Kommentar
Startschuss für die neue Stadt
Thomas Borgmann, veröffentlicht am 18.09.2008
Stuttgart - Wirklich historische Momente sind rar, auch in der Kommunalpolitik. Doch was der Gemeinderat am Donnerstagnachmittag mit breiter Mehrheit beschlossen hat, darf man getrost eine historische Entscheidung nennen. Mitten auf dem öden Brachland hinter dem Hauptbahnhof wird die Bibliothek 21 gebaut - ein "Kulturwürfel" für jedermann, mit dem die Landeshauptstadt ihren Ruf untermauert, der kulturelle Mittelpunkt Baden-Württembergs zu sein und ihren Bürgern, auch denen aus der Region, etwas ganz Besonderes zu bieten.
Von Thomas Borgmann
Oberbürgermeister Wolfgang Schuster hatte recht, als er vor gut einem Jahrzehnt diese mutige Vision wagte. Im November wird er mit einigem Stolz den ersten Spatenstich vollziehen können.
Allerdings, mehr als zehn Jahre des Planens, des Abwägens und vor allem des Abwartens sind ins Land gegangen, ehe dieser historische Baubeschluss gefasst werden konnte. Erst im Sommer 2011 werden die Bürger sehen und erleben können, was sich hinter dem anspruchsvollen Titel "Bibliothek des 21. Jahrhunderts" verbirgt. Die Gründe dafür, dass alles so quälend lange gedauert hat, kennt in Stuttgart fast schon jedes Kind: Stuttgart 21 hat sich immer wieder verzögert, also auch die Bibliothek, die quasi schicksalhaft mit dem Bahnprojekt verknüpft ist, das seinerseits wiederum eine historische Dimension besitzt.
Standort war umstritten
Vergessen wir nicht: im Laufe dieser vielen Jahre hat es durchaus Versuche gegeben, die Bibliothek an einem anderen Ort zu errichten, etwa in der Nähe des Schlossplatzes. Ihr Standort war umstritten, doch die Befürworter von Stuttgart 21 konnten und wollten ihn aus für sie guten Gründen nicht zur Disposition stellen oder gar aufgeben.
Hätten sich der Oberbürgermeister und die Mehrheit des Gemeinderats für einen anderen Platz entschieden - alle Welt hätte dies als politisches Signal gegen Stuttgart 21 werten müssen, nicht zuletzt die Investoren, die sich jetzt drängen, um in der Nachbarschaft der Bibliothek weitere Bürozentren zu errichten, vor allem aber Wohnungen. Nur wenn in einigen Jahren neue Bürger in dieses Quartier ziehen, kann daraus ein lebendiger neuer Stadtteil erwachsen. Das haben nun auch die Grünen eingesehen und dem Bau der Bibliothek zugestimmt.
Dieser Baubeschluss ist freilich weitaus mehr als das "grüne Licht" für ein wichtiges Kulturprojekt - er ist gleichsam der Startschuss für den Bau einer neuen Stadt. Stuttgart steht vor dem größten städtebaulichen Wandel seit dem Wiederaufbau der zerstörten Metropole in den fünfziger und sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Die Stadt wird sich, nicht nur durch das "Jahrhundertprojekt" Stuttgart21, tiefgreifend verändern, sondern auch durch die erstaunliche Vielzahl anderer Vorhaben, die bereits entstehen oder bald entstehen werden.
Lange Liste an Vorhaben
Ihre Liste ist lang: Das alte Katharinenhospital wird zu einem der größten Krankenhäuser der Republik ausgebaut und modernisiert. Die Energie Baden-Württemberg kann in wenigen Monaten ihre neue "EnBW-City" auf dem Fasanenhof eröffnen. An der Willy-Brandt-Straße wird das Land neue Ministerien ansiedeln, Stadt und Land gemeinsam werden die Kulturmeile in einen Tunnel legen. An der Mercedesstraße in Bad Cannstatt entsteht der Neckarpark - mit dem Umbau des Stadions für den Profifußball, mit einem Mobilitäts- und Erlebniszentrum sowie mit neuen Attraktionen am Stammsitz des Weltkonzerns Mercedes-Benz. Der Rosensteintunnel wird die wachsenden Verkehrsprobleme rund um die Wilhelma hoffentlich lindern.
