Interview mit SWR-Intendant Boudgoust

"Wir sind natürliche Partner der Zeitungen"

Fragen von Josef-Otto Freudenreich, veröffentlicht am 29.08.2008
Foto: AP

Der Chef ist stolz auf seinen Sender, den er seit Mai 2007 leitet. Das muss wohl so sein, zum zehnten Geburtstag des SWR. Sorgen macht sich Peter Boudgoust über die Zukunft. Die Jungen gehen den klassischen Medien verloren. Um sie zu gewinnen, will er die Zeitungen mit ins Boot holen - im Internet. In der ARD ist der 53-Jährige dafür federführend zuständig. Im neuen Jahr wird er der Vorsitzende aller öffentlich-rechtlichen Sender sein. Mit ihm sprach Josef-Otto Freudenreich.

Herr Boudgoust, der SWR wird zehn Jahre alt und keiner feiert. Warum nicht?

Wir zeigen unsere Highlights aus zehn Jahren Programm. Das genügt. Eine rauschende Feier kann ich nicht rechtfertigen, wenn die Gebührenerhöhung von 1,2 Prozent durch die Inflationsrate längst aufgefressen ist.

Schade eigentlich. Die Bühlerhöhe hätte dem SWR gewiss wieder gerne eine Geburtstagsfete ausgerichtet.

Ich habe keine vertiefte Beziehung zu dem Ort. Sie spielen auf den 60. Geburtstag meines Vorgängers an. Nur soviel dazu: Die Umstände des Geburtstags (wegen dessen Finanzierung der Staatsanwalt ermittelte - d. Red.) waren und sind für mich kein Skandal.

Könnte es auch sein, dass Sie gar nichts zu feiern haben?

Dem widerspreche ich. Der Marktanteil des SWR Fernsehens ist seit der Fusion um fast ein Drittel gestiegen. Wir haben für herausragende Produktionen Preise bekommen, sind der Dokumentarfilmsender in der ARD, und haben mit dem neuen Stuttgarter "Tatort" eine Reihe aufgelegt, die beim Publikum und der Kritik hervorragend angekommen ist. Beim Radio ist SWR3 nach wie vor die meistgehörte Welle in Deutschland, SWR4 das meistgehörte Landesprogramm in Baden-Württemberg. Wir haben allen Grund, mit Stolz auf diese Erfolge zu blicken.

Bei den dritten TV-Programmen rangieren Sie unseres Wissens auf dem drittletzten Platz innerhalb der ARD.

In der Quotenliga bewegen wir uns im Mittelfeld, knapp hinter dem WDR. Hier haben wir permanent aufgeholt. Aber wir streben nicht Quote um jeden Preis an. Nicht von ungefähr haben wir den höchsten Kulturanteil aller dritten Programme.

Auch für das junge Publikum attraktiv

Bei Ihrem Amtsantritt haben Sie verkündet, das Programm werde frischer und frecher, und Fehler dürften auch gemacht werden. Haben wir etwas übersehen?

Ja - wir werden immer besser. Mit "Kuttners Kleinanzeigen" und "Matusseks Reisen" haben wir im Ersten innovative Formate geliefert. Mit "Zur Sache Baden-Württemberg!" präsentieren wir ein politisches Magazin, das, ebenfalls gegen den Trend, junges Publikum hinzugewonnen hat.

Wahrscheinlich wegen Günther Oettinger als Gummipuppe.

Das weiß ich nicht. Ich weiß nur, dass es ebenso wichtig wie schwierig ist, die Jungen zu erreichen. Für die unter Dreißigjährigen ist der Computer an die Stelle von Fernseher und Radio getreten. Damit verbunden ist ein inhaltlicher Paradigmenwechsel. Die Jungen interessieren sich immer weniger für Politik und den klassischen Bildungskanon. Deshalb müssen wir mit neuen Angeboten versuchen, sie zu gewinnen. Sonst laufen wir in eine Spaltung der Gesellschaft hinein.

Mit Ihrem Vorabendprogramm werden sie diese Klientel nicht locken. Da wird immer noch nach Herzenslust gekocht, geschunkelt und gekuschelt...

