Uniklinik Ulm
Krebsstudien im Zwielicht
Rüdiger Bäßler, veröffentlicht am 24.09.2008
Siehe auch
Ulm - Zwei mit schweren Mängeln behaftete Krebsstudien des Universitätsklinikums Ulm setzen das umstrittene Präparat Ukrain in ein günstiges Licht. Verantwortlich ist der prominente Operateur Hans Beger. Er behauptet, in guter Absicht gehandelt zu haben.
Von Rüdiger Bäßler
Was das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) im Rahmen einer noch laufenden Untersuchung entdeckte, berichtet in dieser Woche das Nachrichtenmagazin Spiegel. Der Ulmer Spezialist für Bauchspeicheldrüsenkrebs und langjährige Leiter der Viszeral- und Transplantationschirurgie am Ulmer Uniklinikum, Hans Beger, soll mittels zweier klinischer Studien dem Präparat Ukrain Wirksamkeit bescheinigt haben. Als Gegenleistung habe der Professor vom Wiener Hersteller Nowicky Pharma hohe Geld- und Sachleistungen entgegengenommen.
Versäumnisse bei der Durchführung
Was das in Bonn sitzende Bundesinstitut mit Verweis auf die Vertraulichkeit der Untersuchung am Mittwoch nicht kommentieren wollte, bestätigte das Universitätsklinikum: "Die Überprüfung durch BfArM zeigte Versäumnisse bei der Durchführung der Studie." Untersucht worden sei die Wirkung von Ukrain bei Patienten mit Bauchspeicheldrüsenkrebs, die nicht mehr behandelt werden konnten und den baldigen Tod zu erwarten hatten.
Die Studien, bestätigt die Uniklinik, seien zwischen 1999 und 2001 von Beger erarbeitet worden. Der 72-Jährige arbeitet seit seinem Ausscheiden aus dem Lehrbetrieb in einer chirurgischen Gemeinschaftspraxis, kümmert sich um seine Stiftung Bauchspeicheldrüsenkrebs und gibt die chirurgische Fachzeitschrift "Langenbeck's Archives of Surgery" heraus. Seit dem Ausscheiden Begers, so eine Kliniksprecherin, sei jede weitere Arbeit an den Studien eingestellt worden. Das Aufsicht führende Bundesinstitut habe jetzt sämtliche Unterlagen aus den zurückliegenden Jahren bekommen.
Beger sieht sich und seine Studien zu Unrecht durch die Bonner Gutachter in Misskredit gebracht, die nicht verraten, wer sie in Marsch gesetzt hat und die laut Spiegel zu dem Ergebnis kamen, dass die Liste der Patienten wenig glaubwürdig sei und "gezielt zugunsten einer Überlegenheit" von Ukrain geschrieben wurde. Grund für Arbeit sei gewesen, sagte der Mediziner der Stuttgarter Zeitung, "dass die vorhandenen Medikamente wie Gemcitabin praktisch nicht wirksam sind". Es sei "heute wie 1998 so, dass nur ein Prozent der Patienten mit Bauchspeicheldrüsenkrebs überleben". Ihm sei es eine Verpflichtung gewesen, "nachzuschauen, ob es nicht bessere Medikamente gibt".
Die Einwilligung der Probanden fehlt bis heute
Bei dieser Suche ist Beger nach eigener Aussage fündig geworden. Ukrain allein habe zwar nichts bewirkt, jedoch in Verbindung mit dem in Deutschland zugelassenen Präparat Gemcitabin Leben verlängern können. Das sei das Ergebnis seiner Studien gewesen, zu dem er bis heute stehe. Beger gibt Fehler bei der Auswahl von Patienten zu, einem Verfahren, bei dem Probanden per Zufall zwei alternativen Behandlungsmethoden zugeteilt werden. Die Forschungsergebnisse gelten als genauer, weil eine Befangenheit des Forschers, auch eine unbewusste, bei der Einteilung der Gruppen ausgeschlossen werden kann. Dass heute jedoch offenbar die Einwilligung damals sterbenskranker Probanden nicht auffindbar ist, kann sich der Arzt nicht erklären; die Studienunterlagen seien offenbar von der Universität nur unvollständig auf Mikrofilm festgehalten worden.
Niemals, so Beger, habe er vom in Wien ansässigen Pharmaunternehmer und Ukrain-Erfinder Wassil Nowicky persönlich Geld entgegengenommen. "Bis 2002 habe ich den Mann nicht gekannt." Erst nach 2004 habe Nowicky tatsächlich Gelder an die Stiftung Bauchspeicheldrüsenkrebs überwiesen. Wie viel, will Beger nicht sagen. Doch seine Stiftung, bekräftigt er, sei schließlich für das Spendensammeln da. Seit 2005 will auch Beger sich von der Arbeit mit dem umstrittenen Präparat abgewandt haben, gegen das unter anderen auch die Deutsche Krebsgesellschaft Bedenken hat. Nowicky habe seinen Produktionsstandort für das Krebsmittel nach Frankreich verlagert, begründet Beger, dort aber könne "man nicht mehr die Zusammensetzung von Ukrain garantieren".
Peinlich berührt von den Vorgängen weist das Ulmer Klinikum darauf hin, dass Studienfehler wie 2001 heute nicht mehr vorkommen könnten. Experten eines im Jahr 2006 zusammen mit dem Tübinger Klinikum gegründeten Koordinierungszentrums für klinische Studien hätten ein scharfes Auge auf die Forschungsarbeiten und ihre Dokumentation, wird versichert. Die Nachfolgerin von Beger an der Klinik, Doris Henne-Bruns, hatte sich schon 2004 klar von der Arbeit mit Ukrain distanziert. In einer ins Internet eingestellten Stellungnahme schrieb sie: "Ich bedaure zutiefst, dass Patientinnen und Patienten in einer aussichtslosen Krankheitssituation falsche Hoffnungen gemacht wurden."
