großartig
Es sind allerdings auch eben jene Großproduzenten, denen man eine weltweit immer gleichartiger schmeckende Einheitssoße zu verdanken hat. Die für jenen ewig gleichen R-'n'-B-Grundduktus verantwortlich zeichnen, den die Radiosender und Musikfernsehkanäle überall so sehr mögen, weil er leicht verdaulich ist, extreme Lagen meidet, auf Schärfen, Ecken und Reibungen verzichtet.
Alles, was sie in letzter Zeit gehört habe und was ihr gefallen hätte, sei von einem dieser Produzenten aufgenommen worden, ließ Madonna im Vorfeld verlauten. Diese Meinung sei ihr vergönnt, sie bestätigt jedoch exakt die These von der Massensuggestionskraft einer immer gleichförmigeren Musik. Nicht so schlimm wie von manchen im Vorfeld befürchtet, aber doch deutlich hörbar ist der Einfluss dieser Produzenten nun auch auf "Hard Candy" geraten. Man hört dies etwa in dem Song "Give it 2 me", der nur über einen angedeuteten Ska-Beat verfügt, wo ein richtiger 2/4-Takt sein könnte; der nur eine nach Bläsern klingende Synthesizerspur hat, wo ein kräftiger Bläsersatz sein könnte; der nur ein wenig auf den verfremdenden Gesangseffekt eines Vocoders setzt, während davon etwa auf Madonnas "Music"-Album noch äußerst fleißig Gebrauch gemacht wurde.
Dennoch, und das ist das eigentlich Verwunderliche, ist "Give it 2 me" mit seinem federnden und originellen Beat eines der besten Stücke des Albums. Denn ein wenig rhythmische und stilistische Frische bieten ansonsten nur noch die Songs "Miles away" und "Spanish Lesson"; selbst das Lied "Devil wouldn't recognize you", an dem der fabelhafte Americana-Songwriter Joe Henry (Madonnas Schwager übrigens) mitschreiben durfte, bleibt vergleichsweise belanglos.
Keine überzeugenden Discobeats, kein Ohrwurmrefrain
Was aber diesem Album vor allem fehlt, sind überzeugende klassische Discobeats, eben genau das, was diese Sängerin groß gemacht hat. Es gibt keine einzige sofort im Gedächtnis bleibende Nummer, keinen einzigen Ohrwurmrefrain, keinen einzigen lässig treibenden Beat; es gibt keine Hits wie "Hung up" und "Sorry" auf dem Vorgängeralbum oder "Die another Day", "Hollywood" und "American Life" auf dem Vorvorgänger. Was bleibt, ist ein solides, aber ohne sonderliche Höhepunkte dahinplätscherndes Album. Ein Album, das man gewiss nicht schlecht nennen kann, das aber dem selbst gesteckten Anspruch, den die Sängerin Madonna ihrem Biografen Randy Taraborelli einmal verriet, nicht gerecht wird. "Nicht viel" wolle sie erreichen, so Madonna damals, "einfach das Beste von allem, was es gibt".
An Madonnas Königinnenthron wird so schnell keiner rütteln können, selbst wenn dieses Album längst nicht an das vor drei Jahren veröffentlichte "Confessions on a Dance Floor" sowie das vor fünf Jahren erschienene "American Life" heranragt und auch mit dem 2000er-Album "Music" nicht mithalten kann. Aber eine Königin, zumal eine, deren musikalische Vorbilder einmal Debbie Harry, Chrissie Hynde und Elvis Costello hießen, muss sich von Produzentenprinzen wie "Danja" Hills - der noch in die Windeln gemacht hat, als Madonna mit "Holiday" und "Like a Virgin" ihre ersten Erfolge feierte - nicht eine derartige Kantenlosigkeit verpassen lassen. Eine Königin darf sich ein paar musikalische Spleens erlauben. Und sie sollte das auch.
Madonna: Hard Candy. Warner 9362498849
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