Antike Roboter

Die ersten Antwortgeber

Peter Glaser, veröffentlicht am 25.09.2008
Foto: Internet

Computer sind keine hundert Jahre alt. Andere Teile der digitalen Welt haben tiefere Wurzeln. Die der Roboter reichen etwa 3500 Jahre zurück.


  Von Peter Glaser

 
Seit langem steht neben meinem Rechner eine kleine Mumienfigur aus Steingut. Es ist die Nachbildung einer Grabbeigabe für Iwi, einen Priester des Amun, aus der Zeit nach dem Ende des altägyptischen Mittleren Reichs. Das Original der Figur ist etwa zwei Jahrtausende alt. Die Haarmasse unter dem stilisierten Kopftuch wirkt wie ein Astronautenhelm (sorry, Erich von Däniken, es sieht wirklich nur so aus), das Gesicht glänzt goldbemalt in edler Ruhe, und die Bartperücke weist vom Kinn abwärts wie ein Zeiger auf eine Kolumne von Hieroglyphen, die von der Brust bis zu den Füßen der Figur eingeritzt sind.

 
 


Den Tod sahen die alten Ägypter als einen Übergang in ein "Land im Westen". Symbolisch begann es dort, wo die grünen Felder am westlichen Nilufer endeten und die Wüste beginnt. An dieser Grenze befinden sich die monumentalen Grabstellen, die Pyramiden, das Tal der Könige. In diesem Jenseits musste man nach dem Glauben der Pharaonenzeit genau wie in der diesseitigen Welt tätig werden, um zu bekommen, wonach einem war. Um etwas zu essen zu kriegen, mussten zum Beispiel zuerst die Felder bestellt und später musste geerntet werden. Da die Aristokratie schon damals praktisch veranlagt war, man könnte auch sagen, zur Bequemlichkeit neigte, fertigte man für diese Arbeiten hilfreiche Stellvertreter an - kleine Figuren, die ihren Besitzern im Jenseits alle anstrengenden Verrichtungen abnehmen sollten. Es waren die "Uschebtis", die Antwortgeber (seit ich mich mal vertippt habe, heißt die Figur neben mir Uschebit).

In Mode kamen die Uschebtis vor etwa 3500 Jahren. In Pharaonengräbern der Zeit stießen Archäologen manchmal auf mehr als 1000 Uschebtis. Noch in den Gräbern hoher Beamten fanden sich, einschließlich der zugehörigen Aufseher, bis zu 400 der Helfer. Hier erscheint zum ersten Mal in der Menschheitsgeschichte die Idee des Roboters. Die hieroglyphischen Instruktionen, mit denen die kleinen Figuren beschriftet sind, gleichen frappierend den Anweisungen eines modernen Computerprogramms:
"Magische Puppe, hör mich an! / Wenn ich gerufen werde / Die Arbeit auszuführen... / Wisse, du bist an meiner statt/Vonden Hütern verurteilt/Die Felderzubesäen/DieKanälemitWasserzu füllen/DenSandherüberzuschaffen..."
Am Ende heißt es: "Hier bin ich und höre auf deine Befehle." Auf einem Computer nennt man das heute "dialogorientierte Benutzerführung".

Die Technik, mit der sich die Menschen in den alten Kulturen den Tiefen der Wirklichkeit anzunähern versuchten, heißt Magie. Man erzeugt Regen auf magische Weise, indem man ihn imitiert, man tanzt ihn. Man sichert die Fruchtbarkeit des Bodens, indem man ihm das Schauspiel eines Geschlechtsakts bietet.

Nun sorgen wir im digitalen Zeitalter dafür, dass der menschliche Geist wächst und grünt. Wir versuchen, seine Phänomene in Rechnern und Kommunikationsnetzen nachzubilden. In Neuguinea streifen sich Urwaldbewohner mit Blumenröcken und Federhüten während ihrer traditionellen Tänze symbolisch den Dschungel über. Wir Leute vom Stamm der technisch Zivilisierten wickeln uns in Information und Wissen ein und tanzen einen stillen Tanz.
 

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