Und wenn schließlich die Vernunft über den Eigensinn obsiegt, kann auch aus dem Da-Vinci-Projekt am Karlsplatz etwas werden. Vollständig ist diese Aufzählung bei weitem nicht - viele kleine und mittlere Bauprojekte, auch in den Stadtbezirken, werden das Gesicht Stuttgarts in den nächsten Jahren nachhaltig umkrempeln.
Kein Wunder also, dass vielen Bürgern angesichts dieses Wandels regelrecht angst und bange wird. Sie fürchten sich nicht nur vor den Baustellen und deren Misslichkeiten im täglichen Verkehr, sie sorgen sich auch, ihre vertraute Umgebung zu verlieren, ihre Stadt am Ende gar nicht mehr wiederzuerkennen. Die Kommunalpolitik muss diese Sorgen ernst nehmen - viel ernster, als sie das bisher tut. Mit dem Vertrauen der Bürger in all die Pläne für das neue Stuttgart ist es nämlich nicht weit her. Es mangelt leider an Transparenz und Glaubwürdigkeit, es fehlt die professionelle Informationspolitik - bei der Stadt wie bei vielen privaten Investoren. Wenn sich daran nichts ändert, werden die nächsten Jahre zu einer Zerreißprobe.
Von Thomas Borgmann
Oberbürgermeister Wolfgang Schuster hatte recht, als er vor gut einem Jahrzehnt diese mutige Vision wagte. Im November wird er mit einigem Stolz den ersten Spatenstich vollziehen können.
Allerdings, mehr als zehn Jahre des Planens, des Abwägens und vor allem des Abwartens sind ins Land gegangen, ehe dieser historische Baubeschluss gefasst werden konnte. Erst im Sommer 2011 werden die Bürger sehen und erleben können, was sich hinter dem anspruchsvollen Titel "Bibliothek des 21. Jahrhunderts" verbirgt. Die Gründe dafür, dass alles so quälend lange gedauert hat, kennt in Stuttgart fast schon jedes Kind: Stuttgart 21 hat sich immer wieder verzögert, also auch die Bibliothek, die quasi schicksalhaft mit dem Bahnprojekt verknüpft ist, das seinerseits wiederum eine historische Dimension besitzt.
Standort war umstritten
Vergessen wir nicht: im Laufe dieser vielen Jahre hat es durchaus Versuche gegeben, die Bibliothek an einem anderen Ort zu errichten, etwa in der Nähe des Schlossplatzes. Ihr Standort war umstritten, doch die Befürworter von Stuttgart 21 konnten und wollten ihn aus für sie guten Gründen nicht zur Disposition stellen oder gar aufgeben.
Hätten sich der Oberbürgermeister und die Mehrheit des Gemeinderats für einen anderen Platz entschieden - alle Welt hätte dies als politisches Signal gegen Stuttgart 21 werten müssen, nicht zuletzt die Investoren, die sich jetzt drängen, um in der Nachbarschaft der Bibliothek weitere Bürozentren zu errichten, vor allem aber Wohnungen. Nur wenn in einigen Jahren neue Bürger in dieses Quartier ziehen, kann daraus ein lebendiger neuer Stadtteil erwachsen. Das haben nun auch die Grünen eingesehen und dem Bau der Bibliothek zugestimmt.