Von Rüdiger Bäßler
Was das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) im Rahmen einer noch laufenden Untersuchung entdeckte, berichtet in dieser Woche das Nachrichtenmagazin Spiegel. Der Ulmer Spezialist für Bauchspeicheldrüsenkrebs und langjährige Leiter der Viszeral- und Transplantationschirurgie am Ulmer Uniklinikum, Hans Beger, soll mittels zweier klinischer Studien dem Präparat Ukrain Wirksamkeit bescheinigt haben. Als Gegenleistung habe der Professor vom Wiener Hersteller Nowicky Pharma hohe Geld- und Sachleistungen entgegengenommen.
Versäumnisse bei der Durchführung
Was das in Bonn sitzende Bundesinstitut mit Verweis auf die Vertraulichkeit der Untersuchung am Mittwoch nicht kommentieren wollte, bestätigte das Universitätsklinikum: "Die Überprüfung durch BfArM zeigte Versäumnisse bei der Durchführung der Studie." Untersucht worden sei die Wirkung von Ukrain bei Patienten mit Bauchspeicheldrüsenkrebs, die nicht mehr behandelt werden konnten und den baldigen Tod zu erwarten hatten.
Die Studien, bestätigt die Uniklinik, seien zwischen 1999 und 2001 von Beger erarbeitet worden. Der 72-Jährige arbeitet seit seinem Ausscheiden aus dem Lehrbetrieb in einer chirurgischen Gemeinschaftspraxis, kümmert sich um seine Stiftung Bauchspeicheldrüsenkrebs und gibt die chirurgische Fachzeitschrift "Langenbeck's Archives of Surgery" heraus. Seit dem Ausscheiden Begers, so eine Kliniksprecherin, sei jede weitere Arbeit an den Studien eingestellt worden. Das Aufsicht führende Bundesinstitut habe jetzt sämtliche Unterlagen aus den zurückliegenden Jahren bekommen.
Beger sieht sich und seine Studien zu Unrecht durch die Bonner Gutachter in Misskredit gebracht, die nicht verraten, wer sie in Marsch gesetzt hat und die laut Spiegel zu dem Ergebnis kamen, dass die Liste der Patienten wenig glaubwürdig sei und "gezielt zugunsten einer Überlegenheit" von Ukrain geschrieben wurde. Grund für Arbeit sei gewesen, sagte der Mediziner der Stuttgarter Zeitung, "dass die vorhandenen Medikamente wie Gemcitabin praktisch nicht wirksam sind". Es sei "heute wie 1998 so, dass nur ein Prozent der Patienten mit Bauchspeicheldrüsenkrebs überleben". Ihm sei es eine Verpflichtung gewesen, "nachzuschauen, ob es nicht bessere Medikamente gibt".
Die Einwilligung der Probanden fehlt bis heute
Bei dieser Suche ist Beger nach eigener Aussage fündig geworden. Ukrain allein habe zwar nichts bewirkt, jedoch in Verbindung mit dem in Deutschland zugelassenen Präparat Gemcitabin Leben verlängern können. Das sei das Ergebnis seiner Studien gewesen, zu dem er bis heute stehe. Beger gibt Fehler bei der Auswahl von Patienten zu, einem Verfahren, bei dem Probanden per Zufall zwei alternativen Behandlungsmethoden zugeteilt werden. Die Forschungsergebnisse gelten als genauer, weil eine Befangenheit des Forschers, auch eine unbewusste, bei der Einteilung der Gruppen ausgeschlossen werden kann. Dass heute jedoch offenbar die Einwilligung damals sterbenskranker Probanden nicht auffindbar ist, kann sich der Arzt nicht erklären; die Studienunterlagen seien offenbar von der Universität nur unvollständig auf Mikrofilm festgehalten worden.
Niemals, so Beger, habe er vom in Wien ansässigen Pharmaunternehmer und Ukrain-Erfinder Wassil Nowicky persönlich Geld entgegengenommen. "Bis 2002 habe ich den Mann nicht gekannt." Erst nach 2004 habe Nowicky tatsächlich Gelder an die Stiftung Bauchspeicheldrüsenkrebs überwiesen. Wie viel, will Beger nicht sagen. Doch seine Stiftung, bekräftigt er, sei schließlich für das Spendensammeln da. Seit 2005 will auch Beger sich von der Arbeit mit dem umstrittenen Präparat abgewandt haben, gegen das unter anderen auch die Deutsche Krebsgesellschaft Bedenken hat. Nowicky habe seinen Produktionsstandort für das Krebsmittel nach Frankreich verlagert, begründet Beger, dort aber könne "man nicht mehr die Zusammensetzung von Ukrain garantieren".
Peinlich berührt von den Vorgängen weist das Ulmer Klinikum darauf hin, dass Studienfehler wie 2001 heute nicht mehr vorkommen könnten. Experten eines im Jahr 2006 zusammen mit dem Tübinger Klinikum gegründeten Koordinierungszentrums für klinische Studien hätten ein scharfes Auge auf die Forschungsarbeiten und ihre Dokumentation, wird versichert. Die Nachfolgerin von Beger an der Klinik, Doris Henne-Bruns, hatte sich schon 2004 klar von der Arbeit mit Ukrain distanziert. In einer ins Internet eingestellten Stellungnahme schrieb sie: "Ich bedaure zutiefst, dass Patientinnen und Patienten in einer aussichtslosen Krankheitssituation falsche Hoffnungen gemacht wurden."
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