... und eingeschaltet! Gerade unser Vorabendprogramm kommt bei den Zuschauern sehr gut an. Aber auch hier gilt: Wir müssen den Spagat halten. Ein öffentlich-rechtlicher Sender, für den alle Gebühren zahlen, kann nicht nur auf Junge setzen und das Stammpublikum vergrätzen. Wir machen Programm für alle. Diese Arbeit ist niemals abgeschlossen, sondern spiegelt das Leben wider: Es ist eine Dauerbaustelle.

Wenn die Medien versagen, ziehen sie eine Generation Doof heran

Wenn wir die neuen Allensbacher Erkenntnisse ernst nehmen, dann ist die junge Generation für die klassischen Medien ohnehin verloren.

Die Geschäftsführerin des Instituts, Renate Köcher, sagt, dass sich junge Menschen ihre Informationen danach aussuchen, ob sie für sie persönlich relevant sind oder nicht. Sie googeln sich zusammen, was sie für nützlich halten. Das ist anlassbezogen, orientiert sich an spontanen, spektakulären und zufälligen Ereignissen. Ich sehe unsere Aufgabe darin, ihnen eine verlässliche Grundinformation zu bieten, mit der sie das Geschehen um sie herum einordnen können. Dazu müssen wir zum Beispiel die Gesundheitsreform nicht in allen Feinheiten referieren, sondern erläutern, was sie für den Einzelnen bedeutet. Wir müssen mehr Hintergrund, mehr Erklärstücke liefern, und uns nicht darin ergehen, wer gerade mit wem streitet. Wenn wir hier versagen, ziehen wir eine "Generation Doof" heran, die ebenso wenig Zukunftschancen hat wie eine Gesellschaft, die keine Wissensgesellschaft ist. Nur nebenbei: Das ist ein Problem aller Qualitätsmedien.

Eine wichtige empirische Basis dafür ist Ihr Sohn, den Sie gerne als Kronzeugen für die neue Medienwelt anführen.

Er ist nicht mein einziger Ratgeber bei dem Thema. Ich schaue mir auch alle unsere Volontäre an, die mit wachem Verstand durch die Welt gehen. Richtig ist, dass für meinen Sohn der Computer das wichtigste Informationsmedium geworden ist. Aber auch an ihm ist zu erkennen, dass man Erfolg haben kann, wenn ihm die Relevanz der Information zu vermitteln ist. Er ist zum Hörer des Deutschlandradios geworden.

Der Pluspunkt geht an Ernst Elitz, den Intendanten. Nicht an den SWR, in dessen Radio eben arg viel gedudelt wird.

Zum einen haben wir SWR2 als Kultur- und Informationsprogramm sowie das erfolgreiche Wortradio SWR Contra, das leider nicht flächendeckend zu empfangen ist, weil wir dafür außerhalb von Stuttgart keine UKW-Frequenzen bekommen haben. Zum anderen ist es eine schmale Schicht, die sich das Deutschlandradio oder auch SWR2 als Leitmedium anhört. Das sind Menschen, die nur an harter Information interessiert sind. Das ist gut so, aber eben nicht die Gesamtheit der Gesellschaft. Wir als SWR sind kein Spartensender, wir müssen auch unterhalten, was aber nicht heißt, dass dies zu Lasten der Qualität geht. Diese Gratwanderung schaffen unsere Radiowellen meines Erachtens gut. Im Übrigen hat die Stuttgarter Zeitung auch eine Seite, die "Aus aller Welt" heißt.

Nur noch Britney Spears?

Nichts gegen den 13. Absturz von Britney Spears, aber alles gegen eine Durchboulevardisierung in den Medien.

Wenn Boulevardisierung kein Selbstzweck ist, sondern dazu dient, Menschen abzuholen, die mit purer Information nicht mehr zu erreichen sind, dann ist das legitim. Sonst findet genau das statt, was Frau Köcher vom Allensbach-Institut beklagt: Die Aufspaltung der Gesellschaft in eine Informationselite und den großen Rest, der nur noch die Abstürze von Britney Spears kennt.