Dieser Baubeschluss ist freilich weitaus mehr als das "grüne Licht" für ein wichtiges Kulturprojekt - er ist gleichsam der Startschuss für den Bau einer neuen Stadt. Stuttgart steht vor dem größten städtebaulichen Wandel seit dem Wiederaufbau der zerstörten Metropole in den fünfziger und sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Die Stadt wird sich, nicht nur durch das "Jahrhundertprojekt" Stuttgart21, tiefgreifend verändern, sondern auch durch die erstaunliche Vielzahl anderer Vorhaben, die bereits entstehen oder bald entstehen werden.
Lange Liste an Vorhaben
Ihre Liste ist lang: Das alte Katharinenhospital wird zu einem der größten Krankenhäuser der Republik ausgebaut und modernisiert. Die Energie Baden-Württemberg kann in wenigen Monaten ihre neue "EnBW-City" auf dem Fasanenhof eröffnen. An der Willy-Brandt-Straße wird das Land neue Ministerien ansiedeln, Stadt und Land gemeinsam werden die Kulturmeile in einen Tunnel legen. An der Mercedesstraße in Bad Cannstatt entsteht der Neckarpark - mit dem Umbau des Stadions für den Profifußball, mit einem Mobilitäts- und Erlebniszentrum sowie mit neuen Attraktionen am Stammsitz des Weltkonzerns Mercedes-Benz. Der Rosensteintunnel wird die wachsenden Verkehrsprobleme rund um die Wilhelma hoffentlich lindern.
Und wenn schließlich die Vernunft über den Eigensinn obsiegt, kann auch aus dem Da-Vinci-Projekt am Karlsplatz etwas werden. Vollständig ist diese Aufzählung bei weitem nicht - viele kleine und mittlere Bauprojekte, auch in den Stadtbezirken, werden das Gesicht Stuttgarts in den nächsten Jahren nachhaltig umkrempeln.
Kein Wunder also, dass vielen Bürgern angesichts dieses Wandels regelrecht angst und bange wird. Sie fürchten sich nicht nur vor den Baustellen und deren Misslichkeiten im täglichen Verkehr, sie sorgen sich auch, ihre vertraute Umgebung zu verlieren, ihre Stadt am Ende gar nicht mehr wiederzuerkennen. Die Kommunalpolitik muss diese Sorgen ernst nehmen - viel ernster, als sie das bisher tut. Mit dem Vertrauen der Bürger in all die Pläne für das neue Stuttgart ist es nämlich nicht weit her. Es mangelt leider an Transparenz und Glaubwürdigkeit, es fehlt die professionelle Informationspolitik - bei der Stadt wie bei vielen privaten Investoren. Wenn sich daran nichts ändert, werden die nächsten Jahre zu einer Zerreißprobe.
Mehr aus Stuttgart & Region
Die Farbe des Ozeans Grenzgebiete
Kill Me Please Die Verwöhnten und der Tod
Die Kunst zu lieben Sex ist anstrengend
Lachsfischen im Jemen Dr. Jones und die Liebe
Marley Der Star aus Jamaika
Our Idiot Brother Wer Gras an die Polizei verkauft
Hanni & Nanni 2 Knatterkinokomik
Der Diktator Aladins Wunderschlampe
Das Hochzeitsvideo Parade der Peinlichkeiten
Sohnemänner Schwarzwälder Versuchsanordnung
Ausgerechnet Sibirien Jetzt aber mal jenseits der Jurte
Alle Artikel anzeigen
Anzeigen
Was möchten Sie unternehmen?
Wann möchten Sie etwas unternehmen?

Monat

| Heute | Morgen | Akt. Woche |
| MO | DI | MI | DO | FR | SA | SO |
|---|---|---|---|---|---|---|
| 0 | 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 |
| 0 | 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 |
| 0 | 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 |
| 0 | 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 |
| 0 | 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 |
| 0 | 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 |
Highlights am 23.05.
Brunftzeit - Wildwechsel und Liebestaumel - Renitenztheater
Stuttgarter Ballett: Noverre-Gesellschaft (Premiere) - Staatstheater
Anzeigen



