Leitartikel

Im Reich der Teilhabe

Julia Schröder, veröffentlicht am 17.09.2008

Der große, teure Würfel, der das Gelände hinter dem Stuttgarter Hauptbahnhof in nicht allzu ferner Zukunft schmücken wird, trägt einen Namen, der Aufbruch verheißt: Bibliothek 21.


  Von Julia Schröder

 
Unter diesem Stichwort wird seit 1999, seit der Entscheidung für den Entwurf des Koreaners Eun Young Yi, die neue Stadtbücherei der Landeshauptstadt geführt. Am Donnerstagabend soll der Gemeinderat den Baubeschluss fällen, von 2011 an soll der große Würfel samt seinem vielseitigen Inhalt als Magnet fungieren für den Mailänder Platz. Diesen können sich fantasiebegabte Stadtplaner vorstellen, alle anderen sehen an der Stelle einstweilen eine unkrautüberwucherte Brache und demnächst eine Baugrube. Aber die Zukunft leuchtet, würfelförmig.

Bibliothek 21 - das klingt manchen Ohren wie ein Widerspruch in sich. Eine Bibliothek, ein Aufbewahrungsort für Bücher: das soll ein Ort der Zukunft, ein Ort für das 21. Jahrhundert sein, unser Jahrhundert, in dessen Verlauf die Menschheit, wie viele meinen, lernen wird, ohne Bücher auszukommen?

Wofür braucht man noch eine öffentliche Bücherei?

Hat die Zukunft nicht längst begonnen, im Netz, wo der Suchmaschinenbetreiber Google sich anschickt, das gesamte Menschheitswissen vorrätig zu halten, mit dem elektronischen Lesegerät Kindle, auf das der Inhalt aller Bücher der Welt theoretisch herunterzuladen wäre? Wofür braucht man in der schönen neuen Welt der Digitalisierung denn noch eine öffentliche Bücherei, eine Leihbibliothek, ein Gebäude voller toter Bäume in Gestalt von Papier, Pappe und Regalbrettern?

Eben dafür. Für eben diese Zukunft in einer digitalisierten Welt braucht die Menschheit Bibliotheken, die allen gleichermaßen zugänglich sind. 23 Millionen Besucher pro Jahr allein in den 800 Stadt- und Stadtteilbüchereien des Landes Baden-Württemberg wissen das. Und glücklicherweise wissen die meisten Stadtväter und -mütter das ebenso, auch wenn am Personal gespart wird, auch wenn jedes fünfte Landeskind in einer Gemeinde ohne kommunale Bibliothek lebt.

Diese zwanzig Prozent der Bevölkerung sind zu bedauern. Sie entbehren in ihrem Flecken jenen Ort, mit dem sich für ein ganzes Leben die Erinnerung an die magischen Momente verbindet, wenn man sich aus einer Riesenfülle das schönste Bilderbuch aussuchen darf, später dann jenes beruhigende Gefühl, mit eigenen Augen zu sehen, dass der Lesestoff so bald nicht ausgehen wird.

Systematische Suche nach Informationen

Allerdings erschöpft sich die Funktion von Stadt- und Gemeindebüchereien keineswegs darin, den Eltern kleiner Leseratten viel Geld zu sparen, und auch nicht darin, dem Bücherfreund in Städten ohne Literaturhaus, ohne aktive Buchhändler die Begegnung mit Autoren und anderen literarisch Interessierten zu ermöglichen. Sie sind heutzutage vor allem Orte der systematischen Suche nach Informationen.

Dem Surfer in Blogs und Chats, auch dem kritischen Wikipedia-Routinier mag überholt oder übertrieben scheinen, was Goethe 1801 nach dem Besuch der Göttinger Universitätsbibliothek notierte: Angesichts dieses ungeheuren Datenspeichers fühle man sich "wie in Gegenwart eines großen Kapitals, das geräuschlos unberechenbare Zinsen spendet". Goethes dankbare Erinnerung, er habe von "allen Angestellten die entschiedenste Beihülfe" erfahren, benennt eine bis heute gültige Qualität einer gut geführten Bücherei: "Nicht allein ward mir was ich aufgezeichnet hatte vorgelegt, sondern auch gar manches, das mir unbekannt geblieben war, nachgewiesen."

Büchereien sind keine Büchermuseen

Öffentliche Bibliotheken sind nämlich zuallerletzt Nachtasyle für staubige Schwarten, sie sind auch keine Büchermuseen. Sie sind Häuser, in denen "hülfreiche" Angestellte dem, der eintritt, mit ihrer Anleitung Türen zum Wissen öffnen, und gar nicht so selten sind diese Türen Internetportale. Wozu die Bibliothekarinnen und Bibliothekare kleinen wie großen Besuchern verhelfen, nennt man heute Erwerb von Schlüsselqualifikationen.

Man mag es etwas prosaisch finden, dass das öffentliche Bibliothekswesen in Baden-Württemberg im Weiterbildungsförderungsgesetz einzig Erwähnung findet. Aber so abwegig ist das gar nicht. Aus Bibliotheken werden eben nicht nur stapelweise spannende Romane hinausgeschleppt, sondern ebenso viel Medienkenntnis und Medienkompetenz. Und in der Bibliothek hat auch derjenige Zugang zum weltweiten Netz und zu einer Vielzahl von Datenbanken, der sich keinen Computer für daheim leisten kann oder möchte.

Die Bibliothek, hat die Stuttgarter Stadtbüchereichefin Ingrid Bussmann dem "Literaturblatt" gesagt, sei "ein Ort, der einzige wohl, an dem man selbst entscheiden kann, was man tut. Über die Stadt schauen, Zeitung lesen, arbeiten; es gibt keinen Zwang, etwas zu tun; man ist öffentlich, ohne öffentlich sein zu müssen." Diese Reiche des Wissens sind Reiche der Freiheit. Sie sind Stätten der Teilhabe, der Bildung für alle. Sie sind Orte für die Demokratie.
 

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