Darüber müssten Sie sich mit vernünftigen Zeitungsverlegern einigen können. Auch auf dem neuen Schlachtfeld: dem Internet.

Manche Verleger mögen das Netz als Schlachtfeld betrachten. Ich tue das nicht. Ich kann nur dafür plädieren, Feindbilder, Schutzzäune und Verbotsschilder abzubauen. Wir sind keine wirtschaftliche Konkurrenz für die Zeitungen, denn wir dürfen im Internet nicht werben und machen keine kostenpflichtigen Angebote. Viel mehr sind wir natürliche Partner, wenn es darum geht, Qualität ins Netz zu bringen. Die wirklichen Gegner, die eigentliche Bedrohung, sind Konzerne wie Google und Microsoft, die mit Infotainment-Angeboten kommen werden, die Jubel, Trubel, Heiterkeit versprechen. Das ist weder unser Auftrag noch jener der Zeitungsverleger, die auf ein Qualitätsprodukt Wert legen.

Die Verleger wollen sich eben nicht in die Suppe spucken lassen von einem, der den Bauch mit sieben Milliarden Gebührengeldern schon voll hat.

Wir sind gar nicht in der Lage, zum großen Schlag auszuholen, weil wir für Online keine zusätzlichen Mittel haben. Denkblockaden helfen hier nicht weiter. Es ist das falsche Kalkül, anzunehmen, dass eine Verknappung der Information die Jugend dazu bringt, sich auf die wenigen verbliebenen Anbieter von seriösen Informationen zu stürzen. Es muss unser beider Interesse sein, bei ihr den Sinn dafür zu wecken, dass es "cool" ist, gut informiert zu sein. Wer einmal diesen Geist geatmet hat, will sich nicht auf einen beschränken, der ihm die Welt erklärt.

Und deshalb drängen Sie, völlig selbstlos, mit Texten, Bildern und Filmen ins Internet. Als Hüterin der Pressefreiheit und damit der Demokratie.

Die Öffentlichen sind keine Heiligen

Wir sind keine Heiligen und haben auch keinen Alleinvertretungsanspruch. Aber wir haben vom Gesetzgeber den Auftrag, unser Publikum mit einer zuverlässigen Grundversorgung auszustatten. Dazu zählt unseres Erachtens auch das Internet.

Die Verleger fürchten, wenn man ihre Reden hört, schlicht um ihre Existenz.

Warum nur haben sie so wenig Vertrauen in ihr eigenes Medium? Für mich ist Print noch lange nicht tot. Außerdem sollten sie nicht zu hohe Erwartungen ins Netz setzen. Meines Wissens rentiert sich von allen journalistischen Internet-Angeboten bisher nur "Spiegel Online". Ich bezweifle sehr, dass da noch viele Beispiele folgen werden. Aber nochmals: Wir, die öffentlich-rechtlichen Sender und die Verleger, können das Feld nicht Google und Microsoft überlassen. Wenn wir das tun, ist das Internet für Qualitätsjournalismus verloren.

In unserer Branche heißt es, Ihr Liebeswerben sei nur ein Trick, um davon abzulenken, dass Sie in Wirklichkeit eine elektronische Presse anstreben.

Wir wollen keine "elektronische Presse". Wenn das so wäre, müsste ich mich fragen, warum derzeit so viele Zeitungsverlage, auch im Südwesten, mit uns über eine Kooperation verhandeln, und warum die "WAZ" mit dem WDR handelseinig geworden ist. Da ist viel Taktik im Spiel.

Wir wissen von Springer und Holtzbrinck. Wer ist noch dabei?

Die Beteiligten haben kein Interesse daran, auf dem offenen Markt präsentiert zu werden. Aber ich kann Ihnen versichern, dass es bald zu Vertragsabschlüssen kommen wird. Ich könnte Ihrem Haus zum Beispiel bewegte Bilder vom Präsidentschaftswahlkampf in den USA anbieten. Das wäre doch eine gute Ergänzung für Ihr geschätztes Printprodukt.
 
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