25 Jahre Mutlangen

"Uns ging es um ein Symbol"

dpa, veröffentlicht am 25.08.2008
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Mutlangen - Zwei alte Bunker sind die einzigen verbliebenen Zeugen auf dem ehemaligen Militärgelände in Mutlangen auf der Ostalb (Baden-Württemberg). In knalligen Farben prangt die Aufforderung "Frieden schaffen" auf ihren alten Mauern. Im Hintergrund erstreckt sich ein Neubaugebiet. Vor 25 Jahren saß Wolfgang Schlupp-Hauck auf dem kalten Asphalt der Zufahrtsstraße zum Gelände und leistete mit mehreren Hundert anderen Friedensaktivisten "zivilen Ungehorsam". Er wollte so die Stationierung von 36 Pershing-II-Raketen mit atomaren Sprengköpfen verhindern. Vom 1. bis 3. September 1983 eilten ihnen dann auch Prominente zu Hilfe.

Trotz monatelanger Proteste stimmte der Bundestag am 22. November 1983 der Stationierung der Raketen zu. Am 26. November trafen die ersten Raketenteile in Mutlangen ein. Die Raketen konnten innerhalb von sieben Minuten Moskau erreichen. Erst am 20. November 1990 wurden in Mutlangen die letzten Raketen abgezogen.

Ziviler Ungehorsam gegen die Aufrüstung

25 Jahre nach Raketenstationierung in Mutlangen
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"Uns ging es um ein Symbol", erklärt der heute 50-Jährige. Die Demonstranten protestierten friedlich mit Sitzblockaden - ganz wie ihre Vorbilder Mahatma Gandhi und Martin Luther King. Die heute 77 Jahre alte Friedensaktivisten Lotte Rodi erinnert sich, einige Demonstranten hätten zwar auch Reifen zerstochen oder Farbbeutel geworfen. "Aber wir haben uns bemüht, gewaltfrei zu bleiben." Schlupp-Hauck ergänzt: "Wir waren ja auch eher die Bürgerlichen."

Dennoch wurden die Demonstranten von den Einwohnern eher als Störenfriede, denn als Retter empfunden. "Der Widerstand vor Ort kommt immer eher von außen. Die Leute vor Ort arrangieren sich", weiß der Sozialarbeiter Schlupp-Hauck. Immer wieder hätten die Anwohner den Aktivisten gesagt: "Dann sind wir halt die ersten, die tot sind." Rodi erklärt: "Die Leute haben ja auch ganz wild ausgeschaut. Das war für die biederen Mutlanger eine Zumutung."

Auch der heutige Bürgermeister der knapp 6 600-Einwohner-Gemeinde, Peter Seyfried, erinnert sich an das angespannte Verhältnis. "Die Anwohner haben sich aus banalen Gründen geärgert. Sie konnten zum Beispiel nicht in ihre Garagen fahren, wenn eine Blockade war." Seyfried wurde 1986 Bürgermeister in Mutlangen und musste mehrere Räumungsbescheide gegen die Demonstranten verlesen. "Das war eine Gratwanderung. Aber ich hatte keine andere Wahl." Schließlich habe es das Polizeigesetz so vorgesehen.

Unter den Demonstranten: Heinrich Böll und Günter Grass

Vom 1. bis 3. September 1983 unterstützten zahlreiche Prominente die Mutlanger Friedensaktivisten. Unter ihnen waren die Schriftsteller Heinrich Böll und Günter Grass, der frühere Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit Erhard Eppler (SPD), der heutige Linke-Vorsitzende Oskar Lafontaine und der Philologe Walter Jens. Die Polizei ließ die Demonstranten friedlich protestieren. "Niemand wollte im Fernsehen sehen, wie Böll weggetragen wird", erklärt die ehemalige Gymnasiallehrerin und überzeugte Katholikin Rodi. Nach den Prominenten folgten noch Richter, Ärzte und Musiker.

Stets verharrte im Anschluss an die Blockaden eine kleine Gruppe in Mutlangen und quartierte sich in einer Scheune in der Nähe des Lagers ein. Die provisorisch eingerichtete Pressehütte mit einem Telefonanschluss und einem Waschbecken wurde zum Hauptquartier der Protestler. "Es stand immer einer am Fenster und beobachtete die Zufahrtsstraße", erinnert sich Schlupp-Hauck. Sobald die Raketen das Lager verließen, strömten die Aktivisten in die umliegenden Wälder aus, um die Positionierung der Raketen zu verhindern.

In der Zeit der Blockaden wurden knapp 3000 Menschen festgenommen, davon landeten etwa 200 im Gefängnis. Aber auch das gehörte zum öffentlichen Protest. Schlupp-Hauck wurde dreimal festgenommen und verurteilt, kam aber nie ins Gefängnis. Die Gerichte taten sich schwer, ihre Urteile zu begründen. Das Bundesverfassungsgericht entschied schließlich 1995, dass Sitzblockaden keine Gewalt sind und die Festgenommenen wurden daraufhin entschädigt.

Auch heute sind Rodi und Schlupp-Hauck noch in der Friedensbewegung aktiv. Sie veranstalten in der Pressehütte Seminare und Tagungen. Bis zum 30. August sind sie in Büchel in der Eifel (Rheinland-Pfalz). Wie vor 25 Jahren wollen sie dort friedlich für den Abzug der letzten in Deutschland stationierten Atomwaffen protestieren. "Das ist meine Lebensaufgabe", sagt Schlupp-Hauck.
 

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