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Pop-Phänomen PeterLicht

"Bedeckte Körper sind okay"

AP, veröffentlicht am 17.09.2008
Foto: peterlicht.de

Frankfurt/Main - Als Mann ohne Gesicht hat PeterLicht Fernsehgeschichte geschrieben: Im Mai 2006 sang er bei Harald Schmidt, und die Kameras zeigten ihn nur von den Füßen bis zum Oberkörper. Auch als er vergangenes Jahr beim Bachmann-Preis vorlas, wurde er für das Fensehen nur von hinten aufgenommen. Offizielle Fotos mit seinem Gesicht gibt es nicht.

"Bei PeterLicht geht es nicht um einen Menschen, der dahinter steht. Ich bin da einfach irrelevant", erklärt er in einem Interview zu seinem neuen Album "Melancholie und Gesellschaft" (Motor Music). Um seine Nicht-Person veranstaltet der Künstler ein großes Hokuspokus. Anfang des Jahrtausends erschienen seine Werke - darunter auch der Hit "Sonnendeck" - unter dem Namen Meinrad Jungblut, wobei unklar ist, ob das sein wirklicher Name oder auch nur ein Pseudonym ist. Später wurde daraus Jungblutpeterlicht, und heute ist er nur noch PeterLicht.

Angeblich stammt er aus dem Schwäbischen, ist etwa Mitte 30 und lebt übereinstimmenden Medienberichten zufolge in Köln. Einen ganzen Strauß an Erklärungen bietet er für sein Versteckspiel, das sogar er selbst als absurd bezeichnet. Die Grenzen seiner Verfügbarkeit wolle er damit aufzeigen. Viele Lieder würden sich von alleine singen und viele Geschichten von alleine schreiben. Es sei nicht wichtig, die Biografie einer Person zu vertonen. "Ich bin selber froh um alles, was ich nicht weiß, um alles, was ich nicht sehen muss und um jede Leerstelle, die mir gelassen wird", sagt er. Zugleich räumt er aber auch ein, dass es ein unglaublicher Kraftaufwand und ein Energiekiller sei, "das alles so durchzuballern".


"Melancholie und Gesellschaft" ist der Titel seines mittlerweile vierten Albums. Dass auch die Dissertation des bekannten Soziologen Wolf Lepenies den gleichen Namen hat, habe er erst später gemerkt - und dann sogar überraschende inhaltliche Parallelen festgestellt. "Die Hauptproduktion des Systems ist am Ende Melancholie. Das ist kein krankhafter Zustand. Ich möchte das getrennt wissen von der Depression und der Resignation. Melancholie ist eine Geisteshaltung, die logisch da sein muss und dann auch gut ist", sagt PeterLicht.

Mit dem neuen Album habe er einen Schritt in Richtung Ernsthaftigkeit getan - "wo es keinen doppelten Boden mehr gibt, keine Ironie". Er habe sich bemüht, die Dinge so abzubilden, wie sie sind.

Zu dieser Direktheit gehört für PeterLicht mittlerweile auch der bewusste Verzicht auf Elektronik. Auf seinen frühen Werken hatte er noch mit Synthesizern experimentiert, was ihm den Ruf eines Elektro-Poppers einbrachte, der in der Tradition der Neuen Deutschen Welle steht. "An einem Synthesizer Klänge zu schrauben ist ein uferloses Unterfangen, das eigentlich nie gelingt, weil man so viele Möglichkeiten hat, dass man verrückt werden kann über jeden einzelnen Ton", sagt PeterLicht heute.

Auch den Bezug zur Neuen Deutschen Welle will er heute nicht mehr so stehen lassen. "Klar, ich komme aus Deutschland, und ich mache Musik, die hier entsteht und hier stattfindet", sagt er. Aber heute werde ohnehin viel selbstbewusster deutsche Musik gemacht als Anfang der 80er Jahre, so dass man sich nicht immer wieder mit NDW in Beziehung setzen müsse. So klinge auch der Albumtitel nur zufällig wie "Monarchie und Alltag", jene legendäre Platte der Fehlfarben, die zu den Höhepunkten der NDW-Zeit zählte.

PeterLicht instrumentiert sein aktuelles Werk sparsam mit Klavier, Gitarre und Schlagzeug. Das Tempo des Albums ist eher getragen. Dezente Streicher-Arrangements gibt es im Opener "Räume räumen", einem der schönsten Lieder des Albums, in dem er seine Liebe zu seiner Umwelt mit poetischen Versprechen ausdrückt, wie die Straßen zu massieren oder die Häuser einzucremen.

Interpretationshilfen zu seinen Texten will PeterLicht nicht geben. "Das, was ich sagen möchte, sollte eigentlich in dem Text gesagt sein. Wenn ich noch viel dazu erklären muss, ist es ein gescheitertes Lied. Ich finde es gut, wenn die Lieder ein Eigenleben haben, wenn man sie so oder so verstehen kann und wenn sie sich von mir entfernen, so dass es nicht mehr relevant ist, wie ich mich da sehe."


Trotzdem habe er durchaus eine Botschaft. So gebe es auf dem neuen Album auch ein richtiges Protestlied. "Damit möchte ich dann auch die Welt retten, so wie das eins zu eins benannt ist in 'Stilberatung/Restsexualität'", sagt er. In dem Lied ruft er dazu auf, doch bitte keine Sexualität mehr in den Medien zu zeigen. "Bedeckte Körper sind in Ordnung" singt er - was ja durchaus auch Programm für seine eigene Verhüllungsstrategie ist.

In Kürze geht PeterLicht auf Deutschland-Tournee - und alle Konzertbesucher können ihre Neugierde befriedigen, wie er denn nun tatsächlich aussieht. "Wer auf eine Konzert von mir geht, der sieht mich - das ist da ganz direkt", verspricht er. Nur Fotografieren dürfen die Fans nicht.

Tour-Termine: 9.10. Schorndorf (Manufaktur), 10.10. Konstanz (Kulturladen), 11.10. Heidelberg (Karlstorbahnhof)
 
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